Nennigkofen

Die Kunst erforscht das freie Feld

Oberhalb von Nennigkofen führt ein Kunstweg durch die schöne Natur vorbei an 19 künstlerischen Reflexionen und Installationen zum Thema Bucheggberg als Ausgang künstlerischer Feldforschung.

Eva Buhrfeind

Feldforschung, das ist eine Art, sich einzubohren ins soziale Milieu, vor Ort sozusagen und in der Kultur. Dieser Kunstweg nun, oberhalb von Nennigkofen gelegen, mit einem weitschweifenden Blick auf den Jurasüdfuss, den Bucheggberg im Hintergrund, ist das Ergebnis einer intensiven, aber eben künstlerischen «Feldforschung», eine der letzten naturnahen Kulturlandschaften mit einer eher bäuerlichen Struktur, eingekreist von Siedlungsgebieten und industriellen Räumen, erforscht und bespielt von 19 sehr unterschiedlichen Sichtweisen. Denn dieser wunderschöne Bucheggberg ist als landschaftliches Kulturgut und landwirtschaftlicher Lebensraum reich an Geschichte, Natur und Tradition, ein beliebtes und daher an den Wochenenden reich bevölkertes Ausflugsziel.

Diese Erfahrungen und Eindrücke haben die in Nennigkofen beheimatete Künstlerin Béatrice Bader inspiriert, den Ort zu einem Projekt der künstlerischen Auswertung zu erweitern. Sie hat 19 Kunstschaffende aus dem In- und Ausland eingeladen, sich auf diese Landschaft, die Kultur und Natur einzulassen, ihrer Feldforschung einen künstlerischen Moment zu verleihen. Entstanden ist ein Kunstwanderweg, der seine Zeit und Musse braucht, hier muss man sich auf die Kunst und die Natur gesamtheitlich einlassen, denn die Kunstschaffenden haben weniger in die Landschaft eingegriffen als vielmehr für sie elementare Aspekte aufgegriffen und als diskrete Kunstinterventionen in die Natur eingebunden, die man nicht einfach so am Wegesrand pflückt: Sie wollen gelesen, reflektiert sowie als Bereicherung und als Erlebnis mitgenommen werden.

Allein bei Monika Loeffel ist der Blick auf den Bucheggberg ein versteckter Blick durch die Kamera, die im Wald versteckt Bilder sammelt und das Geschehen via Überwachungsvideo auf eine Website kolportiert (www.big-eye.ch). Zum Auftakt vor Ort hinterfragt der Rüttener Heini Bürkli feldforschungsmässig in einer Rauminstallation die Möglichkeiten der Nahversorgung durch einheimische Produzenten im Kontext komplexer Kundenwünsche. Schliesslich geht doch der Trend wieder zum Hofladen.

Fritz Breiter hingegen verweist auf die aussterbende landwirtschaftliche Technik vom Pferd und Pflug. Sein aus alten Gerätschaften konstruiertes Objekt steht wie ein Wegweiser am Ackerrand, in der Gestalt eines Ochsen, der Mahn- und Denkmal zugleich ist. Rita Baumgartner zum Beispiel lässt die Besucher auf einem liegenden Baumstamm ausruhen, lässt die wachsende und sich wandelnde Natur ihre eigene Bühne bespielen. Bei Johanna Schüpbachs grosser Leinwand am Waldesrand braucht es Zeit und Geduld, um auf den farbig kartografierten Berglandschaften die Jura-Horizonte herauszulesen - eine spannende Auseinandersetzung mit der realen und künstlerischen Landschaftsform.

Ganz anders agiert da Susanne Mullers «Wind-Orkan-Zeichen», das mit einer Feder die Bewegungen des Windes in eine Kupferplatte schraffiert. Während Kardo Kostas «Schutzkotem», ein farbig totemartiger Baumstamm, als Sinnbild steht für die Verbindung von Himmel und Erde und für einen weltumspannenden Schutz der Natur. Annemarie Würgler spielt auf die Vergänglichkeit des Lebens an: Wenn ihre keramischen, in die Erde gebetteten Figuren vergangen sind, bleibt die Natur bestehen, bewacht von drei stelenförmigen Wächtern. Auch Ursula Stalder hat auf dem Feld und im Wald geforscht, hat von der Forstwirtschaft zurückgelassene Fundstücke, Tannenzapfen zu einer archäologischen Sammlung inszeniert, der Nachwelt zum Staunen und Nachdenken.

Nachdenklich wird man auch bei Ottmar Hoerls 50 Figuren, die deutsche Künstler auf einem langen Sitz nebeneinander aufgereiht durch ein Fernglas auf ihren Mikrokosmos starren lässt, den sie für ihren Makrokosmos halten. Ein «Jeder hat seine Sichtweise», nur die beiden Letzten starren sich selber an.

Bei Pavel Schmidt geht es tief in den Wald, er spielt mit dem Bucheggberg als Pilzparadies, hier als märchenhafter «Hexenring» aus Eisenbahnpuffern aufgebaut, scheinen sie Relikte alter und geheimnisvoller Zeiten.

«Ohne Landwirtschaft keine Käseschnitte», lässt sich Brutus Luginbühl im Katalog zitieren, und so stehen seine hölzernen «Harold und Maude» wie die letzten Kühe der Milchviehwirtschaft symbolhaft an einem Scheideweg und blicken in die weite, ungewisse Zukunft ihrer «Zunft». Den Abschluss dieses sinnbildhaften Kunstweges macht Béatrice Bader selber. Sie verweist auf die Verdrängung der Natur durch Beton. Einen Kubikmeter Erde hat sie ausgehoben, daneben steht ein entsprechender Betonklotz, Tierpfotenspuren zeigen, dass hier einst Tiere beheimatet waren. Man kann sich auf den Betonklotz setzen, den Blick schweifen lassen über den Bucheggberg, den Jura, über Wald, Felder, Wiesen, die Aare, die Störche. Und man kann später den Kunstweg nochmals beschreiten, wenn die Natur die Kunstobjekte weiter in ihre eigene Geschichte aufgenommen hat.

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