Theater

Die Macht der Ahnungslosigkeit

Auf dem Laufband des Lebens: Matthias Neukirch (Faber), Dagna Litzenberger Vinet (Sabeth), Claudius Körber (Perkussion), Lena Schwarz (Hanna).

Auf dem Laufband des Lebens: Matthias Neukirch (Faber), Dagna Litzenberger Vinet (Sabeth), Claudius Körber (Perkussion), Lena Schwarz (Hanna).

In seiner Version des «Homo faber» am Schauspielhaus Zürich befreit Regisseur Bastian Kraft die Frauen aus der Nebenrolle.

Mit König Ödipus hat man den «Homo faber» schon oft verglichen. Doch mit dem Mann aus Theben teilt der Schweizer Ingenieur, den der Autor Max Frisch 1957 in die Welt geschrieben hat, weder Wissensdrang (sein Weltbild ist gemacht) noch ein unvermeidliches Schicksal.

Dieser Walter Faber, ein Mann der Ratio – Gefühle sind für ihn «Ermüdungserscheinungen» – wird von der Wahrheit nicht geblendet, und vom Schicksal nicht überrollt. Im Gegenteil: Betriebsblind für die tieferen Zusammenhänge des Lebens übersieht er alle Warnungen, die ihn vom Inzest mit seiner Tochter hätten abhalten können. Was er dann auf 250 Romanseiten zu rechtfertigen sucht. Regisseur Bastian Kraft, der in Zürich zuletzt Frischs «Andorra» gestemmt hat, stellt diese Bleiwüste, welche die innere Verwüstung eines einsamen Mannes spiegelt, ins Zentrum seiner Inszenierung auf der Zürcher Pfauenbühne.

Perspektive der Frauen

Auf einem Laufband macht Matthias Neukirch als Homo faber selbstgefällig, abwesend, zielstrebig und gegen alle Widerstände Schritte nach vorn. Dieses Laufband ist zugleich Projektionsfläche für Frischs Romantext, Fabers Rapport. Eine riesiger Spiegel an der Decke lässt die Zuschauer diese scheinbare Selbstreflexion mitlesen, während Dagna Litzenberger Vinet, die Fabers Tochter Sabeth als unerotische Mädchenfrau spielt, diesen Faber auf seinem Karriere-Laufband mit ihrer Lebenslust zum Innehalten bringt. «Mr. Favour», wie sie ihn nennt, bleibt gar nichts anderes übrig, als die junge Frau, die er auf einem Schiff kennen lernt, auf ihrer Reise durch Frankreich und Italien zu begleiten.

Einen Mehrwert zum Roman schafft Regisseur Bastian Kraft, indem er die Perspektive der Frauen auf diesen selbstgerechten Mann einnimmt. Frostiger als noch Sam Shepard in Volker Schlöndorffs Verfilmung aus dem Jahr 1991 kommt dieser Zürcher Faber rüber. Und weniger facettenreich als die Romanfigur, deren Weltbild immerhin gegen Ende ins Wanken gerät. In dem kalten, seelenlosen Bühnenbild (Peter Baur) sind die beherrschenden Farben Schwarz und Weiss, denn in mehr Farben weiss dieser Faber nicht zu denken.

Die Frauen, die ihn bei seiner One-Man-Show beobachten – etwa Miriam Maertens als Geliebte Ivy –, werden von ihm mit den typischen Frisch-Sätzen einschubladisiert, während er seine Laufbandkilometer abläuft oder das Leben hinter einer Filmkamera beobachtet.

Unter dieser weiblichen Beobachterperspektive wird aus diesem Machertyp Faber ein lächerlicher Hamster im Laufrad. Die Mutter Sabeths, Fabers Jugendliebe Hanna (Lena Schwarz), sitzt wie eine Richterin hinter einem Tisch am Bühnenrand. Mit gesammelter Gefasstheit schaut sie der inzestuösen Liebesgeschichte zu, und stellt zu Fabers Schwarz-Weiss-Malerei die richtige Frage: «Was hast du mit dem Kind gehabt?» Fabers Version der Geschichte glaubt sie nicht.

Immer mehr Tintenflecken

Zu Recht. Denn den tadellosen Schreibmaschinentext verdecken im Laufe des Abends immer mehr Tintenflecken. Die Lücken werden grösser, die Fragezeichen mehren sich. Die auf dem Laufband auftretenden Figuren werfen lange Schatten auf den Bericht. Der Versuch, diese Liebesgeschichte rational zu begründen, gerät zur Farce.

Derweil erinnert der live auf der Bühne gespielte Schlagzeug-Soundtrack an das pausenlose Getrommel aus Alejandro G. Inarritus Filmsatire «Birdman». Dessen Filmtitelzusatz «Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit» könnte man auch auf diesen Neukirch-Faber ummünzen, der selbstbewusster auftritt, je weniger er begreift. Wo Michael Keaton sich als alternder Ex-Filmstar in den Tod stürzt, weil er glaubt, er besitze dieselben Flugkräfte wie sein Filmcharakter, stürzt Matthias Neukirchs Faber, weil ihn keine Fantasie beflügelt. Homo faber nach Max Frisch. Schauspielhaus Zürich, Pfauen. Derniere: 18. 11. www.schauspielhaus.ch

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