Julia Stephan

Jede Generation entdecke ihre Heiligen neu, sagte Verena Füllemann von der St.-Verena-Stiftung. «Heiligenlegenden berühren, weil sie an unsere Wurzeln rühren, ohne auf historisches Faktenwissen zurückzugreifen.» So waren auch für Verena Füllemann die Berichte über die Wirkungskraft der heiligen Verena von Kindheitstagen an vertraut gewesen.

Die Faszination für die Namensvetterin hat angehalten und Füllemann motiviert, sich als Herausgeberin aktiv für die Bewahrung der Verenalegende einzusetzen. Für die Publikation «Mit Kamm und Krug: Entdeckungsreise zur heiligen Verena von Zurzach» konnte der Theologe Walter Bühlmann als Autor gewonnen werden.

Man habe sich bewusst für einen männlichen Autor entschieden, um nach Jahren des vorwiegend weiblichen Forschungsfokus wieder einmal eine männliche Perspektive auf die Heiligenfigur zu gewinnen, so Füllemann. Auch habe Bühlmanns Fähigkeit, Vergangenheit und Gegenwart miteinander zu verknüpfen, ihn zu einem geeigneten Kandidaten für das Verenabuch gemacht.

Über Glauben zur Freiheit

Welche Bedeutung der heiligen Verena aus weiblicher Perspektive zukommt, versuchte die Privatdozentin Hildegard König aus dem deutschen Chemnitz zunächst in ihrem Kurzreferat über christliche Frauengestalten darzulegen. Was Frauen wie die heilige Thekla oder die heilige Verena eine, sei ihre Eigenständigkeit, mit der sie im Auftrag des Glaubens agiert hätten. Was
paradox klinge, erweise sich als durchgehendes Muster: Die Bindung an den Glauben
verhalf ihnen zu einer für jene Zeit ungewöhnlichen Handlungsautonomie und inneren Freiheit.

Interesse am heiligen Personal

Nach einem vielstimmigen Intermezzo mit der Eigenkomposition «Verena» des Familienorchesters Matthias Müller und Magda Schwerzmann kam es zum mündlichen Austausch über die Heilige. Der Theologe Erwin Koller, der dem Schweizer Fernsehpublikum vor allem durch die Serie «Sternstunde Philosophie» bekannt ist, führte auf die verschlungenen Pfade der Ortsheiligen. In Anwesenheit des Autors Bühlmann, der Privatdozentin König und der Herausgeberin Füllemann wurde über die Bedeutung der Heiligen debattiert.

Hildegard König verwies auf die nach wie vor ungebrochene Popularität von Heiligenfiguren: «Ich erlebe grosses Interesse am heiligen Personal, auch bei Menschen, die keiner Religionsgemeinschaft angehören.» Für Walter Bühlmann exemplifiziere sich an der Verena die Erkenntnis, dass Wagnisse unumgänglich sind, wenn man anderen Menschen helfen wolle. Und auch Füllemann nennt Verena eine «mutige Frau», die mit viel Sympathie für andere ausgestattet gewesen sei und die ihr Wissen an andere weitergegeben habe. Oder zeitgenössisch formuliert: Eine moderne Singlefrau sei sie gewesen, die sich Zeit für andere und für das Gebet genommen habe.

Im Anschluss an die intellektuell auf hohem Niveau geführte Diskussion bedankte sich Arthur Vögele im Namen der St.-Verena-Stiftung für das Engagement aller Beteiligten und die finanzielle Unterstützung der Gönner. Beim Apéro in der Oberen Kirche stand das Verenabuch für die zahlreich erschienenen Interessierten zum Verkauf bereit.