Die besten 20 Pop-Alben der Nullerjahre

Ein Pop-Jahrzehnt geht zu Ende. Was bleibt, sind 20 grosse Alben von 20 grossen Newcomern. Die Redaktion hat selektioniert: Welche Platte ist die grösste der Dekade?

MARC KREBS

Amy Winehouse

Back to Black

«Ich will eigenständig, anders sein, nicht mit anderen verglichen werden», sagte Amy Winehouse 2004 in einem Interview. Das gelang ihr zwei Jahre später mit dem Album «Back to Black». Voller Leidenschaft singt die Britin vom Leiden. Lieder wie «Tears Dry on Their Own» klingen, als hätte man Diven wie Shirley Bassey oder Nina Simone ein Erfrischungstüchlein untergeschoben – auch dank den umwerfenden Neo-Soul-Arrangements ihres Produzenten Mark Ronson.

Arcade Fire

Neon Bible

Die grösste Offenbarung des Musikjahres 2007: «Neon Bible», das zweite Album des kanadischen Kollektivs Arcade Fire. Hohe musikalische Dringlichkeit wird mit Experimentierlust kombiniert, orchestraler Pop mit grosser Geste präsentiert. Waldhörner, Violinen, Glockenspiel und Kirchenorgel treffen auf Rock und Folk. Dramatisch, bombastisch. Stellvertretend für all die grossartigen Indie-Rock-Bands (Besnard Lakes, Black Mountain etc.) aus Kanada.

Bright Eyes

I’m Wide Awake, It’s Morning

Apropos Bibel: Es ist kaum zu glauben, aber Conor Oberst alias Bright Eyes trat 2003 im Basler Borromäum auf. Und das Szenepublikum machte grosse Augen. Kurz darauf wurde das 23-jährige Wunderkind aus Omaha, Nebraska, zum Superstar der neuen US-Songwriter-Szene. Klagender Unterton, tiefsinnige Texte: Bright Eyes legte mit «I’m Wide Awake, It’s Morning» die Blaupause für den anhaltenden Boom von Neo-Folk und Urban Country.

Coldplay

A Rush of Blood to the Head

Wenn wirs schon von der Blaupause haben: Zu Beginn des Jahrtausends liess eine britische Band aufhorchen, die sich Coldplay nannte und an einen weichgezeichneten Mutanten von U2 und Radiohead gemahnte. Die klagende Stimme von Chris Martin und die raffiniert schlichten Popsongs eroberten die Herzen von Millionen. Coldplay riefen ihrerseits Nachahmer auf den Plan: Wir denken an Keane oder Duke Special, die jedoch nicht die gleiche Kontinuität vorweisen können.

Eminem

The Marshall Mathers LP

Zugegeben, Eminem wurde schon 1999 ein Superstar. Dennoch gehört er in diese Liste. Kein anderer Künstler verkaufte in diesem Jahrzehnt annähernd so viele Alben (32 Millionen Exemplare), kein anderer Rapper vermochte annähernd so zu faszinieren, zu polarisieren und zu inszenieren. Eindringlich kombiniert er seinen Getto-Background mit griffigem Sound, kreiert originelle Clips und thematisiert schlechte Trips. Ein Goldjunge, dessen Protegés im Direktvergleich gerade mal 50 Cent wert sind.

Franz Ferdinand

Franz Ferdinand

Anschauungsunterricht in Sachen Hype: Vier blasse Jungs aus der schottischen Kunstszene sorgen 2004 für Schlagzeilen
in den Feuilletons, ehe ihr Album erhältlich ist. Wir sind unsicher. Haben Franz Ferdinand tatsächlich Anspruch auf den Indie-Pop-Thron? Oder rollen ihre sauber gescheitelten Köpfe bald schon zugunsten eines nächsten Hypes? Jedenfalls gelingt Franz Ferdinand bis heute etwas, was vielen Bands versagt bleibt: Scharen von Mädchen mit Gitarrenmusik zum Tanzen zu bringen. Und uns übrigens auch.

