Drei ganze Jahre mussten sich Freunde der Oper Schloss Hallwyl gedulden, doch nun hat das Warten für sie endlich ein Ende. Am Freitagabend feiert die Oper «La Cenerentola» von Gioachino Rossini ihre Premiere im Schlosshof.

An einem schwül-heissen Tag begrüsst Regisseur Johannes Pölzgutter die «Nordwestschweiz» zum Gespräch im Schlosshof im Schatten eines grossen Baumes. Die Proben laufen auf Hochtouren und der Regisseur ist zufrieden mit dem bisherigen Ablauf. «Gestern hatten wir Bühnenorchesterprobe und das war schon mal ganz toll. Heute machen wir noch einen Komplettdurchlauf mit Klavier.»

Der junge Regisseur (37) redet schnell und mit einer sympathischen Wiener Einfärbung. Er hat sich einen Namen gemacht mit spritzigen Inszenierungen und feierte im März grossen Erfolg in Regensburg mit dem Musical «Cabaret».

«La Cenerentola» wurde zum ersten Mal mittels Publikumsvoting als Aufführung für die Oper Schloss Hallwyl bestimmt und erhielt knapp den Vorzug gegenüber «Don Giovanni» von Mozart. «Das Stück ist ein Publikumshit. Das Märchen von Aschenputtel kennt man ja von Kindheit an», sagt Pölzgutter.

Ein Besuch bei den Proben.

Ein Besuch bei den Proben.

Tatsächlich ist die Geschichte der einfachen Angelina – von den Stiefschwestern boshaft Cenerentola genannt – die zum edlen Prinzen Ramiro findet, eine der ältesten Märchenstoffe.

Die geläufigste Fassung ist die des französischen Schriftstellers Charles Perrault aus dem 17. Jahrhundert. Es ist die Version mit der grausamen Stiefmutter, der Fee als Patin, dem Kürbiswagen, der von Mäusen gezogen wird, und dem berühmten Glaspantöffelchen.

Realismus statt Magie

Basierend auf eben dieser Märchenvorlage komponierte Rossini «La Cenerentola», das 1817 in Rom uraufgeführt wurde. Allerdings strichen Rossini und Librettist Jacopo Ferretti jegliche Elemente von Magie aus Perraults Vorlage. Die Rolle der guten Fee übernimmt der Lehrmeister des Prinzen, Alidoro, und ein Stiefvater ersetzt die böse Stiefmutter.

Es gibt kein Vögelchen, das ein Kleid vom Baum wirft und der Schuh ist durch ein Armband ersetzt. «Rossini hat im Geist der aufklärerischen Tradition die magischen Elemente zugunsten einer moralischen Botschaft raus genommen. In diesem Stück geht es nicht darum, wie es in den Märchen oft der Fall ist, dass die Schönste zur Prinzessin wird», erklärt Pölzgutter.

Stattdessen stellt die Inszenierung in Hallwyl den Aspekt des Realen in den Mittelpunkt. Angelina wird zur Prinzessin erkoren, aber nicht wegen ihrer Schönheit, sondern weil sie moralisch integer ist.

Das Stück ist im Hier und Jetzt angesiedelt, wobei Pölzgutter und sein Team sich überlegt haben, wie man den Abendball beim Prinzen Don Ramiro in die Gegenwart transportieren könnte. «Eigentlich handelt es sich bei solchen Bällen ja um Wettbewerbe, an denen die Töchter der höheren Gesellschaft ihre Fähigkeiten präsentieren. Von da sind wir schnell zum Gedanken von Castingshows und Schönheitswettbewerben gelangt.»

Brautsuche als Wettbewerb

Den Showelementen solcher Sendungen wird auf der Bühne mit einem grossen Glücksrad Rechnung getragen (Bühnenbild: Manuel Kolip). Die Suche nach der perfekten Braut findet in Form eines Wettbewerbs statt, an dem die Anwärterinnen ihre Fähigkeiten als zukünftige Regentinnen («winken – ganz wichtig!», so Pölzgutter) beweisen müssen.

Während Gier und Macht die bösen Stiefschwestern Clorinda und Tisbe antreibt, ist Angelina das pure Gegenteil von ihnen. Sie überzeugt durch ihren schlichten Auftritt und ihren inneren Überzeugungen.

Der Blick von oben auf den Schlosshof.

Der Blick von oben auf den Schlosshof.

Für Regisseur Pölzgutter ist es die erste Freilichtinszenierung. Neu wird das Orchester in einem Kubus in der Mitte des Schlosshofes positioniert. Dank einer Dachschräge ist der Baukörper gegen vorne hin wie ein Megafon geöffnet und der Schall kann besser nach Aussen reflektiert werden.

Ein weiterer Pluspunkt ist das Schloss selber, das in die Inszenierung eingebettet ist. Dessen Ausstrahlung komme aber erst zum Vorschein, wenn es dunkel wird, so Pölzgutter: «Wir haben mit der Beleuchtung angefangen und dann sieht es erst richtig geil aus!»

«La Cenerentola» 27. Juli bis 26. August. Schloss Hallwyl.