«Die Bacchen» (auf Deutsch öfter «Bakchen» geschrieben) ist ein dunkles, rätselhaftes, archaisches Stück. Euripides, der Verfasser der Kindstöterin «Medea», schrieb es 406 vor Christus, im greisen Alter, kurz vor seinem Tod. Und er scheint seit «Medea» kein bisschen zuversichtlicher geworden zu sein, was die Menschen betrifft. Der Jahrzehnte anhaltende, zerstörerische Peloponnesische Krieg dürfte seinen Pessimismus verstärkt haben.

Erst posthum gewann Euripides für sein letztes Werk den ersten Preis bei den Tragödienwettbewerben in Athen, erst posthum wurde er als radikalster der drei bis heute bekannten griechischen Tragödiendichter angesehen. Denn «Die Bacchen» ist mit seinen Fragen und in seiner interpretatorischen Offenheit trotz aller mythologischer Aufgeladenheit ein modernes Stück.

Archaisches Treiben

Regisseur Robert Borgmanns Bacchen-Interpretation am Schauspielhaus Basel oszilliert denn auch zwischen archaischem und hypermodernem Theater. Die Inszenierung, die am Freitagabend Premiere feierte, beginnt mit einem kultisch-opulenten Treiben und endet in formaler Reduktion und Abstraktion. Der erste Teil überwältigt mit opulenten Bildern, kraftvollem Spiel, ironischen Brechungen und Musik von elektronisch bis sphärisch (Philipp Weber). Im zweiten Teil wirkt das ruhige Nacherzählen eines bestialischen Mordes umso stärker.

Borgmann greift auf eine Bacchen-Textbearbeitung des Dramatikers Roland Schimmelpfennig zurück – der Autor ist aktuell für den Leipziger Buchpreis nominiert. Schimmelpfennig hat den Text einfacher, heutiger gemacht. Er hat ihn entnüchtert. Anstatt weiter in diese Richtung zu gehen, zieht der Regisseur wiederum in die andere Richtung, gen Pathos und Übermass.

Im Intro begiessen sich die Schauspieler mit Blut, wälzen sich im Dreck, bedecken sich mit Staub. Leiber verschmieren und umschlingen sich in ekstatischem Rausch, bilden ein blutverdrecktes Skulpturenwesen. Als ob Jackson Pollock Rodins Bürger von Calais zum esoterischen Tanz erweckt hätte. Die Abdrücke, die ihre Körper auf der weissen Leinwand am Boden hinterlassen, bilden, bald hinaufgezogen, die Kulisse für das kommende Spiel (Bühne: auch Robert Borgmann).

Dionysos (Thiemo Strutzenberger) – oder ein Mann, der behauptet Dionysos in Menschengestalt zu sein – ist nach Theben gekommen und verführt mit seinen weinseligen Verheissungen die Stadtbewohnerinnen in Scharen. Herrscher Pentheus (Ingo Thomi) sieht Staat und Ratio bedroht, sagt Gott und Glauben den Kampf an, indem er Dionysos leugnet und seine eifrigsten Anbeterinnen, die Bacchantinnen, zu Sklavinnen am Webstuhl zu degradieren droht.

Rausch oder Ratio. Anhänger beider Seiten berufen sich darauf, das Vernünftige zu tun, und werfen sich gegenseitig Wahnsinn vor. Pentheus sei wahnsinnig, sich einem Gott zu widersetzen, sagt sein Schwiegervater, der greise König Kadmos (Michael Gempart). Und der alte Seher, Teiresias (Steffen Höld), warnt: «In deinen Worten steckt kein Funken Verstand, und ein Mann mit Macht und Mut und Kraft, aber ohne Verstand schadet der Stadt.»

Tragikomischer Slapstick

Wir, die Zuschauer, hegen für beide Antagonisten mehr Antipathie als Sympathie. Die beiden drängen einander in die schrecklichen Extreme ihrer Positionen. Erotik und Rausch verkommen auf Dionysos’ Seite zu Wahnsinn und tierischer Blutgier. Den rationalen Staatsmann Pentheus wiederum treibt sein Sicherheitsdenken zu immer härteren Bestrafungen Andersdenkender.

Doch auch dieser sich so überlegen gebende Anzugträger ist vor fleischlichen Verlockungen, vor Voyeurismus, nicht gefeit. Und so schnappt Dionysos’ Falle zu: Der Göttliche bringt ihn dazu, sich als Frau zu verkleiden, um dem Treiben der Bacchantinnen unerkannt zuschauen zu können.

Lust bereitet das Spiel dieser beiden Männer. Strutzenberger als so charismatischer wie kalter Narziss. Hervorragend wie so oft. Ingo Thomi, ebenfalls seit Herbst neu im Ensemble, fällt zum ersten Mal als Ausnahmetalent auf: Er ist ein Herrscher so stolz wie schwach, so ernst wie komisch. Wie er, um als Frau durchzugehen, halbnackt auf hohen Hacken sein wahres Geschlecht x-beinig zwischen den Beinen verschwinden lässt, bleibt als Bild unvergesslich. Halb vornübergebeugt hält er noch in der schwierigsten Position die Balance – und auch als Schauspieler bleibt er auf dem schmalen Grat tragikomischen Slapsticks, ohne ins Blöde zu kippen.

Zu viel gekünstelter Affektiertheit verbreiten dagegen die beiden übereifrigen Bacchantinnen, die zusammen den Chor der Mänaden bilden, Pia Händler und Cathrin Störmer. Eher
etwas peinlich berührt zum Ende auch der überwältigende Schmerz der Agaue (Katja Jung), als sie, aus dem Wahn erwachend, bemerkt, dass sie mit ihren Gespielinnen nicht einen Berglöwen, sondern den eigenen Sohn, Pentheus, bei lebendigem Leibe zerfetzt hat. Denn das ist sie, die schreckliche Rache des Dionysos.

Versteinert sitzen Agaue und ihr Vater Kadmos am Ende auf einem Sofa in einem fast leeren, schwarzen Raum. Ein Mann schaufelt Erde über sie. Im Hintergrund rauschen Nachrichtenbilder über eine Wand. Der Musiker singt die Worte «Wonderful World». Und es ist mehr ein Gefühl als ein Gedanke, der dabei aufkommt: Dass wir Menschen immer noch genauso sind wie einst, dass das alles immer noch ganz da ist, das Zerstörerische, das Tierische – heute, 2422 Jahre später.