Gnarls Barkley

St. Elsewhere

Alles andere als für die Katz, was Danger Mouse produziert. Der Multiinstrumentalist und Rapper Cee-Lo liefert mit «Crazy» nicht nur das erste Download-File der Geschichte, das die Spitze der Charts erklimmt, nicht nur den grossen Sommer-hit des Jahres 2006, sondern auch ein Debütalbum, das es von Anfang bis zum Schluss
in sich hat: Sixties-Psychedelik, Soul, moderne Beats und obskurer Humor. Ein süffiger Mix, der vor Begeisterung trunken macht.

Goldfrapp

Felt Mountain

Wie Gnarls Barkley kreieren auch Goldfrapp Filme fürs Ohr. Kein Zufall: Will Gregory komponierte Soundtracks, ehe er sich mit Sängerin Alison Goldfrapp kurzschloss und die Welt hypnotisierte: mit verrückt cleveren Klangspuren und entrückt schwebenden Gesängen. «Felt Mountain» klingt zugleich utopisch und konzertant. Experimentelles Easy Listening, elfenhaft vorgetragen. Auch nach zehn Jahren unzerhörbar.

Gorillaz

Gorillaz

Da laust uns doch der Affe, denn wie Goldfrapp scheinen auch die Gorillaz nicht von dieser Welt. Wahr, weil fiktiv, diese Zeichentrick-Band. Hinter Alter Ego wie Noodle stehen Blur-Sänger Damon Albarn, Comiczeichner Jamie Hewlett und Rapproduzent Dan Nakamura. Ein grossartiger Gag, ein klasse Konzept und einige schön schleppende Songs. Ein frischer Mix aus Brit-Pop und Hip-Hop.

Kanye West

The College Dropout

Was Eminem für den weissen Rap, ist Kanye West für den schwarzen: ein egozentrischer Erneuerer, an der Grenze von Genie und Grössenwahn. «Jeder Song spricht aus einer anderen Perspektive meiner Persönlichkeit», erklärte Kanye West sein Debütalbum «The College Dropout». Haben die Star-Produzenten-Stars Neptunes afroamerikanische Musik entschlackt, so lässt West das Pendel zurückschlagen und führt Soul in den Rap über.

LCD Soundsystem

Sound of Silver

«Daft Punk Is Playing at
My House», schnodderte James Murphy 2005 und gehörte zu den Ersten, die Dancemusic mit dem Punk vermählten und so eine neue Welle des New Wave auslösten. Im März 2007 schiebt sein LCD Soundsystem das Album «Sound of Silver» nach, und hör einer an: Da fliegt uns doch das Blech weg! Goldig sind sie, seine epochenübergreifenden Bastarde. Und lustig. Und schlau: «North American Scum» ist ein Manifest gegen die pauschale Verurteilung der USA
in der Ära Bush. 9/11? Nein. From 9 to 7. New York tanzt durch die Nacht.

M.I.A.

Kala

Die grösste Innovatorin der Nullerjahre ist keine Heilige, sondern eine Zwackelbiene. M.I.A. lebt in London, stammt aus Sri Lanka und lässt es
2007 mit ihrem zweiten Al-
bum knallen: explosiv die Mischung aus Globalisierungskritik und Partystimmung. Subversiv und sexy schiesst M.I.A. mit ihrem verbalen Molotowcocktail selbst Madonna von der Tanzfläche.

Muse

Absolution

Nach Kurt Cobains Abflug ins Nirvana dienten Radiohead als Sprachrohr der «Angst Ridden Youth». Und gaben den Stab mangels Interesse an tragischen Heldenrollen an ein Trio aus dem Südwesten Englands weiter: Muse. Deren Frontmann Matthew Bellamy ist nicht nur ein begnadeter Sänger, Pianist und Gitarrist, sondern auch ein Hohepriester, der auf der Klaviatur des Pathos beladenen Prog-Rock spielt und uns kurz vor
der Apokalypse die Absolution erteilt. Grosses Kino. «Time Is Running Out», daher weiter von düsteren Visionen zu pinkfarbenen Haaren.

