Kunst
Die Kunst des Wartens

Das Aarauer Forum Schlossplatz konkretisiert ab Freitag ein abstraktes Ärgernis, das sein muss: Warten. Sicher ist auch: Einen grossen Teil seines Lebens verbringt ein Mensch wartend.

Andreas Ruf
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Christoph Ruckstuhl, «o.T.», aus der Serie «Fototagebuch des Wartens». Christoph Ruckstuhl

Christoph Ruckstuhl, «o.T.», aus der Serie «Fototagebuch des Wartens». Christoph Ruckstuhl

«Wenn ich nicht mehr warten müsste – käm’ ich auf die Welt und wär schon tot.» Was die Literaturwissenschafterin Stephanie von Harrach in der Ausstellungszeitung zu «Le monde attend» feststellt, ist ungeheuerlich. Schliesslich ist das Warten ein grosses Ärgernis im Alltag. Oder etwa doch nicht?

Sicher ist: Einen grossen Teil seines Lebens verbringt ein Mensch wartend. Dass diesem Umstand meist wenig Beachtung gezollt wird, und wenn, dann oft mit einigem Groll, wird dem Besucher der neuen Ausstellung im Forum Schlossplatz schlagartig bewusst.

Denn «Le monde attend» zeigt, dass es nicht nur die eine und negative Form des Wartens gibt, dass nicht nur Menschen warten müssen. Ebenso beschäftigt den Besucher die Frage, was der Zustand des Harrens mit Menschen so alles anstellt.

Auch Nadine Schneider, die künstlerische Leiterin des Forums Schlossplatz, wartete am Mittwoch. Etwa auf die Kunstwerke, die eins nach dem anderen im herrschaftlichen Aarauer Haus angeliefert wurden. Und sie wartete auf morgen. Dann ist Vernissage der Ausstellung, die sie nun seit fast zwei Jahren beschäftigt. «Aussergewöhnlich lange», wie sie selber sagt.

Luftige Ausstellungsräume

«Auf halber Strecke dachte ich, eine Ausstellung zu diesem Thema liesse sich unmöglich umsetzen», so die Kuratorin. Die Idee kam Schneider einst in einem Schuhgeschäft. Fünfzehn Minuten musste sie damals ihrer reparierten Schuhe harren. Statt weiter im Einkaufszentrum umherzuhasten, beschloss sie, sich einfach nur auf den Stuhl im Geschäft zu setzen und sich ein wenig umzusehen. Richtig zu warten also. «Ein Aha-Erlebnis», wie Schneider betont.

Die Idee war da, die Frage ungeklärt: «Wie soll man ein Thema, das derart am Menschen hängt, ausstellen, ohne es zu pädagogisieren?»

Die Lösung fanden Schneider und ihr Team schliesslich in einer reduzierten Inszenierung. Den Besucher erwarten luftige Ausstellungsräume. Wenige Werke nehmen viel Zeit in Anspruch. Sie deuten auf Aspekte des Wartens, beschränken sich dabei längst nicht aufs Deskriptive, sondern führen die Besucher mal auf den doppelten Boden unter dem Buswartehäuschen, mal zeigen sie die verschiedenen Aggregatszustände des Ausharrens. Ängstlich, freudig, genervt oder gelangweilt, so lässt sich unter anderem warten. Auf die Diagnose des Arztes, auf die Ferien, auf die Gepäckausgabe am Flughafen.

Oder ganz einfach auf den nächsten Bus: Die Videoinstallation der Zürcher Künstlerin Georgette Maag «Siebenminutentakt» etwa zeigt eine Zürcher Bushaltestelle. Belustigt darf man da den Menschen beim Warten zuschauen, erkennt sich aber plötzlich selbst in sinnlosen Handlungen, die die Zeit überbrücken sollen. In diesem voyeuristischen Moment dämmert einem plötzlich, dass man ja selbst vor diesem Bildschirm wartet und die Wartenden begafft.

Reduziert und kraftvoll

Wie ein roter Faden ziehen sich die Aufnahmen von «NZZ»-Fotograf Christoph Ruckstuhl (Bild unten) durch die Ausstellung. Sie stammen aus seinem «Fototagebuch des Wartens». Eines der Bilder zeigt das Parkhaus des Zürcher Opernhauses, alles steht bereit für den grossen Empfang, aber noch niemand ist da. Der Raum vibriert förmlich unter der Spannung. Denn auch Räume, das offenbaren Ruckstuhls feinfühlige Momentaufnahmen, können warten. Ebenso Gegenstände, wie die abgepackten Spielzeug-Teddybären, die sich auf ihren Verlad gedulden.

Es sind sinnliche Werke, die in den drei Räumen gezeigt werden. Sie ziehen den Betrachter in den Bann, kommunizieren mit reduzierten Mitteln, dafür mit unerwarteter Kraft. Zentrales Werk der Ausstellung ist «Displaced» des Oltner Künstlers Sam Graf. Auf einem schwarzen Bildschirm wird eine Zeitspanne in weissen Ziffern abgezählt. Bis man merkt, dass es die eigene Zeit ist, die da vom Leben abgezogen wird, ist die Irritation perfekt.

Wie verwandelt wartet der Besucher später auf den Zug am Bahnhof. Und ein Schmunzeln kann sich nicht verkneifen, wer die Wartenden am Perron beobachtet, während er selbst nicht anders tut.

Le monde attend, Forum Schlossplatz Aarau, 16. November bis 9. Februar 2014. Vernissage: Morgen Freitag, 15. November, 18.30 Uhr.

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