Opernhaus Zürich

Die Einspringerin als Retterin

Die Einspringerin Sonya Yoncheva putzt als Violetta alle(s) weg.Toni Suter + Tanja Dorendor/Opernhaus

Die Einspringerin Sonya Yoncheva putzt als Violetta alle(s) weg.Toni Suter + Tanja Dorendor/Opernhaus

Dunkle Vorzeichen am Samstag über der Premiere von Giuseppe Verdis meistgespielter Oper «La Traviata» am Opernhaus Zürich: Die Sängerin der Hauptpartie hatte am Donnerstag alle Vorstellungen abgesagt. Es ging alles gut. Fast.

Eine Katastrophe. Die Generalprobe vom Mittwoch sang Anita Hartig noch – am Donnerstag aber kam ihre Absage: Nicht nur für die Premiere von Giuseppe Verdis «La Traviata» am Samstag, sondern gleich für alle sechs ihrer Zürcher Vorstellungen. Schlimm? Violettas gibts genug in der Opernwelt, aber eine sechswöchige Probephase lässt sich in zwei Tagen kaum aufholen.

Kurioserweise hätte exakt in derselben Periode die zurzeit weltweit umschwärmte Sonya Yoncheva in Zürich die Rolle der Lucia di Lammermoor singen sollen, hatte dafür aber abgesagt, da ihre Stimme nach der Geburt ihres Kindes schwerer geworden sei und sie das Koloraturfach beiseitegelegt habe (dass viele Lucias gleichzeitig grosse Violettas sind, ist wieder eine andere Geschichte …). Yoncheva war jedenfalls bereit, «Traviata» zu übernehmen. Zum grossen Glück für Zürich: Obwohl Regie und Kostümbildner einmal mehr viel dafür taten, eine sehr schöne Sängerin möglichst unvorteilhaft aussehen zu lassen (ein «Glück», wars die am schlechtesten ausgeleuchtete Regie, die es auf dieser Bühne je zu sehen gab), triumphierte Yoncheva mit ihrem Gesang. Zu Beginn vermeintlich noch etwas verhalten. Doch schon im Trinkduett mit Alfredo erkannte man den Unterschied zum Durchschnittssänger Pavol Breslik, der bloss Töne aneinanderreiht, sie aber nicht fühlend mitdenken kann.

Hinreissend, ja unheimlich

Das Famose: Yoncheva ist nicht eine jener vulgären Sternschnuppen-Violettas, die ein «Tra Voi» genüsslich losschleudern, nachher aber nur noch warme Luft zu bieten haben, sondern sie singt immer mit einer grossen Idee für die ganze Phrase, ja die ganze Rolle. Wie sie nämlich später in «Dite alla giovine si bella e pura» aus einem tragenden Pianissimo hinaus dank kühner Legato-Kunst zu einem erhabenen Mezzoforte fand, war hinreissend. Geradezu unheimlich wars, wie sie dabei Töne sprechend und klagend sang, und jedem einzelnen eine geheimnisvoll duftende Farbe gab, ohne dabei laut zu werden. Und wie sie schliesslich im Finale den Brief Germonts vorlas, ihre tausend Kümmernisse in jede Silbe legte, «Gran dio morir si giovine» als herzzerreissenden, anklagenden Ausruf ausgestaltete, war mehr als Genugtuung für den blassen Rest des Abends.

Quelle: Youtube/SonyaYonchevaVEVO

Sonya Yoncheva - Paris, Mon Amour

Die Philharmonia Zürich spielte gut, Dirigent Marco Armiliato liebt aber gar zu sehr die grosse Geste: Hier herrscht zu Beginn süffige Deutlichkeit, wo andere Dirigenten bereits sanfte Zerbrechlichkeit hören. Später wird Armiliato unauffälliger, dient bravourös den Sängern.

Quinn Kelsey ist immerhin ein überaus emotionaler Vater Germont, Pavol Breslik, zwar ein uncharmanter, aber korrekter Alfredo. Beide aber waren nicht in der Geschichte angekommen, standen mit einem Fuss neben der Bühne, neben der Regie. Nichtige Nebenrollen (Flora und Baron Douphol) wurden hingegen unnötigerweise aufgewertet. Warum aber einer der 68er-Generation, wie ihn Germont darstellen soll (die Regiegeste: «Ich mache es anders, zeige nicht den verknöcherten Alten im Anzug!»), auf Moral macht, seinem Sohn verbietet, wegen der Ehre seiner Tochter mit einer Prostituierten zu leben, bleibt ein anderes Rätsel. Und die blutreiche Actionszene im 2. Akt ist auch nicht viel spannender als die dort vorgesehene 0815-Ballettszene. Kurzum: Die Inszenierung von David Hermann will viel und leistet wenig. Kein Wunder, hat Sonya Yoncheva diese Regie in zwei Tagen verinnerlicht.

Der Versuch des 38-jährigen Regisseurs, anders, ja origineller zu sein, endet in blossen Gesten. Die Vorgabe dazu gibt die Dramaturgie im Opernhausmagazin: «Mit Salonplüsch aus dem 19. Jahrhundert ist Verdi kaum beizukommen», heisst es dort. Ledersofas erklären das Stück aber auch nicht. Überhaupt: Was gibt es da gross zu erklären?

In Zürich fällt das Trauern schwer

Alfredo und die Prostituierte Violetta verlieben sich. Der Ausstieg aus dem Pariser Luxusleben will aber trotz Liebesglück auf dem Lande nicht gelingen: Es fehlt an Geld, und zudem stört sich Alfredos Vater an der Liaison. Violetta verlässt ihn, sie stirbt just, als sich alles aufklärt. Alle sind traurig – und die Opernbesucher wischen sich bei Vorhangfall drei Tränen aus den Augen.

In Zürich fällt das Trauern schwer, Vater und Sohn begleiten das Sterben entgegen der Musik Verdis emotionslos. Die harte Nüchternheit des Finales rührt auch daher, dass Violetta gar nicht so einsam dahindarbt, sondern in einem Sterbehospiz angelangt ist, wo eine ganze Reihe von Betten steht, in einem liegt bereits eine Tote. Und ja, die Bettchen mit den roten Samtdecken und dazugestellten Heizkörper, von denen die Farbe abblättert, sind hübsche Zitate aus romantischen, längst belächelten Regie-Zeiten. Schön, darf immerhin Sonya Yoncheva an alte grosse Zeiten erinnern.

Jubel für die Sopranistin, emotionslose Billigung der Regie.

La Traviata: Opernhaus Zürich, 11 Mal bis 23. Mai.

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