Illegaler Kunsthandel

Die Schweiz hat sich vom Buhmann zum Musterknaben gewandelt

Die Schweiz galt einst als Drehscheibe für den illegalen Kunsthandel, heute geht sie dagegen vor. Entsprechend gibt es hier auch vergleichsweise viele Verurteilungen.

Lob für die Schweiz: Sie habe ein gutes Gesetz gegen den illegalen Handel mit Kulturgütern. Das war vor wenigen Tagen in Berlin an einer internationalen Tagung über Antikenhandel mehrfach zu hören. Solche Töne sind neu. Denn früher galt die Schweiz als beliebter Umschlagplatz von verdächtiger Kunst. Noch 2003, nach dem Sturz Saddam Husseins und der Plünderung irakischer Museen, geriet die Schweiz unter internationalen Beschuss. Sie sei mit ihren Zollfreilagern und ihrem starken und liberalisierten Kunstmarkt die Drehscheibe für illegale Machenschaften, für den Kunst-Schwarzmarkt.

Wie wurde die Schweiz vom Buhmann zum Musterknaben? Durch ein Gesetz. Dazu muss man Folgendes wissen. Die Grundlage für einen sauberen Kunsthandel und gegenseitige Achtung der nationalen Kulturgüter bildet die Unesco-Konvention von 1970. 1994 folgte die verbindlichere Unidroit-Konvention über gestohlene oder rechtswidrig ausgeführte Kulturgüter. Die Schweiz hat die Unesco-Konvention erst 2003 ratifiziert und 2005 mit dem Kulturgütertransfergesetz (KGTG) in Kraft gesetzt. Bis heute haben 127 Staaten die Unesco-Konvention unterschrieben.

Rückgaben wirken abschreckend

Aufs KGTG aufmerksam gemacht wird man als Bürgerin immer dann wieder, wenn die Schweiz offiziell Kulturgüter zurückgibt, die der Zoll oder die Polizei beschlagnahmt haben. Der Bund publiziert solche Fälle gerne und prominent, damit sie abschreckend wirken.

Drei Beispiele aus diesem Jahr: Letzte Woche übergab Isabelle Chassot, Direktorin des Bundesamtes für Kultur, eine Terrakotta-Statue an die Botschafterin der Volksrepublik China, Frau Jinghu Xu. Der Zoll des Flughafens Basel hatte die 47 cm grosse Statue aus der Han-Dynastie (um 200 v. Chr.) in einem Paket aus Grossbritannien entdeckt, das an eine im Kanton Waadt wohnhafte Person adressiert war. Diese Person wurde verurteilt, die Statue eingezogen. Am 27. Mai wurden 150 antike römische Münzen aus Raubgrabungen an Serbien zurückgegeben. Die Basler Zollfahndung hatte diesen Schmuggel aufgedeckt. Am 6. März konnte die Staatsanwaltschaft Basel-Stadt italienischen Polizeibeamten die letzten von insgesamt 4536 archäologischen Funden aus Raubgrabungen übergeben. Nachdem zwei Beschwerdeführer in den letzten 13 Jahren 13-mal gerichtlich gegen die Rückgabe geklagt hatten, hatte das Bundesgericht letztinstanzlich die Rückgabe verfügt.

Imagegewinn für die Schweiz

Für die Schweiz war das KGTG ein Meilenstein, weil es im internationalen Vergleich recht streng ist – und wirkt. «Über 1000 Anfragen des Zolls haben wir seit 2005 bearbeitet, daraus resultierten 160 Verfahren und 72 Verurteilungen», sagt Benno Widmer, Leiter der Fachstelle für Kulturgütertransfer beim Bund. «Das ist im Vergleich zu anderen Ländern viel.»

