Es ist, als hätte der Vogel mitgehört. Gerade haben wir uns ins Literaturcafé Sphères an der Zürcher Hardturmstrasse gesetzt, und die Autorin Barbara Schibli erzählt, inwiefern Natur im urbanen Raum in ihrem Roman relevant ist. Und just in dem Moment flattert ein kleiner Spatz aufgeregt durch das Café. Die Autorin bricht in ein ansteckendes Lachen aus, das wir an diesem Sommertag noch oft hören werden.

Barbara Schibli, 41, Schriftstellerin und Gymnasiallehrerin, veröffentlicht Anfang September ihren ersten Roman «Flechten» im renommierten Verlag Dörlemann. Das Werk handelt von der Flechtenforscherin Anna und deren Zwillingsschwester Leta und spielt – abgesehen von einzelnen Episoden im Engadin, in Treviso und in Helsinki – in Zürich.

Nach dem Morgencafé im Sphères, wo auch Schiblis Buchvernissage stattfinden wird und sich die Studer/Ganz-Preisträgerin öfters mit befreundeten Literatinnen über Texte austauscht, queren wir über den Ampèresteg die Limmat.

Unser erstes Ziel ist der kleine Wipkinger Park, ein Kraftort der Autorin. Sie zeigt auf ein Wohnhaus oberhalb des Parks, in welchem sie früher gelebt hat. «Eines Tages verirrte sich eine Fledermaus in unsere Stube», erzählt sie. Eine ähnliche Szene erlebt auch Schiblis Protagonistin Anna.

Die Natur bemächtigt sich der Stadt

Der Vogel im Café, die Fledermaus im Wohnzimmer: Es ist die Natur, die sich der Stadt bemächtigt. Flechten sind für Schibli der Inbegriff der widerstands- und anpassungsfähigen Natur, die sich auch in urbanen Gebieten ihren Raum nimmt. Aber was veranlasst eine Literatin, deren Leben sich um Worte dreht, einen Roman zu schreiben, in dem Flechten und damit die Biologie eine grosse Rolle spielen?

Das sei eine Geschichte mit Umwegen. Und sie geht so: Als Einzelkind habe sie sich sehr ein Geschwister gewünscht, erzählt Schibli. «Als Nonplusultra erschien mir eine eineiige Zwillingsschwester.» Sie begann zu recherchieren über Symbiose und über symbiotische Beziehungen.

«Wo fängt das Individuum an? Wo hört es auf? Diese Fragen trieben mich um und beschäftigen nun auch meine Romanfigur.» Irgendwann stiess sie auf einen Artikel über Flechten, ein Gewächs, das der Inbegriff der Symbiose ist.

Die Flechten liessen sie nicht mehr los, durchwuchsen ihr Denken. Schibli setzte sich mit Flechtenforschern in Verbindung, reiste sogar zu einem renommierten Experten nach Helsinki. «Das hat den Schreibprozess erheblich verlängert», sagt sie, lacht und präzisiert dann: «Er dauerte über zehn Jahre.»

Im Umbruch

Inzwischen sitzen wir auf den Steintreppen im Park, direkt am Fluss. Hier verweilt Schibli oft, an schönen Tagen von Hunderten Menschen umgeben, und beobachtet das Geschehen. Heute sehen wir dem steten Fliessen der Limmat zu, während oben auf der Strasse der Verkehr stockt.

Überall in der Stadt findet Schibli Beweise dafür, wie widerstandsfähig die Natur ist und wie sie sich ihren Raum erkämpft, auch in urbansten Gebieten wie Zürich. Flechten oder Moose finden sich überall, auf Bänken, den Hauswänden, den Abfalleimern.

Wir gehen weiter, überqueren wieder die Limmat und laufen in Richtung Josefwiese, dann der Josefstrasse entlang, passieren eine Baustelle. Bagger und Bauarbeiter dominieren das Stadtbild, Zürich ist im Umbruch begriffen. Was die Stadt mit einem macht, wie Begebenheiten, die man nicht beeinflussen kann, den Menschen verändern, auch das sind Themen, die Schibli bei ihrem Schreiben nicht loslassen.

Als Beispiel erwähnt sie Umnutzungen, wie sie an der Josefstrasse zuhauf vollzogen werden: «Dadurch entstehen spannende Dinge, aber es wird eben immer auch etwas verdrängt.»

Die Stadt, Biotop der Menschlichkeit

Während wir in Richtung Langstrasse marschieren, lässt sich Schiblis Protagonistin Anna nachts treiben, durch Bars und Clubs, etwa in der «Zukunft». Anna, tagsüber zielstrebige Forscherin, ist nachts eine getriebene Seele.

Auch Schibli lässt sich gern treiben. Sie liebe es, zu beobachten. «Mir fällt viel auf im Kleinen.» Das könne Zwischenmenschliches sein, eine kuriose Zeitungsnotiz oder eine Begebenheit in der Stadt. Die Beobachtungen fliessen in ihre Texte, wo dann Unbedeutendes aus dem Alltag plötzlich Gewicht erhält oder entscheidend ist für die Geschichte. Auch Protagonistin Anna sei eine gute Beobachterin, sie studiere etwa das pulsierende Leben auf der Josefwiese.

Zum Abschluss führt uns die Autorin ins Café des Kinos Riff Raff. An diesem Sommertag sitzen wir draussen und betrachten das Geschehen um uns. In manchen Wochen sitzt Schibli mehrmals in einem der Kinosessel. Filme sind für sie eine Quelle der Inspiration: «Wie stellen die Filmemacher das Überlagern von Zeitebenen dar? Und wie könnte ich das auf einen Text anwenden?»

Schibli scheint in ihrem Schreiben als Autorin sehr analytisch zu sein, als Mensch wirkt sie intuitiver – wie ihre Protagonistin. Nein, autobiografisch sei der Roman nicht, sagt die Autorin. Sie macht eine kurze Pause. «Aber ein grosser Anteil an Persönlichem steckt schon drin.» (sda)