Art Basel

«Die Schweiz ist eine sehr gute Marke in China»

Annette Schönholzer und Marc Spiegler

Dominic Favre

Annette Schönholzer und Marc Spiegler

Der Kunstmarkt funktioniert dort gut, wo es nicht zu viele Regulierungen gibt, sagt Marc Spiegler. Nach Basel und Miami setzt die Art Basel auf Hongkong, auf den asiatischen Markt.

Am 23. Mai beginnt die erste Art Basel Hongkong. Wie viel Chinesisch können Sie als Direktoren?

Marc Spiegler: (lacht) Nicht viel.
Annette Schönholzer: Kaum. Aber Hongkong ist eine Stadt, die zulässt, dass man kein Chinesisch kann. Und die Messe in Hongkong zielt ja nicht nur auf China, sondern auf ganz Asien. Wir müssten also mindestens 15 Sprachen lernen.

Aber wären Chinesisch-Kenntnisse nicht wichtig, um das Vertrauen von Sponsoren, grossen Sammlern und Galerien zu gewinnen?

Spiegler: Klar. Aber gerade deswegen sind wir froh, dass viele Leute aus der Vorgängermesse im Team geblieben sind. Und in den letzten drei Jahren haben wir selber viele Beziehungen aufgebaut.

Tönt gelassen, sind Sie nicht nervös?

Schönholzer. Sind wir nervös?
Spiegler: Gespannt, ja.
Schönholzer: Es ist unsere dritte Messe, aber die erste, die wir gemeinsam lanciert haben. Das macht die Spannung aus.

Wie oft reisen oder reisten Sie nach Hongkong?

Schönholzer: Oft. In den letzten achtzehn Monaten war ich achtmal dort. Dazu habe ich noch eine Indonesienreise gemacht.
Spiegler: Ich war mindestens so oft dort, dazu noch in Beijing und Schanghai.

Die Art Basel ist eine Schweizer Firma. Spüren Sie etwas vom Misstrauen gegenüber dem Finanzplatz Schweiz?

Spiegler: Nein! Die Schweiz ist eine sehr gute Marke in China. Die Schweiz ist bekannt als Land, in dem die Leute sehr präzise arbeiten und als neutraler Staat. Man liebt Toblerone, trägt gerne Schweizer Uhren.

Und in Miami: Spüren Sie dort etwas vom Steuerstreit USA - Schweiz?

Schönholzer: Mit den Leuten, die sich für die Art Basel interessieren, haben wir diese Probleme überhaupt nicht. Fragen zum Finanzplatz Schweiz betreffen uns in unserem Business kaum.

Aber Kunstmarkt und Finanzmarkt sind doch eng miteinander verknüpft.

Spiegler: Der Kunstmarkt ist ein Markt, aber es geht dabei nicht um Aktien oder so etwas.

Die Schweiz ist der grösste Offshore-Finanzplatz der Welt, Miami ist einer der grössten Offshore-Plätze für Amerika, insbesondere Südamerika und Hongkong für Asien. Ist das Zufall, dass Ihre drei Messen an diesen Orten stattfinden?

Spiegler: Ich würde es anders formulieren. Der Kunstmarkt funktioniert an jenen Orten gut, an denen er nicht zu viele Regulierungen hat. Dieselben Bedingungen, die einen guten Finanzplatz kreieren, kreieren auch einen guten Kunstmarktplatz. Aber das eine bedingt nicht zwangsläufig das andere.
Schönholzer: Wenn die Frage lautet: Haben wir die Messen bewusst an diese Offshore-Plätze gesetzt, dann ist die Antwort: nein. Miami ist eine Verbindung zu Lateinamerika, ist mit Direktflügen erreichbar und die Jahreszeit Winter stimmt als Alternative zum Juni-Termin in Basel. In Hongkong fühlen sich viele Leute wohl, es ist China, aber nicht Festland-China. Die Zollvorschriften sind offen, es gibt keine Zensur für Kunst. Das sind die Beweggründe für diesen Ort – nicht der Finanzplatz als solcher.

