Gastbeitrag zur Kulturpolitik

Die Schweiz ist (noch) keine Kulturnation

Kunsträume sind wichtige Scharniere im Kunstdiskurs, bekommen aber keine Beiträge mehr. Zum Beispiel der Message Salon in Zürich, hier mit der Ausstellung «Laurent Emch und Nik Goei by Minimetal».

Kunsträume sind wichtige Scharniere im Kunstdiskurs, bekommen aber keine Beiträge mehr. Zum Beispiel der Message Salon in Zürich, hier mit der Ausstellung «Laurent Emch und Nik Goei by Minimetal».

Bilanz nach einem Jahr Kulturförderungsgesetz: Die visuelle Kunst musste bluten und es fehlt die Einsicht, dass Kulturförderung eine Investition in die Gesellschaft ist. Das schreibt Jean-Pierre Hoby, Präsident des Kunstvereins, in seinem Gastbeitrag

Von der Schweiz zu behaupten, sie sei eine Kulturnation, dürfte schwerfallen. Wie die aktuellen Diskussionen zeigen, wird unser Land in Europa und der Welt eher als Paradies für Steuerflüchtlinge denn als Kulturplatz wahrgenommen. Können Kulturartikel, Kulturförderungsgesetz und Kulturbotschaft daran etwas ändern? Ja, wage ich zu behaupten, wenn in der Schweiz ein politischer Wille sichtbar wird, Kultur als Wertentscheidung und als treibende Kraft unserer Gesellschaft zu verstehen.

Steigender Wohlstand sowie ein gut ausgebautes Netz sozialstaatlicher Einrichtungen haben uns nicht nur von der Last befreit, unsere elementarsten Lebensbedürfnisse zu befriedigen, sie haben uns auch ermöglicht, unsere schöpferischen Fähigkeiten zu entfalten und nach einem sinnvollen Zusammenleben in der Gemeinschaft zu suchen. Dafür sind Kunstfreiheit und ein reges kulturelles Leben unumgänglich. Beide sind entscheidend für unsere soziale Integration und individuelle Identifikation.

Die Selbstbefragung, die Kulturschaffende stellvertretend für ihr Publikum und für die ganze Gesellschaft leisten, ist also nicht die müssige Träumerei einzelner Individuen, sondern eine existenzielle Aufgabe der Gesellschaft. Wer Kultur so begreift, kann Kulturförderung nicht als Kür betrachten, die ins Belieben der Politik gestellt wäre, und Kultur als einen Luxus, den man sich leistet oder nicht. Es reicht auch nicht, dass einige private Mäzene aus Liebhaberei Künstlerinnen und Künstler unterstützen oder Sponsoren Kulturengagements eingehen.

Kulturpolitik ist heute ein öffentlicher Auftrag und gehört zu den immer wichtiger werdenden Aufgaben des Staates – nicht anders als Bildungspolitik, denn Kultur, Tradition, Bildung und Wissen sind Voraussetzungen für die Erhaltung und Fortentwicklung einer solidarischen und demokratisch funktionierenden Gesellschaft.

Wirtschaftliche Auswirkungen

Darüber hinaus hat Kulturförderung auch wirtschaftliche Auswirkungen (Stimulierung der Nachfrage in anderen Branchen, Standortvorteile, Imagegewinn). Entscheidend, jedoch schwer messbar, ist der Experimentier- und Lerneffekt von Kunst. Viele kreative Unternehmen in Design und Kommunikation profitieren vom Know-how der Kunstschaffenden oder übernehmen ästhetische Strömungen, die zuerst in einem unkommerziellen Rahmen entwickelt wurden. Der Kunst kommt somit die Funktion von Grundlagenforschung und naturwissenschaftlicher Basisinnovation zu, für die gegebenenfalls erst später ein Markt und eine Nachfrage entstehen. Anders gesagt: Kunst ist immer auch ein ästhetisches und soziales Labor für gesellschaftliche Neuerungen.

Misstrauische Parlamentarier

Die Einsicht, dass Kulturförderung eine Investition in die Gesellschaft ist, hat dem Parlament anlässlich der letztjährigen Debatte zur Kulturbotschaft mehrheitlich gefehlt. Das Spielerische der Kunst, ihre Zweckfreiheit und Provokationslust, aber auch ihr Innovationspotenzial stimmten viele Politikerinnen und Politiker misstrauisch. Zwar befürworteten sie eine Klärung der Kompetenzverteilung im Bereich der Kulturförderung des Bundes und formulierten eine Reihe zusätzlicher Aufgaben, doch hatten sie für eine entsprechende Erhöhung der Mittel für die Pro Helvetia, der die Hauptlast bei der Nachwuchsförderung und der Verstärkung des Kunstschaffens zukommt, kein Gehör.

