Jetzt wird der Ton aggressiv, es bildet sich Widerstand. Der Verein Schweiz - Ukraine protestiert heftig gegen den Zürcher Auftritt von Sopranistin Anna Netrebko: «Steuergeld für eine Botschafterin des Hasses?» lautet der Titel eines Schreibens der Ukrainer.

Wen wunderts. Im Dezember spendete der russische Opernstar 15 000 Euro für das Opernhaus von Donezk. Dieses Theater braucht Geld, erhält man doch von der ukrainischen Zentralregierung keines mehr. Für den für die Diva läppischen Betrag trommelte sie Journalisten nach Petersburg und liess sich danach mit dem prorussischen Separatistenführer Oleg Zarjow fotografieren: Erst zeigten die beiden stolz den Check, danach hielten sie die Fahne von Noworossija, von Neu- bzw. Grossrussland, in der Hand. Diese Fahne ist ein Symbol für die Zugehörigkeit der Ostukraine zu Russland. Zarjow ist eine umstrittene Gestalt: Im Mai 2014 wurde er auf die Sanktionsliste der EU gesetzt, im Juni verlor er seine parlamentarische Immunität und wurde dann zur Verhaftung ausgeschrieben. Seit Ende Juni 2014 tritt Zarjow als «Parlamentsvorsitzender» der «Union der Volksrepubliken Donezk und Lugansk» auf.

Vor allem in Österreich sorgte der Fall für riesigen Wirbel: Das Aussenministerium kritisierte damals den Auftritt Netrebkos, die einen österreichischen Pass hat, als «absolut problematisch». Dass derartige Fotos zu Propagandazwecken missbraucht werden, sei klar, sagte ein Sprecher des Ministeriums. Die Fluggesellschaft Austrian Airlines verkündete postwendend, den Vertrag mit Netrebko als Werbebotschafterin nicht mehr zu verlängern. Man befürchtet einen Imageschaden. Der Ukraine-Konflikt hat bis heute 6000 Tote gefordert.

Der Verein Schweiz - Ukraine zielt mit seinem Angriff auf Netrebko und das Opernhaus Zürich nicht nur auf den antiukrainischen Vorfall mit der Checkübergabe mit dem prorussischen Separatistenführer, sondern zeigt auch auf, welch grosse Vladimir-Putin-Verehrerin Netrebko ist. Man schreibt, dass Netrebko eine «sehr politische Botschaft des Hasses» verbreite: «Neben ihrer öffentlichen Unterstützung der Aggression Russlands in der Ostukraine und pro ‹Neurussland› hat sie auch mehrfach mit ihren schwulenfeindlichen Aussagen zur entsprechenden russischen Gesetzgebung von sich hören lassen.»

80 000 Franken vom Opernhaus

Man argumentiert nicht nur mit der Moral, sondern schwingt auch die Subventionskeule und schreibt: «Es ist mehr als fragwürdig, unsere Steuergelder für eine solch zweifelhafte Künstlerin auszugeben.»

Netrebko wird am Opernhaus Zürich für ihre Auftritte die Spitzengage erhalten: Offiziell 18 000 Franken pro Abend, inoffiziell auch mehr. Für ihre vier Auftritte sind das etwa 80 000 Franken. Das Haus erhält 80 Millionen Subventionen pro Jahr.

Als bei der Finanzpressekonferenz des Opernhauses im Januar der Zürcher Opernhausdirektor Andreas Homoki auf Netrebkos Pro-Russische-Separatisten-Aktion angesprochen wurde, meinte er abschwächend: «Anna Netrebko hat gesagt, dass sie nicht wusste, welche Fahne sie in der Hand hielt.» Das Thema war damit abgehakt. Verwaltungsratspräsident Markus Notter hatte keine Ahnung, was Netrebko getan hatte.

Erstaunlich. Kaum jubelten im Dezember die Separatisten, ging in der westlichen Opernwelt ein Shitstorm los. «Schande über Dich», «Anna, gib deinen österreichischen Pass zurück!» und «Zieh doch ins Kriegsgebiet» hiess es damals unter anderem auf Netrebkos Facebook-Seite. Und es wurde zum Boykott von Netrebko-Auftritten und -CDs aufgerufen.

Flugs meldete sich Netrebko und spielte die Bedeutung herunter. Sie habe nicht gewusst, um was für eine Fahne es sich gehandelt habe, und lehne selber jede Gewalt ab. Mit der Spende sei kein politisches Statement verbunden gewesen. Mit der Übergabe von Geld an den Separatistenführer habe sie bloss sicherstellen wollen, dass dieses sein Ziel auch erreiche.

Die Naivität – oder Lüge – ist erschreckend. Die Separatistenfahne mit blauem Andreaskreuz kennt in Russland jedes Kind, wird sie doch im Staatsfernsehen pausenlos gezeigt. In der Ukraine gilt sie als Terrorsymbol.

Schweizer lieben Russen

Netrebko ist nicht die einzige Künstlerin, die sich im Machtkreis von Putin sonnt und so Orden und viel Geld verdient. Angeführt wird dieser Clan von Dirigent Valery Gergiev, der von den Schweizer Intendanten Michael Haefliger (Lucerne Festival), Martin Engström (Verbier Festival) und vor allem von Mischa Damev (migros classics) hofiert wird. Auch das Luzerner Sinfonieorchester unter der Leitung von Intendant Numa Bischof zeigt sich überaus russenfreundlich: Sein Festival «Zaubersee» widmet sich der russischen Kultur, namhafte russische Sponsoren (u. a. Viktor Vekselberg) bezahlen die mehrheitlich russischen Künstler. Beim Luzerner Sinfonieorchester wird zudem Anna Netrebko am 15. Juni auftreten und Tschaikowskys Oper «Jolanta» singen.

Opposition im Schauspielhaus

Brisant: Im Schauspielhaus Zürich feiert heute Abend «Die schönsten Sterbeszenen in der Geschichte der Oper» von Theatermagier Alvis Hermanis Premiere. Der lettische Starregisseur hat letzten Frühling wegen des Ukraine-Konflikts seine vorgesehenen Auftritte bei Theaterfestivals in den russischen Städten Sankt Petersburg und Omsk abgesagt. Hermanis zog zudem seine geplante Beteiligung an einer Produktion am Moskauer Bolschoi-Theater zurück: «Russlands militärische Aggression gegen die Ukraine hat eine Situation geschaffen, in der es keinem lettischen Bürger mehr möglich ist, eine neutrale Haltung einzunehmen», zitierte damals die lettische Tageszeitung «Diena» aus einer Mitteilung des Theaters. Sie sei eine direkte Bedrohung nicht nur für die Sicherheit Lettlands, sondern auch für alle in der zivilisierten Welt anerkannten Werte.

Proteste vor dem Opernhaus?

Die «NZZ» schrieb gestern: «Wiederaufnahmen von Opern finden normalerweise wenig Beachtung. Wenn aber in ‹Anna Bolena› plötzlich Anna Netrebko in der Titelrolle auftritt, ist das natürlich etwas anderes.» Für einmal hat die «NZZ» recht, auch wenn von der politischen Brisanz des Abends keine Rede ist. Jene Besucher, die meinen, Musik sei unpolitisch, will der Verein Schweiz - Ukraine heute Abend vor dem Opernhaus offenbar eines Besseren belehren.