Wenn wir schon bei den heiklen Themen sind: Wie steht es eigentlich mit Geldwäsche und Kunst, Steuerhinterziehung und Kunst? Welchen Beitrag leisten da die Messen?

Spiegler: Ich weiss nicht, woher diese Verdächtigungen und Spekulationen kommen. Es ist wahnsinnig einfach zu sagen, etwas ist wahrscheinlich, nur weil es theoretisch möglich ist. Die meisten Leute kaufen Kunst nicht als Investment, denn Kunst ist nicht primär ein gutes Investment, sondern risikoreich. Und Kunst ist auch gut sichtbar – sie ist also ganz anders als etwa Diamanten. Und woher kommen diese Verdächtigungen? Viele Leute können nicht verstehen, warum jemand sehr viel Geld für Kunst ausgibt. Also sucht man einen Grund, etwa den, dass jemand Geld verstecken will.

Die kleine Schweiz ist im weltweiten Kunsthandel unter den Top Ten, aktuell ist sie der achtgrösste Kunsthandelsplatz. Das ist erstaunlich und ein Nährboden für Gerüchte, hier werde Geld in Form von Kunst parkiert.

Spiegler: Diese Rankings muss man mit Vorsicht anschauen. Aber Tatsache ist: Die Schweiz hat eine lange Sammlertradition, das ist der Grund für ihre Stärke. Und schauen Sie Basel an. Hier steht das älteste Museum der Welt, hier steht etwas so Aussergewöhnliches wie das Schaulager oder die Fondation Beyeler und hier leben einige der grössten Avantgarde-Sammler der Welt. Wenn Sie Kunstmarkt- und Sammlerstrukturen weltweit vergleichen, hat die Schweiz die beste Balance. Private Sammler sind stark, Firmen-Sammlungen sind stark, die Museen sind stark, die Galerien sind stark, in Zürich, Basel und Genf leben viele wichtige Künstler. Wir haben ein weltweit einzigartig ausgewogenes System in einem guten und zentral gelegenen Umfeld.

Ist diese hervorragende Stellung der Schweiz gefährdet?

Schönholzer: Wie Marc gesagt hat, funktioniert der Kunstmarkt gut, wo die Regulative nicht zu stark ist.
Spiegler: Dabei ist jedoch nicht entscheidend, ob sich die Regulierungen in der Schweiz ändern, sondern wie die Schweiz im internationalen Vergleich dasteht.

Die Konkurrenz wird wieder stärker. Die Frieze in New York war erfolgreich und in der Nähe hat die Art Cologne nach einer Schwächephase wieder zugelegt. Eine Gefahr für Sie?

Schönholzer: (lächelt) Der Kunstmarkt ist in den letzten zehn Jahren generell stärker und attraktiver geworden – und Kunst hat im Lifestyle der Menschen einen Niederschlag gefunden. Kunst und der Kunstmarkt hatten noch nie zuvor eine solche Breitenwirkung.
Spiegler: Grundsätzlich kommentieren wir die anderen Messen nicht. Trotz dieser Konkurrenz haben wir keinen grossen Galerienverlust. Die Art Basel in Miami Beach wird dieses Jahr noch stärker sein als letztes Jahr und stärker im Vergleich mit der Frieze New York. Und der Erfolg der Art Cologne ist für uns ein gutes Zeichen. Er zeigt, dass der deutsche Markt noch stark ist.

Letztes Jahr haben in Basel italienische und spanische Galeristen mir gegenüber geklagt, nicht über Basel, sondern über ihre Heimmärkte. Spüren Sie da weniger Interesse?

Spiegler: Im Gegenteil. Wenn der Heimmarkt nicht so stark ist, sind internationale Messen umso bedeutender, um zu überleben.

Und im Fernen Osten? Chinas Wirtschaft wächst langsamer. Der Kunstmarkt boomt, aber ist unberechenbar. Wagen Sie eine Zukunftsprognose?

