Literatur

Die Hölle, das sind die anderen

Wühlt mit «Dreck» im Familiensumpf: David Vann. ho

Wühlt mit «Dreck» im Familiensumpf: David Vann. ho

Der US-Autor David Vann hat seine Leser noch nie geschont. Auch sein neuer Roman «Dreck» ist ein beklemmendes Kammerspiel im familiären Rahmen.

Die Hölle, das wissen wir spätestens seit Sartre, sind immer die anderen. Liebe, Zuneigung, Anerkennung – alles zum Scheitern verurteilt. Der ins Leben geworfene Mensch ist dazu verdammt, andere zu quälen und von anderen gequält zu werden.

Der amerikanische Autor David Vann würde dieser Vorstellung vermutlich nicht widersprechen. Er würde allenfalls noch eine kleine Spezifizierung vornehmen: Die Hölle, das sind die anderen Familienmitglieder. Dieser unbarmherzige Grundton bestimmt sein literarisches Schaffen von Anfang an. Als vor zwei Jahren «Im Schatten des Vaters» erschien, bekam man darin eine Vater-Sohn-Geschichte präsentiert, wie man sie in dieser Radikalität und Gnadenlosigkeit noch nie zuvor gelesen hatte. Als ein Jahr später «Die Unermesslichkeit» folgte, fühlte man sich als Leser nach der Lektüre ähnlich mitgenommen angesichts eines Ehedramas, das den antiken griechischen Tragödien alle Ehre macht. Und auch aus der Familienhölle in «Dreck» geht man als Lesender am Ende anders heraus, als man hineingegangen ist: verstört, angewidert, erschüttert.

Auskunft über den Lebenssinn

Galen Schumacher ist zweiundzwanzig, ein Spätpubertierender, der noch keine sexuellen Erfahrungen gesammelt hat und bei dem sich zwischen körperlichen und geistigen Bedürfnissen noch kein so rechtes Gleichgewicht eingestellt hat. Seelenheil und Orientierung sucht er in den literarischen Werken, von denen sich alle Jugendlichen irgendwann einmal Auskunft über den Sinn des Daseins erhoffen: in Hesses «Siddharta», in Khalil Gibrans «Der Prophet», in der «Möwe Jonathan» und in den esoterischen Welten eines Carlos Castaneda. Zusammen mit seiner Mutter lebt er auf einer alten Walnussplantage in Kalifornien. An männlichen Orientierungsinstanzen fehlt es ihm völlig: Der Grossvater ist tot, und seinen Vater hat er nie kennen gelernt. Stattdessen gerät er in den erotischen Bann seiner 17-jährigen Cousine, die ihm schliesslich auch den «Jungfrauenstatus» nimmt. Doch dieser erste Geschlechtsverkehr ist keineswegs die Initiation ins Erwachsenenleben, sondern im Gegenteil der Funke, der das Familienfass gleichsam zum Explodieren bringt.

Ähnlich wie Vanns Erstling kippt auch «Dreck» ziemlich genau in der Mitte von einem ziemlich unschönen Familiendrama in ein zutiefst beklemmendes Kammerspiel. Hatte man Galens Empfindung, «dass seine Mutter der Feind war», zunächst noch als altersüblichen Abnabelungsversuch verstehen dürfen, so bestimmt diese fixe Idee im zweiten Teil sein Handeln mit schwer zu ertragender Konsequenz. «Er begriff jetzt, dass seine Familie von Gewalt zusammengehalten wurde.» Schon sein Grossvater hatte die Grossmutter geschlagen und damit gleichsam die «Erbsünde» begangen, die nun auch auf dem Enkel lastete. «Als wäre man niemand, müsste aber trotzdem leben.» Befreien kann er sich aus all diesen Bindungen und familiären Fesseln nur - durch Gewalt.

Mörder durch Unterlassen

«Er mochte Wiederholung. Sie war die Grundlage von Religion. Die Wiederholung der immer selben Wörter oder der Kniefall oder das Sitzen und die Konzentration auf die Atmung. Uns schreckt das Nichts, nicht zu wissen, was als Nächstes geschieht oder was wir tun sollen oder wer wir sein sollen. Wiederholung ein Fixpunkt, eine Zuflucht.» Und so wird Galen am Ende zum Mörder nicht durch Tun, sondern durch Unterlassen, durch das Festhalten an banalen Ritualen, die den «Wachverstand» ausschalten und stattdessen den Weg ebnen «zum grossen Verstand», der für Galen nur jenseits der Familienhölle zu finden ist. Doch auch dort ist er nur «hilflos sich selbst ausgeliefert, so beherrscht von Nichts». Die Hölle, das sind wir selbst.

David Vann: Dreck. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Miriam Mandelkow. Suhrkamp, Berlin 2013, 298 S., Fr. 28.50

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