Es gibt nichts Lächerliches als eine Sterbeszene auf der Opernbühne – jedenfalls so lange, bis man deswegen nicht weinen muss. Doch bei allen vergossenen Operntränen, diesen Ozeanen des Glücks, wird bisweilen vergessen, dass in einer der ersten Opern der Tod beinahe überwunden wurde. Man stelle sich vor, wie es dann mit dem neuen Genre weitergegangen wäre … nämlich gar nicht! Da Orpheus aber an der Gunst der Götter zweifelte, machte er im 1607 uraufgeführten «Orfeo» von Claudio Monteverdis die Auferstehung zunichte, versetzte der Geliebten den zweiten Todesstoss – und ermöglichte tausend neue Operntode. Gott sei Dank. Nichts Grossartigeres, als wenn Violetta heute noch stilecht stirbt.

Der lettische Starregisseur Alvis Hermanis hat nun für das Schauspielhaus Zürich eine Theaterhymne auf ebendiesen vielbeklatschten Operntod geschrieben – allerdings ausgerechnet für Theatermenschen, jener Spezies von Gefühlsmisstrauenden, die gerne über das Pathos der Oper lachen.

In seinem zweistündigen Zürcher Abend «Die schönsten Sterbeszenen in der Geschichte der Oper» muss man viel lächeln, bisweilen gar laut auflachen. Doch es sind jene Lacher, die man gleich wieder runterschlucken möchte, da sie einem selbst wehtun, da sie gegen das zutiefst Menschliche gerichtet sind. Hermanis spielt damit virtuos. Und so wird die vermeintlich zufällige Nummernrevue zu einer Reflexion über die Liebe, das Sein und das Sterben: über das Leben schlechthin.

Das böse Lachen über den Tod

Hermanis zeigt uns sechs uralte Opernnarren, die zu einer engen Altersheim-Gemeinschaft verwachsen sind. Der echte Tod – «der wahre, beste Freund des Menschen», wie Mozart einst an seinen Vater schrieb – ist hier der Bruder jedes Denkens. Erst so wird der Tod in diesen Mauern ertragbar. Als die sechs Altersheimbewohner erfahren, dass ihr Koch bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen ist, lachen sie grell auf. So etwas Triviales ist ihnen, die den «schönen Tod» täglich feiern und kunstvoll wieder und wieder sterben, zuwider. Lauschen sie Sopranistin Ilena Cotrubas, wie sie als Traviata stirbt, da scheint es, als würden sie allesamt gleich voller Ekstase ihren letzten Atemzug tun.

Die drei Männer und drei Frauen begnügen sich nicht damit, bloss knisternde Opern-Schallplatten zu hören und träfe Kommentare dazu abzugeben, sondern sie spielen die berüchtigten Szenen tagtäglich nach und erinnern damit an Daniel Schmieds «Il bacio di Tosca», den Dokumentarfilm aus dem Jahr 1984 über das Mailänder Sänger-Altersheim. Egal. Das Sterbe-Spiel ist bei Hermanis nie plump, sondern oft tollkühn – so, dass einem der Atem stockt, da es zu viel Aufregung für die alten Herzen gewesen sein könnte. So etwas kann im Slapstick enden.

Dem Melancholiker Hermanis allerdings ist der repetitive Schenkelklopfhumor eines Christoph Marthalers fern, er übertreibt das Spiel mit den lustigen Alten nie, ihr Tun ist durchweg elegant und zutiefst berührend. Selbst Toscas Sprung von der Engelsburg gelingt … Famos, wie sich Hilke Altefrohne, Gottfried Breitfuss, Isabelle Menke, Friederike Wagner, Milian Zerzawy und Jirka Zett das greise Schlurfen, Zittern, Röcheln – das Uraltsein – angeeignet haben.

Was ist schon zu lang?

Hermanis reiht nicht einfach die sehr unterschiedlichen Sterbeszenen aneinander, sondern erzählt jeweils auch kurz die Vorgeschichte. Bei Bizets «Carmen» memoriert er die Oper gleich in sich überlappenden Szenen. Wer hier das Original kennt, hat doppelt Spass. Wenn Hermanis allerdings zum Finale fast 15 Minuten lang bei Wagners «Tristan und Isolde» verharrt, erkennt der Nicht-Opernfreund bestimmt Kürzungspotenzial. Doch muss dieser Höhepunkt in der Geschichte des Operntodes, dieser traumartige Lustschrei Isoldes, nicht mit urwagnerianischer Epik behandelt sein? Für Opernfreunde ein Klacks: Die gehen bei Wagners «Götterdämmerung» nach zwei Stunden in die erste Pause. Sie alle versinken bei Isoldes Liebestod verklärt im Samtsessel, werden noch Tage später behaupten, dass sie weniger aus Liebe als vielmehr an der Liebe zur Musik gestorben sei.

Auch aus dem Zürcher Abend spricht vor allem Hermanis’ Liebe zur Oper. Deshalb bricht er das Geschehen im Finale nicht, lässt Wagner das letzte Wort und glaubt fest an dessen Textbuch, wo es heisst es: «Isolde sinkt wie verklärt auf Tristans Leiche. Grosse Rührung und Entrücktheit unter den Umstehenden.»

Die schönsten Sterbeszenen: Schauspielhaus Zürich, Box (Schiffbau), 9 Mal bis 16. April. Zusätzlich zeigt man im April von Alvis Hermanis «Späte Nachbarn» (Gastspiel aus München) sowie «Schwarze Milch» (Neues Theater Riga).