Spiegler: China wächst vielleicht langsamer als erwartet, aber es wächst. In Beijing und Schanghai expandieren die Galerien. Man spürt, dass die Leute sehr selbstsicher sind, sie gehen vorwärts, mit vielen Ambitionen. Der Markt ist viel stärker als vor fünf Jahren und auch geografisch viel breiter gestreut, er ist nicht mehr nur in Beijing und Schanghai. Es gibt ja sehr viele Städte mit über zehn Millionen Einwohnern – diese Dimensionen finden Sie sonst nirgends.
Schönholzer: Und wir sind nicht nur wegen China nach Hongkong gegangen, sondern wegen des ganzen asiatischen Markts – von Australien bis zur Türkei und Indien. Das ist ein riesiges Gebiet, mit vielen Submärkten, die sich weiterentwickeln.

Reden wir doch über Kunst! Für welche Kunst schlägt Ihr Herz?

Schönholzer: Für mich ist es das nächste Bild, das in mir etwas auslöst.
Spiegler: Ich bevorzuge gute Kunst, die einen verändert., die einen dazu bringt neu zu denken, neu zu sehen – egal von Form, Inhalt, Künstlergeneration, Land oder Medium.

Ein schönes Statement, aber Sie weichen aus. Welches Werk hätten Sie gerne oder haben Sie gekauft?

Schönholzer: Sie sagen jetzt sicher, ich weiche wieder aus. Aber ich habe nicht das Bedürfnis, Kunst zu besitzen, sondern ihr zu begegnen.
Spiegler: Vielleicht eine einfache Antwort: Als Messeleiter sind wir wie Grosseltern mit 3000 Kindern, unseren Galeristen. Und ich sage nicht diese oder jene Galerie, dieser oder jener Künstler sind meine Lieblinge. Ich kann nur sagen, dass ich auch die alten Meister liebe (lacht) Caravaggio, Turner, Goya . . .

Gratuliere, Sie sind perfekt diplomatisch! Auch an der Messe wird immer betont, die Kunst sei zentral und dann reden doch alle übers Geld.

Spiegler: Nein. Nehmen Sie das Projekt von Jonathan Horowitz für die Unlimited. Die Leute sollen Dinge mitbringen, die sie nicht mehr brauchen, und gegen etwas anderes eintauschen. Oder beim Parcours geht es auch nicht um Geld. Und auch die guten Galerien denken nicht nur an Geld. Sie machen eine Mischrechnung, mit der Kunst, die gut läuft, finanzieren sie andere interessante Künstler und Projekte.

Bei der Art in Basel haben Sie im letzten Jahr zwei statt einen Tag Preview für die geladenen VIPS eingeführt, das Publikum hatte einen Tag weniger Zeit. Das behalten Sie bei. Warum?

Schönholzer: Das hat sich bewährt. Es war ein Risiko, aber es ist für die Galeristen und für die Sammler aufgegangen. Und die Art Basel ist eine der längsten Messen, im Vergleich hat das breite Publikum trotzdem immer noch so viel Zeit wie an anderen Kunstmessen.

Und Basel bleibt Ihre Homebase?

Spiegler: Ja klar, wir haben hier doppelt so viele Mitarbeiter wie in Hongkong.

Und wie gehts weiter? Annette Schönholzer, Sie übernehmen in der neuen Vierer-Geschäftsleitung das Feld «New Initiativs».

Schönholzer: Es geht um die Potenziale zwischen den drei Messen, die noch unausgeschöpft sind. Nicht Expansion, nicht noch eine Messe, nicht noch ein Land. Die drei Messen sind eine Plattform, auf der noch viel passieren kann.

Was soll ich mir darunter vorstellen?

Schönholzer: Das werden wir sagen, wenn wir so weit sind. Wie immer.

Die Entwicklung in den letzten Jahren hiess breiter werden. Die Unlimited, der junge Sektor, der Parcours, die Art Basel Conversations kamen dazu. Geht’s in diese Richtung?

Spiegler: Die Art Basel ist längst nicht mehr nur der Markt, bei dem man Quadratmeter vermietet und verkauft. Kontakte und Gespräche sind wichtiger geworden – aber die Art Basel darf nicht grösser werden, man soll sie in zwei Tagen bewältigen können.

Art Basel Hongkong: 23.–26. Mai

Art Basel Basel: 13. – 16. Juni

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1