Kunst

Die Verlockung der Kunst-Reserven für Staaten und Städte

Eines der wertvollsten Bilder ist das Miró-Gemälde «Frauen mit Vögeln» aus dem Jahre 1968. Christie’s bringt es in London für 6,5 Millionen Euro auf den Markt.

Eines der wertvollsten Bilder ist das Miró-Gemälde «Frauen mit Vögeln» aus dem Jahre 1968. Christie’s bringt es in London für 6,5 Millionen Euro auf den Markt.

Die Krise bringt Politiker auf «kreative» Ideen. In Portugal und Detroit will man mit dem Verkauf von Kunst die Löcher in der Kasse stopfen. Auch in der Schweiz lockt die Kunst. Doch Finger weg! Der Imageschaden ist grösser als der Gewinn.

Die Kunst lockt. Nein, gemeint ist nicht die Faszination eines Aktbildes, nicht das Staunen vor einer expressionistischen Landschaft und nicht die Verlockung zum Kunstraub. Wobei Kunstliebhaberinnen und Museumsleute es durchaus als eine Art kriminellen Akt empfinden, was in den letzten Wochen und Monaten passiert oder angedacht ist. Dass nämlich Städte und Staaten Kunstbesitz verkaufen wollen, um ihre Schulden zu tilgen.

Die neueste Meldung kommt aus Portugal. Dort lässt der konservative Premier Pedro Passos Coelho am 5. Februar bei Christie’s in London 85 Bilder des spanischen Künstlers Joan Miró versteigern. Die Kollektion stammt aus dem Besitz der Portugiesischen Handelsbank (BNP), die im Zuge der nationalen Bankenrettung 2009 verstaatlicht werden musste. Die Privatbank (BNP) hatte die Mirós als Investition von einem japanischen Sammler erstanden. Auch wenn Portugal also die Mirós den Portugiesen nicht unter den Fingern und Augen weg verkauft, protestierten viele Bürger. Sozialisten und Kommunisten stellten einen Parlamentsantrag gegen «die Plünderung des nationalen Vermögens». Die rechte Parlamentsmehrheit stimmte den Antrag Ende letzter Woche nieder.

Ängste sind begründet

Man mag finden, der Staat könne doch die Kollektion einer verstaatlichten Bank verkaufen. Doch die Ängste der Opponenten gehen tiefer. Zum einen: Was nützen die erwarteten 35 Kunst-Millionen langfristig gegen die Milliardenverschuldung und gegen die strukturellen Defizite? Nicht viel. Zum zweiten und zu den grundsätzlichen Bedenken: Wenn ein Staat einmal eine Geldquelle gefunden hat, ist er nicht versucht, sie weiter auszuschöpfen? Was kommt als nächstes ? Die Plünderung ganzer Museen?

Ausverkauf in Detroit

Abwegig? Nicht ganz, wie ein Blick in die USA, nach Detroit, zeigt. Der Zwangsverwalter der bankrotten Autostadt im US-Staat Michigan liess 2013 den gesamten Bestand des Detroit Institute of Arts (DIA) vom Auktionshaus Christie’s schätzen. 900 Millionen Dollar könnte die Kunst einbringen. Die Stadt hat 20 Milliarden Dollar Schulden. Brisant ist der Fall, weil das DIA eines der wenigen städtischen und nicht privaten Museen der USA ist. Immerhin ist hier eine Lösung in Sicht: Anfang Januar 2014 gaben neun Stiftungen bekannt, 330 Millionen Dollar zur Rettung des Museums aufbringen zu wollen. Das Museum soll in eine gemeinnützige Organisation überführt und so vor dem Zugriff des Insolvenzverwalters und der Stadtregierung geschützt werden. Noch ist die Sache aber nicht ausgestanden.

In der Schweiz

Auch in der Schweiz locken die Kunstreserven immer wieder. Der spektakulärste Fall liegt zehn Jahre zurück: Damals beschloss der Kunstverein Basel, die Sammlung der Kunsthalle aufzulösen, brachte sie an Auktionen und an einem Ausverkauf unter die Leute. Der Aufschrei hielt sich in Grenzen. Denn die Sammlung wurde seit Jahren nicht mehr ergänzt, sie war ein Relikt, und die Kunsthalle konnte mit dem Erlös ihr Gebäude sanieren.

Die Erinnerung daran hat vielleicht einen Basler SVP-Landrat letzten Herbst dazu bewogen, in einem Postulat zu fordern, mann müsse Verkäufe aus der staatlichen Sammlung prüfen. Das betrifft nicht die hochkarätigen Museumssammlungen, die sind in beiden Basel per Gesetz als unveräusserlich geschützt, aber Werke, die vom Kanton und als Fördermassnahme bei lokalen Künstlern angekauft wurden. Das Problem dabei: Geld verdienen lässt sich mit solchen Werken nicht viel – umso mehr aber Vertrauen und Goodwill verscherzen. Denn Ankäufe durch den Staat bringen Künstlern nicht nur Geld. Sie sind vor allem auch eine Auszeichnung und ein Zeichen der Wertschätzung.

Imageschaden

Gar die Sammlung lockte Geldsucher im Aargauer Kunsthaus vor gut zehn Jahren. Gefordert wurde, Werke zu verkaufen, die nicht so ganz in die Sammlung passen, um den Erweiterungsbau zu finanzieren? Die Rede war von einem Degas, einem französischen Bild in der Schweizer Sammlung, das als Geschenk ins Kunsthaus gekommen war. Die Museumsleute wehrten sich mit Erfolg. Zum Glück. Denn auch das wäre ein Prinzipien-Entscheid mit verheerenden Folgen gewesen. Museen können ihre Sammlungen nur dank Geschenken und Legaten erweitern, erneuern oder komplettieren. Bei den heutigen Kunsthandelspreisen reichen ihre Ankaufs-Kredite nicht weit. Doch welche Sammlerin, welcher Künstler würde seine Werke einem Museum übergeben, das Geschenke kurzerhand wieder zu Geld macht? Kommt dazu, dass Depot-Werke und lokale Künstler im Auktionshandel keine Millionen bringen – aber umso mehr Imageschaden. Also: Finger weg vom Tafelsilber! Finger weg von Museumssammlungen! Der materielle Gewinn wäre viel kleiner als der Verlust an Glaubwürdigkeit und Renommee.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1