Weihnachtsgeschichte
Die Flucht nach Ägypten – Kapitel 4

Eine Weihnachtsgeschichte von Pedro Lenz.

Pedro Lenz
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In der touristischen Welt von Sharm-el-Sheikh treffen die zwei befreundeten Paare auf westliche Weihnachtsstimmung. Illustration: Philip Bürli

In der touristischen Welt von Sharm-el-Sheikh treffen die zwei befreundeten Paare auf westliche Weihnachtsstimmung. Illustration: Philip Bürli

Gegen alle Empfehlungen aus dem Reiseführer unternahmen die beiden Paare am nächsten Tag einen Ausflug mit einem Guide, der ihnen seine Dienste auf der Strandpromenade angeboten hatte. Sie hatten lange geschlafen und fuhren am Nachmittag los zum berühmten Katharinenkloster am Berg Sinai. Die Fahrt in einem alten, klapprigen Peugeot dauerte drei Stunden. Ein paar Mal hatten sie versucht, mit dem Guide, der ihnen versichert hatte, sehr gut Französisch zu sprechen, eine Konversation anzufangen. Aber irgendwann gaben sie auf, weil sie glaubten, seine Französischkenntnisse beschränkten sich auf wenige Floskeln. Mehrmals mussten sie an eigenartigen Strassenkontrollen bei bewaffneten Soldaten eine Art Wegzoll bezahlen, von dem sie nicht verstanden, in wessen Auftrag er erhoben wurde. Ihr Reiseleiter sagte jedes Mal bloss, es handle sich um Taxen, aber er konnte ihnen nicht erklären, wofür oder für wen die Taxen zu entrichten waren.
Am Abend erreichten sie das Kloster. Von dort führte ein Fussweg zum Berg, von dem es hiess, Moses habe hier die zehn Gebote empfangen. Der Guide blieb beim Auto und Joe, der den Ausflug angeregt hatte, übernahm die Wanderleitung: «Wir sollten oben ankommen, solange es noch dunkel ist, dann sehen wir den Sonnenaufgang. Man kann auch Kamele mieten, um raufzukommen, aber ich habe gelesen, das Reiten auf den Kamelen sei viel anstrengender, als selbst zu wandern.»
Auf dem Weg, der zeitweise steil war, fragte sich Robert ein paar Mal, ob Joe recht gehabt hatte oder ob er nicht doch besser auf einem Kamel geritten wäre. Lilian und Joe, die täglich Sport trieben, war die Anstrengung nicht anzusehen. Aber er und Ines spürten die Strapazen und waren froh, als sie endlich den Gipfel erreicht hatten. Oben froren sie trotz der warmen Kleider, die sie mitgenommen hatten. «Was tun wir jetzt?», fragte Robert, der am Ende seiner Kräfte war. «Wir warten auf den Sonnenaufgang, dann kehren wir zurück.»
Lilian, die warmen Tee aus einem Thermokrug trank, kam beim Gedanken, auf dem Mosesberg zu stehen, ins Philosophieren. «Es ist eigenartig. Da fliegen wir nach Sharm El-Sheikh, um der Weihnacht zu entfliehen, und stattdessen reden wir an einem Abend über die Weihnachtsgeschichte in der Bibel, und in der Nacht darauf sind wir dort, wo einmal Moses dem lieben Gott begegnet sein soll.»
Ines schaute Lilian verständnisvoll an. «Schaut mal, wie das Licht sich verändert. Man sieht schon eine Scheibe der Sonne!» Dann ging es fast unwirklich schnell. Rot erhob sich die Sonne hinter den Felsen, zwar erst nur halb und nach Sekunden schon ganz sichtbar. Das Licht veränderte sich fast im Minutentakt. Manche Touristen wussten nicht, ob sie schauen oder fotografieren sollten. Wer kein Gerät in den Händen hielt, applaudierte, als sei dieser Sonnenaufgang von einer Showtruppe inszeniert.
Auf der Rückfahrt mit dem Guide stellte Ines irgendwann fest, dass der alte Mann sehr wohl fliessend Französisch sprach. Als habe er die Hinfahrt noch gebraucht, um ein bisschen Vertrauen zu fassen, referierte er auf der Rückfahrt in blumigen Worten über die Gesteinsformationen im Sinai. «Vous-êtes Suisses, n’est-ce pas?», sagte er dann. Und als sie dies mit allgemeinem Nicken bestätigten, bat er sie, nach ihrer Rückkehr ihren Leuten daheim zu erzählen, wie wunderbar die Gegend hier sei. Alle Welt wisse, wie schön die Schweiz sei, aber viel zu wenige wüssten, wie schön der Sinai sei.
Vor dem Hotel stieg er aus, um sich vor den beiden Paaren zu verbeugen, dazu sagte er etwas auf Arabisch. «Er hat uns gesegnet!», sagte Ines. «Warum weisst du, dass es ein Segen war?», fragte Joe. «Weil wir viel zu viel bezahlt haben.»

Die Weihnachtsgeschichte erscheint in diesem Jahr als Fortsetzungsgeschichte in sechs Teilen. Der fünfte Teil folgt in der Ausgabe vom 30. Dezember. Verpasste Folgen können online nachgelesen werden.

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