Der Verzicht auf eine Aufstockung der Kredite bedeutet, dass die Pro Helvetia heute mehr Aufgaben mit weniger Mitteln zu erfüllen hat. Von dieser Entscheidung ist die Visuelle Kunst mit der Abschaffung der Fotokommission des BAK und der entsprechenden Mittel für Projektförderung sowie dem Wegfall der Eidgenössischen Preise für Kunsträume besonders betroffen.

Eine visuelle Gesellschaft

Die Kürzungen im Bereich der visuellen Kunst sind umso bedauerlicher, als die bildende Kunst einen Hauptteil des Schweizer Kulturprestiges sicherstellt. Die Streichung übersieht zudem, dass wir heute mehr denn je in einer visuellen Gesellschaft leben, in welcher die einfache Aufbereitung von Wissen angesichts der täglichen Informationsflut eine neue Bedeutung erhält. Im Durcheinander der Angebote ist Ordnung gefragt. Nur was Aufmerksamkeit erhält, wird wahrgenommen. Die Verwendung von Bildern macht Information verständlicher, steigert die Wahrnehmung und sensibilisiert für vorhandene Zusammenhänge.

Fotografie als Schlüsselmedium

Dies zeigt sich nicht zuletzt in der Fotografie, die zu einem Schlüsselmedium zum Verständnis von Vergangenheit und Gegenwart geworden ist. Nie zuvor wurde so häufig mit Fotografien kommuniziert. Zeitungen, Zeitschriften, Bücher, Werbung, Internet, soziale Netzwerke und Handy-Kommunikation sind ohne fotografische Bilder undenkbar. Sämtliche Naturwissenschaften setzen Fotografie als zwingendes Darstellungsmittel ein.

Die Fähigkeit, Fotografien zu deuten, aber auch zu hinterfragen, vermitteln spezialisierte Institutionen, die das fotografische Kulturgut des Landes erhalten und betreuen. Die meisten haben allerdings grösste Mühe, nur schon die Grundfinanzierung zu sichern. Es ist unumgänglich, dass die Mittel zur Förderung der Fotografie in Zukunft erhöht werden, wenn sie den bestehenden Bedürfnissen sowohl im Bereich des zeitgenössischen Schaffens wie auch des fotografischen Erbes gerecht werden soll.

Kunsträume sind Scharniere

Neben den herkömmlichen Museen und Kunsthallen bilden selbst organisierte Kunsträume eine zentrale Scharnierfunktion zwischen lokalem, nationalem und internationalem Kunstdiskurs und zeichnen sich durch hohe institutionelle Professionalität, beste internationale Vernetzung, Publikumsnähe und hohen Wirkungsgrad aus. Im Zuge des sich verengenden Blickwinkels auf populäre Volkskultur einerseits und kulturelle Leuchttürme andererseits drohen diese wichtigen Orte innerhalb der Schweizer Museumslandschaft vergessen zu werden.

Nach der Streichung der Eidgenössischen Preise für Kunsträume gibt es derzeit keine strukturelle Unterstützung von selbst organisierten Kunsträumen auf landesweiter Ebene mehr. Sie kämpfen heute unter schwierigsten Bedingungen um ihr Überleben. Aus Sicht der Betroffenen ist unbegreiflich, dass ausgerechnet jenen die Unterstützung entzogen wurde, die mit viel Idealismus und höchst effizientem Umgang mit den knappen zur Verfügung stehenden Geldern ausgesprochen vielfältige Kunst ermöglichen. Die Arbeit, die selbst organisierte Kunsträume erbringen, muss in Zukunft besser unterstützt werden.

Politische Klugheit, ökonomische Vernunft und intellektuelle Selbstachtung gebieten, dass diese Anliegen bei der Erarbeitung der Kulturbotschaft für die Jahre 2016–2019 berücksichtigt werden.

*Jean-Pierre Hoby, Soziologe und Jurist, war zuerst im Bundesamt für Justiz tätig und von 1983 bis 2010 Direktor der Abteilung Kultur der Stadt Zürich. Nach seinem altersbedingten Rücktritt hat er diverse Ämter im kulturellen Bereich übernommen, u.a. das Präsidium des Schweizer Kunstvereins.

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