In der Schweiz müssen Händler ihre Käufe und Verkäufe dokumentieren und die Dokumente über dreissig Jahre aufbewahren. Das verlangt das Schweizer Recht übrigens nicht nur für Antiken, sondern für den gesamten Kunst- und Auktionshandel. Viel Bürokram seufzen die Händler auf der einen Seite, auf der anderen Seite aber profitieren die seriösen Anbieter im In- wie Ausland von einem besseren Image.

Die Schweiz hat seit 2007 mit einigen Ländern zusätzliche bilaterale Abkommen geschlossen: mit Griechenland, Italien, Kolumbien, Ägypten und zuletzt 2013 mit China und Zypern. Warum? Reicht die Unesco-Konvention nicht? «Die Abkommen haben auch eine Signalwirkung», sagt Widmer. «Und der Bund unterstützt prioritär finanziell Projekte zum Schutz gefährdeter Kulturgüter in diesen Ländern.»

Brisanz bekommt das Thema Antikenhandel im Moment durch Berichte aus Syrien und Nordirak, über Raubgrabungen und die Terrorgruppe IS, die sich auch mit Kunst finanziere. Dadurch sind der illegale Handel und die Antikenmafia nochmals erstarkt. Die Schweiz hat nun reagiert, vorgestern hat der Bundesrat ein Embargo gegen Kunstgüter aus Syrien beschlossen.

Streit über Museumsschätze

In Deutschland hat sich ein Streit darüber entzündet, wie sauber Museumsbesitz ist. Und in der Schweiz? Wir fragten Andrea Bignasca, den Direktor des Antikenmuseums Basel, ob er noch Stücke aus Syrien ankaufen würde: «Ausgeschlossen! Wir wissen seit drei Jahren von Raubgrabungen in Syrien, seither sind solche Stücke tabu.» Generell sei man in den Museen vorsichtiger mit Neuerwerbungen. Das Gesetz habe Klarheit geschaffen: «Wir wissen heute, was man darf und was nicht.»

Fühlt Bignasca Misstrauen gegenüber dem Museum? «Nein, überhaupt nicht: Was wir haben, ist in Ordnung. Die Stücke unserer Dauerausstellung sind publiziert, beschrieben, erforscht und öffentlich zugänglich.» In Deutschland hat man die staatlichen Museen aufgefordert, die gesamten Bestände zu prüfen. Hat man das auch in Basel vor? «Nein, das können wir nicht», sagt Bignasca. «Sonst würden meine Kuratoren die nächsten Jahre nichts anderes machen. Wenn Anfragen aus den Ursprungsländern kommen, untersuchen wir einzelne Stücke nochmals eingehend.» Bei begründeten Forderungen würde man verhandeln und ein Stück auf jeden Fall auch zurückgeben.

Gesetz gilt auch für Geschenke

Für Museen und Sammler ist klar: Auch was früher ins Land kam, darf nicht einfach weiterverkauft werden. Für Bignasca heisst das: «Wenn Zweifel an der Herkunft bestehen, lehnen wir sogar Schenkungen ab.» Durch Schenkungen oder nach Nachfragen von privaten Besitzern wurden 2011 und 2012 in Genf und Zürich Keramiken aus Peru, eine Grabplatte aus Italien und präkolumbische Mumien aus Chile entdeckt. Das Bundesamt für Kultur vermittelte und die Privaten gaben sie an die Ursprungsländer zurück.

Aufsehen erregt hat im Oktober ein Fall aus Bern: Das Historische Museum übergab die Steinfigur Ekeko dem bolivianischen Nationalmuseum für Archäologie in La Paz. Die bolivianische Regierung hatte 2013 erstmals Ansprüche auf die Steinfigur angemeldet. Erworben hatte das Museum das Objekt von den Erben des Schweizer Naturforschers Johann Jakob von Tschudi, der die Figur 1858 im Andenhochland gekauft hatte – gegen eine Flasche Cognac. Tschudis Nachkommen verkauften die Figur 1929 dem Bernischen Historischen Museum. Heute ist Ekeko in Bolivien ausgestellt – und hochgeschätzt.

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