Eine Polio-Epidemie in Newark 1944; ein junger Sportlehrer, der unschuldig schuldig wird, weil er das Virus in ein Feriencamp einschleppt, und verzweifelt: Philip Roths Mühlen mahlen langsam, sein neuer Roman zermalmt ganze Existenzen – um am Ende die Kraft des Faktischen anzuerkennen: Wir haben kein anderes Leben als dieses.

Geduld mit alten Männern, Geduld mit Philip Roth (77), Schriftsteller der Vereinigten Staaten von Amerika. Seine Zeit als Sex-Maniac der Erzählkunst mag vorbei sein; seine Alterstiraden und Kindheitserinnerungen mögen mitunter durch Selbstbezüglichkeit langweilen. Und dann kommt alles anders, gewaltig, herzergreifend.

Auch der neue Roman beginnt in Philip Roths Geburtsort Newark (New Jersey); er hebt langsam an, er erzählt auf scheinbar umständliche Art. Geduld. Philip Roth will nur einer Epidemie Zeit lassen, sich auszubreiten; er will nur dem Schicksal Raum geben, seine Gnadenlosigkeit entfalten zu können, will nur einen Helden so ausführlich schildern, damit er sich am Ende als tumber Tor erweist.

Tief drinnen

«Nemesis»: Von allen Roth-Romanen, die stets Romane über Selbsttäuschung sind, ist dieser der wahrhaft tiefschürfendste; in ihm tief drinnen arbeitet unaufhaltsam die Mechanik des Tragischen grausam träge. So raffiniert schlicht ist die Erzählkunst alter Männer. Weil sie Zeit erfahren haben, können sie Zeit erfahrbar machen.

Newark, im Juli 1944. Philip Roth lässt eine (fiktive) Polio-Epidemie ausbrechen, eine schwere Prüfung für die Menschen, einen Impfstoff gegen Kinderlähmung gibt es noch nicht. Die Ferienaufsicht über den Sportplatz hat Bucky Cantor (23), ein junger Sportlehrer, Jude. Seine Mutter starb bei der Geburt, sein Vater war ein Versager, der starke Grossvater wird Vorbild: Bucky hat alle Anlagen zum guten Menschen und Helden des Alltags. Zu kurzsichtig, um im Krieg zu kämpfen wie seine Freunde, macht er sich stark für seine Schüler, besonders gegen die Polio-Epidemie.

Ganz unten

Ausgerechnet sein Lieblingsschüler stirbt als Erster, Alan Michaels. Ein begabter, leistungsbewusster, sympathischer Junge – ist das gerecht? Wie eine Litanei gegen den Tod werden die Verdienste hergebetet – es nützt alles nichts. Haben die Italiener das Judenviertel angesteckt oder der Trottel Horace, der sich nie wäscht? Wer hat Schuld – das Gesundheitsamt, Bucky, Gott? Bei der Beerdigung seines Schülers packen Bucky die ersten Zweifel an Gott: Wie unwürdig für Menschen, «vor einem kaltblütigen Kindermörder im Staub zu kriechen».

Buckys Verlobte Marcia, eine Arzttochter, betreut ein Feriencamp in den Bergen, weit weg von der Epidemie, dorthin soll Bucky kommen; noch aber halten ihn Verantwortung und Gewissen in der Stadt. Mittelmässige Unterhaltungsromane hätten aus den Gegensätzen ein Melodram gepappt: flammende Leidenschaft kontra Berufsethik, Buckys Glaubenszweifel gegen Marcias jüdische Familie. All das spielt bei Philip Roth zwar mit, aber nur am Rande – so, wie es für den Gang der Dinge nachrangig ist, was die Menschen wollen. Nemesis herrscht. Und so kommt es, dass Bucky, obwohl er lange mit sich ringt, sich plötzlich für Marcias Ferienlager und gegen seine Schutzbefohlenen entscheidet, so, als sei er von etwas Unbegreifbarem überrumpelt worden und hätte sich nicht selbst entschieden.

Weit weg

Die Eigentümlichkeit des Schicksals ist, dass es passiert. Nichts sonst. Es hat keinen Sinn, und der Einfluss des Menschen ist gering. Das ist schwer auszuhalten. Besonders für einen jungen engagierten Lehrer wie Bucky; auch für Leser, die an das Muster von Schuld und Sühne, Vergehen und Strafe gewöhnt sind. Wer an die Mechanik von Leistung und Belohnung glaubt, ist hier verloren. All das zählt bei Philip Roth – aber nur ein bisschen. All das zählt, weil ein guter Autor wie Roth an dem anknüpft, was für seine Leser zählt. Aber dann führt er ins Bodenlose. Es passiert einfach.

