Das Jahr des ewig währenden Sieges, das Jahr Fidel Castros – 1959. Es ist aber auch das Gründungsjahr der «Danza Contemporánea de Cuba». Mitten in der Revolution gegründet, gehört die Tanzakademie zu den bekanntesten und traditionellsten Schulen des Inselstaates. Ganz im Zeichen des Sozialismus, wurde sie damals nebst zahlreichen Schulen und Universitäten errichtet und, wie alles andere in Kuba, staatlich kontrolliert und subventioniert.

Seit 1987 leitet Miguel A. Iglesias Ferrer die «Danza Contemporánea de Cuba». Und obschon das Land zu den isoliertesten der Welt gehört und Ferrers Akademie im Zuge der Revolution gegründet wurde – ein Abbild von Fidels Gedankengut, kombiniert der Direktor im Tanzstil seiner Akademie nicht nur traditionelle Elemente, sondern auch Einflüsse aus Spanien, Afrika und sogar den USA.

Den Rhythmus im Blut

Als Ferrer vor rund 29 Jahren die Leitung der Schule übernahm, wollte er anders Tanzen, Neues gestalten. Er durchmischte die folkloristischen Elemente mit neuen Techniken aus New York, alten aus Spanien und wilden aus Afrika. Denn Kuba ist ein durchmischtes Land, die Mentalitäten sind ähnlich und dennoch verschieden. Die Eltern oder Grosseltern der meisten Kubaner sind irgendwann einmal eingewandert. So setzt sich auch die Akademie aus Tänzerinnen und Tänzern zusammen, deren Einflüsse unterschiedlicher nicht sein könnten. «Unsere Kompanie ist durchmischt und strebt nach Qualität und danach, zusammenzufügen, was jede einzelne Person kreiert, um sich auszudrücken» erklärt Ferrer. Ob Flamenco oder traditionelle Tänze aus Afrika – den Rhythmus haben sie alle im Blut.

Die Kubaner leben da, wo stets die Sonne scheint und die Temperaturen selten unter 20 Grad fallen – Karibik halt. Man tanzt draussen, überall läuft Musik. Das Tanzen gehört zu Kubas Kultur. Dies hat seinen Ursprung auch in der Religion. In der Santería, dem – neben dem Katholizismus – vorherrschenden Glauben, ist die Frau eine sinnliche Göttin. «Das verkörpern alle Frauen auf eine gewisse Art, diese Sinnlichkeit, beim Gehen, beim Sprechen, wie sie sich präsentieren. Wenn also eine Frau die Strasse hinuntergeht, gleicht das einem Tanz» so Ferrer. Aber auch die Männer, die ebenfalls ihr Pendant in den Legenden der Santería finden, würden selten mit ihrer Männlichkeit geizen, gelte es doch, diese unter Beweis zu stellen. Das Tanzen wird zum Balzen – zu zweit und stets mit etwas Erotik und vor allem viel Lebenslust verbunden. Diese Faszination von kubanischen Rhythmen und schweisstreibenden Nächten in den Clubs von Havanna, lockt jährlich zahlreiche Touristen auf die Karibik-Insel. Für ein paar Tanzstunden, ein paar Nächte voller Musik. Der Rumba, einer der traditionellen Tanzstile der Insel, gehört sogar zum Unesco-Weltkulturerbe.

Die Revolution nährte den Tanz

Der Tanz, die Musik, die Ideen und die Kreativität wurden in Kuba seit der Revolution gefördert, gleichzeitig fehlte es vielerorts an Einkommen, oder sogar an Nahrung. Miguel Ferrer war zehn Jahre alt, als die Revolution begann. Heute ist er 68 Jahre alt. Stets sei jemand hinter ihm gestanden, der von Gerechtigkeit und Rache erzählt, davon, wer der Feind ist und wie es zu leben gilt. Das Regime habe es geschafft, in einem sehr armen Land über 14 folkloristische und kontemporäre Tanzschulen zu unterhalten. Das alles war und ist kostspielig. «Man hat uns Ideen und Emotionen zum Essen gegeben» erzählt der Direktor.

Und obschon viele Kubaner eine Annäherung an die USA begrüssen würden, einen Anschluss Kubas an die Welt, feiern sie noch immer ihren Helden, den Revolutionär Fidel – Hasta la Victoria siempre. Sein Tod wird daran wohl so schnell nichts ändern. Zumindest nicht daran, welchen Stellenwert der Tanz hat, oder die Musik, die Ideen.

Denn damit wachsen die Kubaner auf, als Inselvolk, das auf den Rest der Welt verzichten muss, oder will. Aber die Menschen auf Kuba wussten schon immer, wie man die Schwierigkeiten umschifft und sich selbst hilft. Daran lässt auch Miguel A. Iglesias Ferrer keinen Zweifel: «Wir machen gute Arbeit, künstlerische Arbeit. Ich weiss nicht genau wie, aber wir machen es gut.»