Vor der Sicherheitskontrolle am Flughafen musste Robert versprechen, dass er sich diesmal nicht wieder enerviert. Er habe die Angewohnheit, sich darüber aufzuregen, dass viele Leute erst unmittelbar vor dem Kontrollpunkt daran denken, dass sie noch Wasserflaschen in der Handtasche und Metallteile am Gürtel haben, erklärte Ines den beiden andern.

Robert wollte etwas dazu sagen, fand dann aber, das Thema sei ihm zu blöd. Ausserdem spürte er, dass ihn die Vorfreude locker machte. Er freute sich zwar nicht auf den Flug. Aber er freute sich darauf, mit Ines, Lilian und Joe ein paar schöne Tage in Sharm-el-Sheikh zu verbringen.

Es war seine Idee gewesen, in diesem Jahr den familiären Weihnachtsfeiern zu entfliehen. «Wenn wir genügend weit weg sind, werden alle verstehen müssen, dass wir dieses Jahr nicht mit ihnen ‹O du Fröhliche› singen können», hatte er gesagt. Das erspare ihnen mindestens zwei fürchterlich angespannte Familienfeiern, bei denen man jeden Augenblick befürchten müsse, die Atmosphäre angestrengter Höflichkeit gehe in einen offenen Streit über.

Die Idee hatte Anklang gefunden und der spontan geäusserte Vorschlag, zu viert ans Rote Meer zu reisen, war von Lilian gekommen. Sie und Joe waren schon öfter dort gewesen. Lilian hatte vom klaren, blauen Wasser, von den vielen bunten Fischen und von den tollen Hotelanlagen geschwärmt.

Joe hatte darauf hingewiesen, wie unglaublich günstig die Preise zurzeit seien: «Die Angebote waren noch nie günstiger als jetzt. Die meisten Touristen haben Angst vor Attentaten. Dabei ist Sharm-el-Sheikh so sicher wie jeder andere Touristenort. Wer sagt mir denn, dass die nächste Bombe nicht in Zermatt oder in Interlaken explodiert. Am Ende finden die Anschläge immer dort statt, wo niemand es erwartet.»

Robert hatte das sofort eingeleuchtet. Bei Ines dauerte es etwas länger. So ganz geheuer war ihr Ägypten nicht. Und erst als Lilian und Joe ihr versichert hatten, in Sharm-el-Sheikh merke man eigentlich kaum, dass man in Ägypten sei, hatte sie in die Reisepläne eingewilligt.

Die Reise

Im Flugzeug redeten sie wenig. Robert las in seinem Reiseführer. Man müsse an den Badeorten am Roten Meer auf der Hut sein vor privaten
Guides, hiess es dort. Private Führer böten ihre Dienste an den Strandbars an. Sie versprächen das Blaue vom Himmel und verlangten für einen Tagesausflug überhöhte Preise. Vernünftiger sei es, sich an offizielle Anbieter zu halten.

Ines hielt die Augen geschlossen und versuchte vergeblich, eine leichte Wehmut abzuschütteln. Würde sie die klassischen Weihnachtsessen bei ihren Eltern und bei Roberts Mutter nicht vermissen? Würden ihr die strahlenden Augen ihrer kleinen Nichten und Neffen beim Anblick der Geschenke nicht fehlen?

Sicher, auch für sie war es oft unangenehm gewesen, wenn ihr Vater in angetrunkenem Zustand versuchte, Robert in ein politisches Gespräch zu verwickeln. Und die Nervenattacke ihrer Schwägerin, weil ihr Bruder mitten aus dem Fest an einen Notfall in der Firma gerufen worden war, wollte sie nicht noch einmal erleben müssen.

Aber wie sollte sie an einem Ort wie Sharm-el-Sheikh in Weihnachtsstimmung kommen? Lilian, die neben ihr sass und einen Tomatensaft rührte, schien Ines’ Gedanken erraten zu haben: «Du wirst sehen, es ist total westlich. Die Hotels werden ja meist von Europäern geführt.»

Gleich hinter der Zollkontrolle erwartete sie der Reisebegleiter ihres Anbieters. Es war ein junger Mann im leichten Anzug. Auf dem Namensschild auf seiner Weste stand nur ein Vorname.

Er sei «der Heini» und er heisse sie herzlich willkommen am Roten Meer, sagte er fast überschwänglich. Beinahe hätte sich Robert von so viel guter Laune seine eigene Laune verderben lassen. Heini führte sie zum bereitstehenden Bus. Erst da fiel ihnen auf, wie gross die Gruppe war, die beim gleichen Reisebüro gebucht haben musste.

Auf der Fahrt begrüsste Heini noch einmal alle über Lautsprecher. Die Temperatur in Sharm-el-Sheikh sei angenehm, die Wettervorhersagen für die nächsten Tage seien äusserst positiv und er wünsche allen einen unbeschwerten und wunderbaren Aufenthalt.

Angekommen im Hotel

Die Zimmer liessen nichts zu wünschen übrig. Und als die vier Freunde etwas später an der beinahe leeren Hotelbar auf ihre Weihnachtsferien am Roten Meer anstiessen, waren sie beinahe schon euphorisch.

«Kein Stress, keine Heuchelei, kein Kindergeschrei und kein Familiendrama. Morgen gibt es den schönsten Heiligabend aller Zeiten!», rief Robert, dem der schottische Single Malt schon das Gesicht gerötet hatte. Die Frauen hielten sich an ihren Longdrinkgläsern und bestaunten die Einrichtung. Die ganze Bar war mit blinkenden Miniatur-Weihnachtsbäumchen und kleinen Weihnachtsmännchen dekoriert.

Aus der Lautsprecheranlage ertönte «White Christmas». Lilian wollte vom Barmann wissen, welche Restaurants er empfehlen könne. «French Food? Italian Food? Chinese Food? Indian Food?», fragte der Ägypter in perfektem Englisch. Und als sich die kleine Gruppe auf Chinesisch geeinigt hatte, empfahl er ein China-Restaurant in unmittelbarer Nähe der Hotelanlage.

Bald sassen sie in einem beinahe leeren Speisesaal vor zahlreichen chinesischen Schüsseln und kämpften mit den Tücken der Essstäbchen. Robert fragte sich, wie der chinesische Kellner sich in dieser ägyptischen Umgebung fühlen musste. Ines rühmte derweil das Lokal und das Essen, stellte aber klar, für morgen müsse es dann schon etwas Weihnächtlicheres sein.

«Was meinst du mit weihnächtlicher?», fragte Joe. «Also ich weiss nicht, aber für mich ist chinesisches Essen nicht besonders weihnächtlich. Ich stelle mir eher etwas Klassisches vor, etwas wie Fondue chinoise», sagte Ines.

«Ist Fondue chinoise nicht chinesisch?», fragte Joe. «Nein, es gibt nichts Schweizerischeres als Fondue chinoise!», rief Robert etwas zu laut, was ihm einen leicht vorwurfsvollen Blick der Frauen eintrug.

Die Weihnachtsgeschichte erscheint in diesem Jahr als Fortsetzungsgeschichte in sechs Teilen. Der zweite Teil folgt in der Ausgabe vom 27. Dezember im Kulturteil dieser Zeitung, danach täglich bis zum 31. 12. Verpasste Folgen können online nachgelesen werden.