Wahrlich schlechte Voraussetzungen für die Premiere vom Freitag am Theater Basel: Ins Foyer durfte niemand, die Besucher versammelten sich beim Bühneneingang und in der Kantine und warteten mit den Theaterleuten.

Der Theaterplatz war weiträumig abgesperrt. Ein auffälliger Koffer mit Kabel und Zünder lag im Tinguely-Brunnen. Die Atmosphäre im Theater war angespannt, aber zugleich zuversichtlich. Spezialisten aus Zürich entschärften dann das Ding. Ob es eine Bombe oder eine Attrappe war, wird noch untersucht.

Mit mehr als einer Stunde Verspätung konnte Calixto Bieitos Version von Mozarts Oper «Così fan tutte» schliesslich doch beginnen. Dass Sängerensemble, Sinfonieorchester Basel und Chor trotzdem souverän eine packende, vom Publikum gefeierte Premiere hinzauberten, hat grosse Klasse.

Nach dem Partnertausch

Nicht Mozarts und da Pontes Oper «Così fan tutte» im Original gelangt hier zur Aufführung. Der spanische Regisseur Calixto Bieito, der die Oper bereits vor 15 Jahren in Grossbritannien inszeniert hatte, denkt in Basel die Geschichte nach dem gebrochenen Treueschwur, Partnertausch und der grossen Desillusion am Schluss weiter. Er nennt den Abend: «Così fan tutte – eine Geschichte über Liebe, Enttäuschung und Wunschträume» mit Musik aus Mozarts gleichnamiger Oper. Er setzt Arien, Ensembles und Chorpassagen neu zusammen. Dazu nimmt er zeitgenössische Gedichte vom Franzosen Michel Houellebecq und Passagen aus Ingmar Bergmanns «Szenen einer Ehe». Bieito dekonstruiert die Oper schlüssig und genial. Er leuchtet die kaputten seelischen Strukturen heutiger Menschen aus – in einer Zeit, in der alle sexuellen Tabus über den Haufen geworfen sind. Er denkt auch die Figuren weiter, zeichnet sie psychisch differenziert und lebensecht. Wir sehen den in die eigenen Abgründe stürzende Mensch – weit entfernt von dessen immer neu erfundener Vorstellung, ein Abbild Gottes zu sein – wie es hinten an der Bühne in schönen Lettern erscheint und wieder verschwindet.

Hier sind der Zyniker Don Alfonso und die Kammerzofe Despina – die im Original das intrigante Spiel um Liebe und Treue spinnen – ein gealtertes Paar. Seelisch aneinandergebunden – hassen sie sich. Despina lacht verbittert über ihre Liebesträume – und macht in der einleitenden Arie «Una donna a quindici anni» ihre psychischen Verletzungen sichtbar. Noëmi Nadelmann, eine starke Sängerdarstellerin, spielt sie ergreifend echt. In Houellebecqs Texten findet die Kaputtheit einer Liebe ihren Ausdruck, die mit schneller Triebbefriedigung und dem reinen sexuellen Kick verwechselt wird. In Bergmanns Dialogen flammt Hass auf, und es zeigt sich zugleich der scheiternde Versuch, ihn zu überwinden. Grossartig, wie Andrew Murphy den kalten, von seiner Frau Despina angewiderten Don Alfonso spielt und mit kernigem Bariton in tiefer Resignation die Arie «Nel Mare solca» singt.

Bieitos Despina führt ein Etablissement, wo sich Paare zum Tausch und Sex treffen – dies ist nur als Spielanlage so gesetzt. Dem Bett entsteigen nach dem Sex Fiordiligi, Dorabella, Ferrando und Guglielmo – keineswegs beglückt, sondern frustriert, und verzweifelt. Fiordiligi und Dorabella zittern, fühlen sich angewidert. In den Arien aber beschwören sie alte Liebesträume, evozieren innige Gefühle und stürzen dann wieder in die eigene Leere.

Hommage an Mozarts Musik

Wie Anna Princeva als Fiordiligi, Sollenn’ Lavanant-Linke als Dorabella, Arthur Espiritu als Ferrando und Iurii Samoilov als Guglielmo spielen, das geht unter die Haut. Sie gestalten ihre Arien, Duette und Ensembles als Erinnerung, als unerfülltes Begehren und feiern mit bewegender Emotionalität Mozarts Musik in ihrer Schönheit. Sie machen dabei die Gebrochenheit der Figuren nach dem Partnertausch, von der Mozarts Musik spricht, hörbar. Die Hochzeit, welche die vier nachspielen, inszeniert Bieito in der ganzen Tristesse verlorener Träume.

Auch Dirigent Ryusuke Numarjiri und das Sinfonierochester Basel sowie der Chor implizieren in ihrer musikalischen Gestaltung die Rückblende, dieses schmerzhafte Erinnern und die Beschwörung von Glücksmomenten. Orchester und Chor entfalten Mozarts Musik hinter der Bühne, die ein leerer Raum mit einem Bett ist, das Gefängnis der eigenen Psyche. Die Musik, die so das Geschehen umspannt, ist der echte Ausdruck von Liebe und tief empfundener Menschlichkeit. Diese tief berührende heutige Version von «Così fan tutte» ist auch eine grosse Hommage Bieitos an Mozarts wunderbare Musik.

Così fan tutte Theater Basel, weitere Aufführungen bis 28. Juni.