Frauen an der Regionale

Die Kunst von Alexandra Meyer geht tief – das gefällt nicht allen

Bei ihr trifft maximale Sparsamkeit auf maximale Verdichtung: Alexandra Meyer vor ihrer Arbeit «Breath», die in der Kunsthalle Palazzo zu sehen ist.

Die Kulturredaktion der bz präsentiert vier Künstlerinnen, die an der diesjährigen Regionale zu sehen sind. Die in Basel wohnhafte Künstlerin Alexandra Meyer zeigt ihre Werke in der Kunsthalle Palazzo in Liestal und in der La Kunsthalle Mulhouse.

Einen solchen Wirbel hat wohl niemand erwartet. Es ist Frühling 2016, gerade wurde verkündet, dass die Zürcher Weinländer Künstlerin Alexandra Meyer den mit 15'000 Franken dotierten Manor-Kunstpreis gewonnen hat. Die «Schaffhauser Nachrichten» berichten darüber und zeigen ein Bild: Ein hellblaues Herrenhemd mit Schweissflecken, säuberlich aufgehängt an einem Kleiderbügel. Der Titel: «Herr Meyer II». Ein Werk der damals 32-jährigen Künstlerin, das sie ein Jahr zuvor in Schaffhausen ausgestellt hat. Grund zur Gratulation, würde man da meinen, doch die Leser der Zeitung sehen es anders.

«Ich kann dazu nur sagen: Die haben doch nicht mehr alle Hemden im Schrank. Was soll an einem verschwitzten Hemd Kunst sein?» empört sich ein Leser. Ein anderer schreibt: «Wo kann ich meine Frau für den Manor-Preis anmelden?»

Dass ein strunzordinäres Hemd mit ein paar Schweissflecken Kunst sein soll, stösst den Lesern sauer auf. So sauer, dass die Direktorin des Museums zu Allerheiligen Schaffhausen sich verpflichtet fühlt, das Werk öffentlich zu verteidigen und eine Diskussionsrunde im Museum zu organisieren. Das Resultat: Über 30 empörte Schaffhauser Bürger lassen sich an einer Podiumsdiskussion über das anstössige Privileg dieses Hemds aus, jetzt Kunst sein zu dürfen. Während die eigenen Hemden ein sensationsloses Leben im Kleiderschrank fristen müssen.

Der leere Blick

«Ahh.» Alexandra Meyer steht im Kunsthaus Palazzo in Liestal und blickt auf ihre Arbeit, eine 3-Kanal-Videoinstallation namens «Breath». 48 Personen, die die Luft anhalten. Und gleich nicht mehr können. «Diesen Moment mag ich am liebsten», sagt Meyer. Sie lächelt. Der kurze Augenblick direkt vor dem Ausatmen. Gebündelte Energie, unbeschreibliche Spannung. Ein Flirren in der Atmosphäre, das sich nicht in Worte fassen lässt und nur mithilfe des Kunstwerkes in Erscheinung treten kann.

Die Augen in den Gesichtern werden immer leerer, die Gefilmten schauen nicht mehr in die Kamera, sondern woanders hin. In sich selbst, will man sagen, aber das stimmt so nicht. Eher in den urangeborenen Instinkt des Atmens hinein, in die Triebwerke des Überlebens.

«Pffffffff.» Es klingt wie ein Ventil oder ein Luftballon. 48 ergebene Ausatmer. Die Natur hat gesiegt, die weissen Projektionen verschwinden, ein Gesicht nach dem anderen, bis nur noch ein laut atmender Mann vorhanden ist. Ein paar Sekunden später ist auch er weg. Und das Ganze geht wieder von vorne los.

Die Geschichte mit dem Hemd liegt zwei Jahre zurück, aber die Kunst von Meyer erschüttert noch immer bis ins Mark. Nicht laut und reisserisch, sondern sorgfältig und reduziert. Eine Kuratorin verglich Meyers Werk einmal mit einem Haiku: Maximale Sparsamkeit sorgt für maximale Verdichtung.

Der Vergleich passt. Alexandra Meyer nimmt komplexe Gedanken und übersetzt sie in einfachste Zeichen. Ein Hemd, ein Atemzug, ein Schweissfleck, ein offener Mund. Oder ein Ehering: Während ihres Bachelorstudiums an der HGK Basel klebte sich Meyer die Eheringe ihrer frisch geschiedenen Eltern an die Fusssohlen. Drei Tage lief sie mit den Ringen an den Füssen herum. Als es ihr zu schmerzhaft wurde, liess sie ein Foto von ihren wunden Fusssohlen machen – mit dem Abdruck jener Verbindung, der sie entstammte und die nun unausweichlich gekappt worden war. Es sei wohl ihre Art gewesen, mit der Trennung umzugehen, sagt sie. Und «Pfffffffff» – erklingen wie auf Knopfdruck 48 erleichterte Ausatmer.

Blut, Luft, Fleisch

Meyer ist gelernte Pflegefachfrau, eine Ausbildung, die ihr als Künstlerin und Studentin – Meyer macht zurzeit ihren Master an der HGK – finanzielle Stabilität gibt. Zweimal die Woche arbeitet sie in Zürich am Unispital. «Wenn die Leute mich fragen, sage ich, das sei mein Brotjob.» Sie hält kurz inne. «Aber wenn ich ehrlich bin, beeinflusst mich die Arbeit im Spital wohl doch mehr, als ich mir bewusst bin.»

Sie interessiert sich für Lebensmaterial, den Stoff des Lebendigen. Für Fleisch, Blut und Luft. Vor zwei Jahren hat sie 92 Künstlern und Kulturschaffenden Blut abgenommen und hing die Flügelkanülen von der Decke. 92 hängende Blutreste, Meyer nannte sie «Portraits». Ein paar Jahre zuvor fabrizierte sie eine Blutwurst, in die sie eigenes Blut mischte.

Eigenes Blut! Da hört man wieder die Hemdträger schimpfen. So was soll Kunst sein!?
Wut ist auch ein Stoff der Lebendigen und so kommt es, dass genau diese Reaktion letzten Endes das Werk von Alexandra Meyer wohl fast am besten auf den Punkt bringt. Grosse menschliche Regung gegenüber grosser menschlicher Kunst. Eine einfache Gleichung, zugegeben. Aber wer sagt denn, dass Kunst immer so saukompliziert sein muss? Pffffffffffffff.

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