Theater

Die Frau, die sich die Seele freischreibt

Die Stückbox im Neuen Theater Dornach präsentiert «Glück» von Dragica Rajčić. Ein Stück, das von der Gnade der Sprache erzählt.

Was wäre wohl aus Ana geworden, hätte sie nicht ihre Sprache und das Schreibtalent gehabt? Die Frage stellt die Autorin Dragica Rajčić in der Stückbox im Neuen Theater Dornach. Was wäre geworden aus diesem Mädchen, geprägt von den brutal patriarchalen Verhältnissen im Dorf und dabei so voll Sehnsucht nach Lebensglück?

Der Pfarrer, dem sie ihre Gedichte vorträgt, begrapscht sie nur, und nach der ersten Nacht mit Igor ist sie schwanger. Mit vierzehn; sie hat gerade das Gymnasium begonnen. Vor der Wut des Vaters soll die Heirat sie schützen.

Aber Glück findet sie bei Igor auch nicht. Die beiden haben keine gemeinsame Welt, und nach dem ersten grossen Streit treibt Ana das Kind ab. Kommt aber nicht los von ihrem Mann («nur durch seine Augen, nur durch ihn fühlte ich mich am leben»); sie flüchtet sich ins Schreiben («ich halte die Buchstaben, sammle sie gegen Igor verstecke sie unter den Augen Netz Haut»), und er fühlt sich von ihr übersehen und verachtet, dagegen hilft bald nur noch Alkohol und Gewalt.

Und es passiert, was im Dorf – das ironischerweise «Glück» heisst – nicht zum ersten Mal passiert: Sie versucht, sich umzubringen, er geht mit dem Messer auf sie los und sie flieht endlich ins «Womenirrhaus», zieht aber die Anzeige gegen ihren Mann später zurück. Geht weg und schreibt auf, was war, meist sogar in der dritten Person, das schafft Distanz und gibt Ana eine Souveränität, die auch dann noch anhält, als sie später ins Dorf zurückkehrt, wo die Erinnerungen hocken und lauern.

Sprache und Sprachlosigkeit

Dragica Rajčićs Stücktext setzt bei dieser Rückkehr ein und lässt Ana zurückblicken auf das, was damals war. Er lebt vom Wissen um diese archaisch anmutende Welt – die Autorin ist in Kroatien aufgewachsen – und glänzt durch intensive Bilder und eine ganz eigenwillige Sprache. Die hat sie sich erkämpft.

Rajčić schrieb ihre ersten Texte in ihrer Muttersprache, danach erst begann sie auch auf Deutsch zu schreiben. Es entstanden Gedichte, Kurzprosatexte und Stücke, die sie in einem absichtlich fehlerhaften «Migrantendeutsch» beliess, das unserer Sprache schöne neue Wörter und Klänge entlockt – und auch abringt – und dabei ebenso witzig wie entlarvend ist.
Das ist auf der Probebühne in Dornach gut zu hören.

Monika Varga, die Ana spielt, flicht nicht nur kroatische Anklänge ein, sie bewegt sich auch mühelos in Rajčićs Sprach-Universum, wogegen Krishan Krone als ihr Partner meist hochdeutsch dagegenhält.

Das Erzählte bekommt dadurch auch in der bewusst kargen Umsetzung eine Tiefe, einen zweiten Ton. Für Ursina Greuel, die Regisseurin, ist Sprach- und Sprechqualität wichtig, und sie ist unermüdlich im Aufspüren neuer Texte: In der Stückbox-Reihe hat sie mit ihrem Team seit 2015 ein Dutzend Stücke uraufgeführt.

Mit kurzen Probezeiten, minimaler Ausstattung und im Austausch mit dem Publikum. Ein Erfolgsformat, das vom Neuen Theater in Dornach mitgetragen wurde und im Sommer nun auch nach Zürich expandiert. Dann übernimmt Greuel zusammen mit der Literaturvermittlerin Tamaris Mayer nämlich das sogar theater an der Josefstrasse. Die «Stückbox» ist aber auch weiterhin in Dornach zu erleben.

«Glück»: 26., 28. und 29. April im Neuen Theater Dornach; 25. April im Kosmos Basel.

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