Die Geschichte geht im zweiten Kapitel scheinbar ganz einfach weiter. «Indian Hill»: Bucky fährt zu Marcia in die Poconos; im Feriencamp beaufsichtigt er den Badeplatz. Endlich durchatmen am kühlen, grünen See! Ein Junge tut sich beim Turmspringen hervor, so eifrig, dass wir um ihn fürchten. Wird er sich nicht das Genick brechen? Es kommt schlimmer. Er hat Polio. Und Bucky hat die Epidemie aus der Stadt ins Camp eingeschleppt, ein Kind nach dem anderen wird krank.

Mittendrin

Philip Roth versteht es meisterlich unauffällig, ein abgründiges Gefühl zu evozieren: Es ist gekommen, was kommen musste. Aber warum ist es gekommen? Man mag meinen, Nemesis, die Rachegöttin, habe Bucky verfolgt, weil er sich doppelt schuldig gemacht hat: Er hat seine eigenen Schüler im Stich gelassen, und er ist fahrlässig, weil er nicht
daran denkt, dass er das Virus mit sich schleppen könnte. Persönliche Schuld ist zentral für Bucky – aber für den Autor ist sie zweitrangig.

Nemesis ist stärker und überall. Philip Roth legt das Feriencamp von Anfang an als furchtbar trügerische Idylle an – als genaues Gegenbild zum Sportplatz in Newark. In der Stadt die schwüle Hitze, die Krankheit, der Schmutz und das qualvolle Sterben; in den Bergen das kühle Grün, die strotzende Gesundheit, das Spielen und Lachen. Dreimal treffen sich Bucky und Marcia auf ihrer Liebesinsel im See – immer unheimlicher wird die Szenerie.

Ohne Ziel

So klar konstruiert sind die Bezüge und Gegensätze, dass man nicht weiss, ob das nun Baufehler oder Stärke dieses Romans ist. Sicher ist: Mit Verdoppelungen und Spiegelungen bestärkt Roth das Gefühl von Unentrinnbarkeit. Wir sind Teil der Schicksalsgemeinschaft Mensch, und deshalb gibt es auch für jene, die Krankheit und Krieg entkommen sind, kein wahres Entrinnen und kein wirkliches Glücksgefühl.

Philip Roth, der Pragmatiker, hebt den Dauerleidensdruck der Negativen Dialektik auf. Sein Credo: Es gibt ein Leben nach der Katastrophe. Und dieses Leben führt Arnie Mesnikoff.

Arnie war einer der Jungs von Buckys Sportplatz, die 1944 Kinderlähmung bekamen. 1971 hat Arnie seinen Lehrer noch einmal getroffen und ihm die Lebensbeichte abgenommen. Arnie entpuppt sich im dritten Kapitel als Erzähler des Romans. Ein Ich, das sich, abgesehen von einer Ausnahme, zuvor nie zu erkennen gibt; ein bescheidener Mann, eine Gegenfigur zu Bucky.

Ohne Sinn

Während Bucky, verkrüppelt von der Polio, in grandiosen Schuld- und Schamfantasien versank, rappelte sich Arnie auf, machte ein Geschäft mit der Krankheit und gründete eine Firma für behindertengerechten Wohnungsbau. Arnie führte sein kleines normales Leben. Bucky indes wies Marcias Liebe mit grosser Geste zurück, angeblich, um sie vor einer Ehe mit einem Krüppel zu bewahren, aber Arnie merkt: «Er konnte sich einen Rest seiner Ehre nur bewahren, indem er sich alles versagte, was er je hatte haben wollen.»

Der verehrte Sportlehrer Bucky, so wird am Ende klar, ist eine schlichte Natur. Dass ein Mensch schuldlos schuldig werden kann, damit kommt Bucky nicht klar. Er braucht einen Grund für das Unglück, er braucht Schuld als Sinnstifterin, er verflucht Gott, er verdammt sich selbst: «Er weiss nie, wo seine Verantwortlichkeit endet.»

Das rechte Mass kennen, abwägen können, die Unausweichlichkeit des Unglücks ebenso hinnehmen wie den eigenen Spielraum darin kennen und diese Krux geduldig entfalten: Das ist die Weisheit alter Männer in der Literatur.

Philip Roth Nemesis. Roman. Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren. Carl-Hanser-Verlag, München 2011. 224 S., ca. Fr. 28.–.