Theater Basel

Die Regisseurin Nora Schlocker ist kräftig auf die zarte Art

Nora Schlocker, die neue Hausregisseurin am Theater Basel, will mit grossen Theatergeschichten berühren und anregen. In den Proben geht sie völlig auf und wiederholt jede Szene so oft, bis sie nicht nur genügt, sondern überrascht und überzeugt.

Mittelmässigkeit ist ihr ein Graus. Nora Schlocker macht Sachen ganz - oder gar nicht. Sie will Intensität, Wahrhaftigkeit, Relevanz. Grosse Stoffe, grosse Gefühle, grosse Rollen inszenieren. Auf zarte Art ist sie ehrgeizig, selbstbewusst, bestimmt.

Basels neuer Theaterdirektor Andreas Beck muss diese Eigenschaften der neuen Hausregisseurin – eine von vieren – registriert haben. Das erste Schauspiel dieser Saison auf der grossen Bühne – und das erste seit langer Zeit in diesem fürs Sprechtheater schwierigen Raum – hat er Nora Schlocker überlassen: Ihre Inszenierung von Maxim Gorkis «Kinder der Sonne» feierte kürzlich Premiere. Gestern Donnerstag Abend ging es weiter mit «Edward II. Die Liebe bin ich.» Eine Schweizer Premiere. Die Uraufführung hat letzten Mai an den Wiener Festwochen stattgefunden – doch die Schauspieler seien wieder so aufgeregt wie vor dem ersten Mal.

Sehr jung schon sehr erfahren

Mit 32 Jahren ist Nora Schlocker zwar noch immer sehr jung – aber doch schon sehr erfahren. Vor Basel war sie in Düsseldorf und Weimar Hausregisseurin. Sie dürfte bereits um die
40 Stücke an zahlreichen Bühnen im gesamten deutschsprachigen Raum inszeniert haben.

Das Krippenspiel im Tirol nicht miteingerechnet, bei dem sie den Eltern und Geschwistern Anweisungen gab, was und wie sie ihr Nachsingen sollten. Damals war sie acht Jahre alt; ein privates Video legt Zeugnis von dieser ersten Regiearbeit ab. Theater blieb ihr von da an wichtig, «ein wesentlicher Ort der Auseinandersetzung». Mit 18 bewarb Nora Schlocker sich am Max Reinhardt Seminar, eine Schauspiel- und Regieschule in Wien. Sie sei zu jung, hiess es. Ein Jahr darauf bestand sie die Aufnahmeprüfung für die renommierte Ernst Busch Schule in Berlin.

Proben als Ausnahmezustand

Ihre Mutter, eine Kunstkritikerin, habe ihr stets eingetrichtert, wie wichtig es sei, einen Beruf zu haben, bei dem man sich nicht täglich auf das Wochenende freue. So habe sie sich schon früh damit beschäftigt, wer sie sei und was sie wirklich wolle. Sie wollte Geschichten erzählen, will es immer noch; will berühren. «Theater kann ein Ort sein, an dem man sich so aufmacht, dass ein anderer Keim gepflanzt werden kann, ein anderer Zugang passiert.» Ihr Beruf sei für sie «ein Geschenk».

Nur schenken tut sie sich dabei nichts. Bei den Proben befinde sie sich «im Ausnahmezustand». Vergisst zu essen, zu schlafen; vernachlässigt Mann und Tochter, ihre Gesundheit. «Ich bin alleine nicht mehr überlebensfähig.» Sie verschwendet sich, ihre Zeit, ihre Kraft. «Ich bin gar nicht ökonomisch im Arbeiten», sagt sie. Jede Szene werde 50 Mal gespielt; am Anfang dauere sie oft zehn Minuten und werde allmählich auf anderthalb verdichtet. «Dann stecken so viele Schichten darunter.»

«Mir macht es unglaubliche Lust, Schauspieler zum Spielen zu bringen – vielleicht auch so, wie ich sie selber noch nie gesehen habe.» Deshalb nerve sie wohl oft: «Ich hake 1000 mal nach, will es auf 1000 verschiedene Arten versuchen – bis eine Schauspielerin, ein Schauspieler seine Figur so gut kennt, dass diese frei aus sich heraus agieren kann. Jeden Abend etwas anders, und doch jeden Abend richtig.» Diese Freiheit «bezaubert», das ist es, «was so eine Wucht bringt und das Besondere am Theater ausmacht, einem der letzten Eins-zu-eins-Erlebnisse».

Stück der Stunde

Er würde ja gern etwas Grosses tun, aber ihm falle nichts ein, sagt der Melancholiker Tschepurnoj in «Kinder der Sonne». Er spricht die Worte direkt ins Publikum. Und Nora Schlocker hat den Eindruck, dass in dem Moment den Basler Zuschauern der Atem stillsteht. Dieser Tschepurnoj (in Basel berührend gespielt von Urs Peter Haller) gehört einer privilegierten, von Armut und grassierender Seuche abgeschotteten Gesellschaft an. Doch er merkt, dass es so nicht lange wird weitergehen können. Diese Ausgangslage macht das Stück für Nora Schlocker so zwingend.

Ausserdem wollte sie hier mit einem grossen Ensemblestück einsteigen, in dem die Figuren relativ gleichwertig nebeneinander stehen. «Kinder der Sonne» hat sie in relativ kurzer Zeit mit Schauspielern erarbeitet, die sie zum Teil vorher nicht kannte – und die einander nicht kannten. Doch tatsächlich wirkt es, als ob die Schauspieler ein langjähriges Vertrauensverhältnis aufgebaut hätten. Es sei «enorm, wie sie aufeinander aufpassen, wie sie aus gemeinsamem Geist eine Geschichte erzählen», bestätigt Schlocker.

Nur so konnte sie es wagen, drei Tage vor der Premiere das Konzept nochmal auf den Kopf zu stellen: Sie beschloss, dass alle 16 Spieler während der vollen zwei Stunden am selben Tisch, im selben Raum bleiben sollten – ohne Auf- und Abgänge. Das ist stimmig.

Schlocker liebt den grossen Einsatz, das Risiko, die unsicheren, fragilen Momente. Sollte sie mal scheitern, so auf hohem Niveau. Wir wünschen es ihr so oder so nicht.

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