Bevor ich auf die Auswirkungen des Kulturförderungsgesetzes im Bereich Literatur näher eingehe, zunächst ein paar Beobachtungen und Fragen, die das Feld abstecken mögen, das wir bewirtschaften, wenn wir über Kunst, Kultur und ihren Wert in der heutigen Gesellschaft debattieren:

Ist das nicht ein denk- und merkwürdiges Phänomen? In seinem Essay «Du musst dein Leben ändern» schreibt der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk: «So hat sich das System des Sports zu einem Multiversum mit Hunderten von Nebenwelten entfaltet – darin feiern die selbstbezügliche Bewegung, das nutzlose Spiel, die überflüssige Verausgabung, der simulierte Kampf ihr Dasein in deutlichstem Gegensatz zum utilitären Objektivismus der Arbeitswelt.» Was also in sloterdijkscher Terminologie für den Sport gilt – die Dimension der Performanz zieht an der Dimension der Arbeit vorbei (und fast alle schauen zu und applaudieren, während sie bereitwilligst ihr Portemonnaie zücken) – gilt für die Simulationsräume der Kunst offenbar mitnichten; kaum je, so scheint es, wurde mit solcher Insistenz nach Sinn, Zweck und Nutzen von Kunst, Kultur und ihrer (staatlichen) Förderung gefragt – als müsse tatsächlich mit allen Mitteln der Kunst eine Milchbüchleinrechnung aufgehen, hier Input, da Output; beides amtlich beglaubigt evaluiert und kontinuierlich optimiert.

Erwartungen an die Kunst

Die Liste der von allen Seiten, auch von Kunstschaffenden selber, ins Feld geführten Versprechungen und Anforderungen, was die Kunst leistet und bitteschön auch zu leisten habe, ist nach oben offen: Kunst und Kultur sollen integrativ wirken, die grossen und kleinen Probleme einer Gesellschaft verhandeln, die Menschen zum Nachdenken anregen, ihre sozialen Kompetenzen fördern, die Selbst- und die Weltwahrnehmung schärfen und vieles mehr.

Diese Erwartungen sind, wie schon Pius Knüsel, damals Direktor der Pro Helvetia festgestellt hat, unrealistisch, ja kontraproduktiv.

Max Frisch hat die Zweckfreiheit aller Kunst reklamiert, was nicht zu verwechseln ist mit Zwecklosigkeit oder gar Beliebigkeit; sie könne transparent machen, was uns als Menschen bewegt, sagte er sinngemäss 1978 im Gespräch mit dem damaligen Bundesrat Furgler, und genau das – und nur das –, macht sie potenziell immun gegen jegliche Form von Vereinnahmung oder Indienstnahme. Was zweckfrei ist, verweist letztlich auf das Rätsel unserer Existenz, ja des Lebens selbst, von dem wir nicht wissen, warum es entstanden ist, auch wenn wir gewissen Aspekten des «Wie» auf die Spur gekommen sind.

Die Angebotsvielfalt fördern

Wenn nun die Kulturbotschaft 2012–2015 die Wichtigkeit von Kunst und Kultur betont, tut sie dies verständlicherweise, indem sie deren identitätsstiftende Wirkung betont; die neu ausgerichteten Literaturpreise sollen denn auch die ausgewählten literarischen Werke über die Sprachgrenzen hinweg schweizweit bekannt machen, durch Übersetzung und Lesereisen der Autorinnen und Autoren. Zahlreiche Begleitmassnahmen also sollen letztlich die gesellschaftliche Relevanz der aktuellen Literatur erhöhen und vielleicht auch das Gespräch darüber, die Qualität der Rezeption verbessern und fördern. Wie weit das gelingt und was damit wirklich gewonnen ist, bleibt abzuwarten; ob eine umfassendere, die ganze Buchkette von der Produktion bis zum Vertrieb und Verkauf einschliessende Literatur- und Leseförderung in der nächsten Finanzierungsbotschaft formuliert und dafür vom Parlament auch mehr Geld gesprochen wird, ebenfalls. Es ist sehr zu hoffen, dass die teils dramatische Situation der literarischen Verlage – und damit der Autorinnen und Autoren –, die sich durch die Aufhebung der Buchpreisbindung noch verschärft hat, damit entscheidend verbessert werden kann. Die Vielfalt des literarischen Angebots ist letztlich entscheidend, wenn die Vielfalt der Bevölkerungssegmente einigermassen abgebildet werden soll. Ebenso müssen die aktuellen Probleme und Veränderungen, die das digitale Zeitalter mit sich bringt, noch stärker ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt werden.

Preise (in allen Sparten) sind schön und gut; sie werden dann allerdings zwiespältig, wenn das öffentlich wahrgenommene «Event» weniger die ausgezeichneten Werke und ihre Urheber sind als vielmehr die Preisverleihung selber, deren Budget oft höher ist als dasjenige für die ausgerichteten Preise.

Möglichkeiten aufzeigen

Der Mensch ist Bürger zweier Welten, jener, die ist, und der anderen, die sein könnte. Der Macht des Faktischen kann die Kunst den Entwurf der Möglichkeiten gegenüberstellen.

Denn was ich zu Beginn als Simulationsraum oder Simulationsräume der Kunst beschrieben habe, nennt Sloterdijk «symbolische Praktiken, mit denen es den Menschen gelingt, ihre Verwundbarkeit durch das Schicksal, die Sterblichkeit inbegriffen, in Form von imaginären Vorwegnahmen und mentalen Rüstungen mehr oder weniger gut zu bewältigen.»

Dafür, so scheint es mir, sind die im Verhältnis zu anderen Staatsausgaben bescheidenen Mittel für die Kulturförderung, bei aller Skepsis in Bezug auf die Kosten-Nutzen-Rechnung, gut investierte Steuergelder.

Ruth Schweikert, 48, ist Autorin und Dozentin für literarisches Schreiben; zur Zeit ist sie ausserdem Observer-in-Residence an der Zürcher Hochschule der Künste ZHdK. Von Juni 2008 bis Ende November 2012 war sie Präsidentin der Suisseculture, dem Dachverband der Urheberinnen und Urheber sowie der meisten Verwertungsgesellschaften.