P!nk

Missundaztood

Wir sagens ungern: Da fanden sich in den letzten zehn Jahren einige «Stupid Girls» an der Spear-Spitze der Charts. Eine aber fühlte sich missverstanden und hatte 2001 erstmals den Mut und den Zorn, die fortschreitende Verdummung von MTV und Co. anzuprangern: P!nk. Kokett kombinierte sie Sozialkritik und Biografisches mit subversivem Mainstream-Sound. Und kickte dabei lustvoll den Stupid Boys in den Hintern. Get the party started!

Queens of the Stone Age

Lullabies to Paralyze

Sie haben all jene, die harten Rock abgeschrieben haben, in die Wüste geschickt: die Queens of the Stone Age, aus der Asche der Stoner-Rock-Band Kyuss hervorgegangen. Wegen ihrer «Songs for the Deaf» (2002) bezeichnete sie der «Rolling Stone» als «Retter der Rockmusik». 2005 servieren uns Josh Homme und Co. eine musikalische «Medication», einen Zaubertrank, der aus Punk, Hardrock, Psychedelic und Blues gebraut wird und uns gar noch stärker zu paralysieren vermag.

Sigur Rós

( )

Die Originalität dieser Gruppe äussert sich im Albumtitel, ihre Herkunft im Namen: Sigur Rós. In ihrer isländischen Heimat köchelte die Band zwar bereits in den Neunzigerjahren, zum Ausbruch kam dieser musikalische Geysir jedoch erst in den letzten zehn Jahren. Grandios, wie Sigur Rós minutenlange Ereignislosigkeit vortäuschen, in der man die Nebelschwaden vorbeiziehen hört. Beklemmend und begeisternd. Betörend und verstörend. Minimalistisch und doch ganz, ganz gross.

The Gossip

Standing in the Way of Control

Eine Herzensangelegenheit. Denn diese Band haben wir in dieser Zeitung schon gepusht, als sie die Hitparade noch vom Strassenrand aus mitverfolgte. Das war 2006, das Trio nannte sich The Gossip und war noch kein Fall für die Klatschheftli. Discorock mit Kritik, Soulgesang mit Rotz, Pop mit politischem Unterton, Hemmungslosigkeit mit Harmonien. Frontiert von Beth Ditto, dieser fulminanten Vollblutsängerin, die man so gerne umarmen möchte, wäre man nicht zu sehr mit Tanzen beschäftigt.

The Streets

A Grant Don’t Come for Free

Mike Skinner ist Englands Sprechsänger des Jahrzehnts. Unvergleichlich sein Akzent und seine Akzentuierung. Skinner alias The Streets erzählt vom Leben an der Peripherie, reimt übers Abhängen, Rumschlurfen und über billige Drogen an versackten Partys. «A Grant Don’t Come for Free» ist das Konzeptalbum eines vermeintlichen Losers und nicht nur für das Labour-müde England ein grosser Gewinn.

The Strokes

Is This It

New York wurde 2001 erschüttert. Von einer grossen Tragödie. Und einem grossen Erdbeben: The Strokes liessen es schnörkellos rumpeln und schlugen mit ihrem Debütalbum ein wie eine... lassen wir das. Die Band um Sänger Julian Casablancas schwappte aus dem Velvet Underground an die Oberfläche, lancierte ein Rock-’n’-Roll-Revival, das auch England erfasste (Pete Dohertys Libertines lassen grüssen), ehe es die ganze Welt, ja, auch Schweden, liebe Mando-Diao-Fans, überschwemmte. Eine Welle, die bis heute anhält.

The White Stripes

Elephant

Ein Phänomen, dieser Jack White. Egal, was er macht, er machts immer richtig gut, und das erst noch richtig genial. Sei es in Nebenprojekten wie den Raconteurs oder in seiner Hauptbeschäftigung als Kopf des Duos The White Stripes. Vor all den Milliarden anderen Musikern der Nullerjahre hat der dauerbleiche Sänger und Gitarrist den reduzierten Garagenrock wieder ans Tageslicht befördert. Und völlig unabsichtlich mit «Seven Nation Army» eine krachende Hymne ins Fussballstadion gekickt.

Meistgesehen

Artboard 1