Literatur

Die Tragödie eines Exil-Bündners

Linard Candreias neues Buch «Zurück nach Marmorera» handelt von einem Auswanderer, der sein Glück im Ausland suchte und nicht fand.

Jürg Jeanloz

Nicht Briefmarken oder Ansichtskarten stapeln sich in Linard Candreias Laufner Wohnung, sondern Bücher und Notizen stehen in seinen Regalen und warten darauf, in Essays oder im «Calender Romontsch» veröffentlicht zu werden. Der 52-jährige Lehrer sammelt leidenschaftlich Kurzgeschichten und publiziert sie in kleinen Bänden oder in rätoromanischen Jahrbüchern.

Dank seiner geselligen Art und seinem Charme, auf Menschen zuzugehen, kommt er immer wieder zu interessanten Geschichten. «Wenn ich mit meiner Familie ins Ausland reise, suche ich in den ansässigen Archiven häufig nach Zuckerbäckereien und Cafés, die von ausgewanderten Bündnern gegründet oder geführt wurden», berichtet der eingefleischte Rätoromane. Besonders im 19. Jahrhundert seien viele Bündner aus Existenzgründen ins Ausland gezogen. Nur ein kleiner Teil dieser Emigranten sei aber erfolgreich gewesen.

Als Candreia seine erste Primarlehrerstelle in Salouf antrat, lernte er den Dorfpfarrer Duri Lozza kennen, dessen Vater Flurin auch nach Spanien und Frankreich ausgewandert war. «Mich hatte die Geschichte gepackt, denn der junge Flurin hatte seine Erlebnisse in Tagebüchern aufgeschrieben», erinnert sich der Geschichtensammler.

Er habe 400 Seiten aus den Tagebüchern in italienischer, romanischer und französischer Sprache kopiert. Flurin Lozza habe sogar minutiöse Buchhaltungsaufzeichnungen über seine spärlichen Finanzen geführt und recht gutes Fotomaterial hinterlassen.

Den gesammelten Stoff und die aufwändigen Recherchen verarbeitete Candreia zum Taschenbuch «Zurück nach Marmorera», das soeben erschienen ist. Es enthält Tagebuchaufzeichnungen des Saisonniers Flurin Lozza, Gedanken zur damaligen Auswanderungswelle, Kurzgeschichten und die finanziellen Hintergründe dieser jungen Menschen. Dass die Auswanderer im Ausland schikaniert und ausgebeutet wurden, belegt Candreia eindrücklich.

Flurin Lozza kehrte krank und erfolglos in seine Heimat zurück, heiratete und starb früh. Er war sprachbegabt, religiös, aber in seinen Gefühlen äusserst zurückhaltend, was die Aufarbeitung der Tagebücher etwas erschwerte.

Zurück zum Schriftsteller Linard Candreia, der am Progymnasium Laufen Geschichte, Deutsch, Französisch und Italienisch unterrichtet. Er sei gerne Lehrer und Kulturvermittler, begegne seinen Schülern mit wohlwollender Strenge, erklärt er glaubhaft. Drei Jahre arbeitete er im sizilianischen Catania an der Auslandschweizerschule und vertiefte seine guten Italienischkenntnisse. Bevor er 2003 nach Laufen kam, unterrichtete er 13 Jahre an der Handelsschule Surselva in Ilanz.

Seine glücklichsten Momente seien die Geburt seiner zwei Töchter gewesen, verrät Candreia. Als Hahn im Korb fühle er sich mit Ehefrau Marlen und den Töchtern sehr wohl und man begegne einander mit Toleranz und Grosszügigkeit. In seiner Freizeit steige er gerne aufs Fahrrad und erhole sich im beschaulichen Jura. Früher habe er verschiedene Chöre geleitet, heute fehle ihm dafür die Zeit. Trotzdem sei er der sakralen Musik immer noch zugetan.

Auf die Frage, warum er als musischer und freigeistiger Typ ausgerechnet ein politisches Amt bekleide, antwortet Candreia, der seit über einem Jahr im Stadtrat von Laufen sitzt: «Ich mache gerne Politik, da kann ich etwas bewegen.»

Allerdings sei er ungeduldig und die langen Dienstwege würden ihm schon zu schaffen machen. Candreia leitete sogar vier Jahre die SP Graubünden, obwohl er aus einer CVP-Familie stammt. «Meine politischen Vorbilder sind Hans-Peter Tschudi und Willi Ritschard», sagt Frohnatur und Weltenbummler Candreia.

Taschenbuch «Zurück nach Marmorera» von Linard Candreia, erschienen im Verlag Desertina, Chur.

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