Rainald Goetz ist eine sperrige Figur im deutschen Literaturbetrieb. Bereits der Rasierklingenauftritt des studierten Mediziners 1983 in Klagenfurt mischte den behäbigen Bachmannpreis mit blutiger Performance auf.

Bald darauf, noch bevor er mit DJ Westbam durch die Technojahre driftete, schrieb Goetz eine Theatertrilogie, die für Aufsehen sorgte: «Krieg» der lapidare Titel, die existenzielle Situation des Menschen das Thema. Die ungestüme Vermengung von Welt, Familie, Kunst, Hass, Kampf, Widerstand und Tod war die Form.

Insgesamt über 300 Seiten in Prosa-, Dialog- und Gedichtform. Mehr Texflächen als Dialoge, kaum ein Plot. Komplexe, aberwitzige Wortkaskaden, auf den ersten Blick abstrus, beim zweiten Lesen erst den Witz und präzisen Bau verratend. Mit Sicherheit eine Herausforderung für Schauspieler und Publikum.

Nun gibt es «Kolik», den dritten Teil der Trilogie, als Musiktheater. In ihm geht es um die letzten Minuten im Leben, um die radikale, ehrliche Sicht auf das, was war, was möglich ist, was kommt und nicht mehr kommt.

Der Basler Gare du Nord hat damit seine Saison 2018 eröffnet. Der Regisseur Benjamin van Bebber und die Komponisten Jannik Giger und Leo Hofmann haben die Partitur entwickelt. «In kollektiver Autorenschaft», wie sie vor der Premiere am Donnerstag betonten. Ein klug gedachtes Konzept: Fragmente aus dem Text von Goetz, selbst ein Meister des Samplings, herausschneiden und sie mit Klang und Musik neu aufladen – und mit einer Stimme.

Ein Star im Zentrum

Für die Uraufführung konnten die jungen Künstler Sarah Maria Sun verpflichten. Die 40-jährige Sängerin schmückt derzeit Titelseiten und begeistert Kritiker weltweit. Von ihrem Glasharfen-Sopran, ihrer schwindelerregenden Wandelbarkeit ist die Rede.

Sun war früh am Entstehungsprozess beteiligt. Der Elektromusiker Hofmann hat ihre Stimme bereits im Vorfeld aufgenommen und in mehrstimmige Chöre verwandelt. Seine über Lautsprecher eingespielte Collage wiederum verbindet sich mit Gigers Sound für das achtköpfige Orchester. Dieses steht mit der Sängerin auf der Bühne. Das Setting erinnert an einen Club. Hier findet eine Art letzte Orchesterprobe statt. Sun singt und dirigiert die Musiker, die ihre Stimmen ebenfalls zum Chor vereinen.

Vor der komplexen Collage aus Text, Klang und Stimme sei hier der Hut gezogen. Sie füllt die 90 Minuten mit unterschiedlichsten Aggregatzuständen, die emotional wiederum mit dem Thema, den letzten Fragen, korrespondieren.

Leider treten aber nicht diese letzten Fragen in den Vordergrund, sondern diejenige nach der Verständlichkeit. Das Konzept, einen solch komplexen Text singen zu lassen, macht ihn noch kakophonischer, als er bereits ist. Anstatt die vertrackten Sätze transparent zu machen, verflüchtigen sie sich.

Die Sopranistin Sun zieht alle ihre Register, wechselt fliegend vom Gesang ins Sprechen und zurück. Sie ächzt und stöhnt, während die Musik kratzt und klopft, sie liegt, sie schreit, sie ruft Hallo! in die Leere, sie berührt die Nase einer Zuschauerin, sie zerreisst die Partitur, sie leidet und stöhnt angesichts der bevorstehenden Auslöschung: «Ich armseliger Nächtling, ich traurige Lachfigur. War das alles? Dieses bisschen Ich?»

Sun zelebriert dieses Leiden mit grosser Geste, verzerrter Mimik und weit offenen Augen. Aber gerade wegen dieser Dramatik bleibt sie seltsam puppenhaft. Goetz’ Worte werden nicht menschlich, sondern bleiben Kunst. Das ist schade, auch wenn das hörspielartige Ende nochmals den Horizont öffnet.

«Kolik», Freitag, 19. Oktober, und Samstag, 20. Oktober, 20 Uhr. Gare du Nord, Basel.