Nach langem Hin und Her sind Ende des letzten Jahres die neuen Verantwortlichen für die Sommerbespielung der Alten Reithalle bekannt gegeben worden. Mit Peter-Jakob Kelting, künstlerischer Leiter des Theaters Tuchlaube, und Christoph Schenker, administrativer Leiter der Tuchlaube, nehmen zwei erfahrene Veranstalter die Organisation der Sommersaison in ihre Hände. Kelting erkennt viel Potenzial in dem gebraucht wirkenden Gebäude: «Die Alte Reithalle ist ein völlig offener Raum, der durch seine Unbestimmtheit verschiedenste Bühnensituationen möglich macht.» Der Raum kann mit seiner Leere inspirieren, die lange Ungewissheit über die Zukunft der Sommerbespielung der Alten Reithalle sei aber eher schwierig gewesen. Mitte November haben Peter-Jakob Kelting und Christoph Schenker vonseiten der Verantwortlichen von Stadt und Kanton die Anfrage bekommen, ob sie das Sommerprogramm im nächsten Jahr – und gegebenenfalls darüber hinaus – organisieren wollen. Klar wollen Sie: «Wir sind stolz, dass wir die Sommersaison in der Alten Reithalle in dieser kurzen Zeit haben realisieren können. Insbesondere die Sicherstellung der Finanzierung war für uns eine Herausforderung, die wir aber gemeistert haben», erzählt Peter-Jakob Kelting. Für das nächste Jahr will der Leiter des Theaters Tuchlaube aber unbedingt mehr Zeit für die Organisation des Sommerprogramms haben: «Bis Mitte September sind wir auf die verbindliche Aussage der Stadt angewiesen, dass sie weiterhin am Projekt Mittlere Bühne in der Alten Reithalle festhält. Ohne Planungssicherheit ist es schwierig, mit Künstlern und privaten Geldgebern Vereinbarungen zu treffen.»

Im Hinblick auf das nächste Jahr will die Tuchlaube auch stärker künstlerisch sichtbar werden. Viele Projekte sind im November schon angedacht gewesen. Tragisch ist das aber nicht: «Wir können hinter jedem der Stücke stehen. Wir würden uns aber eine grössere Mischung wünschen, auch ein internationales Gastspiel ermöglichen.»

Populär und experimentell

Die Mitte Mai startende Saison steht wie schon in den letzten drei Jahren ganz im Zeichen des regionalen Tanz- und Theaterschaffens. Ein Schwerpunkt des Programms sind partizipative Projekte, das heisst neben professionellen Künstlern wirken auch Laien mit. In «Play Back» ist das eine Schulklasse bestehend aus 24 Kindern, in «Jakob von Gunten»
25 Jugendliche und in «Die Geschichte eines Nachtpianisten» Amateurtänzer und -musiker aus der Region.

Als populär und experimentell zugleich charakterisiert Kelting das Programm: «Die diesjährigen Regisseure greifen populäre Stoffe oder Darbietungsformen auf, überschreiten aber auch deren Grenzen.»

Obwohl im Tanztheater «Play Back» 24 Schüler einer vierten Klasse die Protagonisten sind, stand für die 30-jährige Zürcher Regisseurin Anna Papst nicht die theaterpädagogische Arbeit im Vordergrund. Sie hat sich mit der Basler Choreografin Tabea Martin dafür interessiert, was die Kinder in ihren Pausenplatzspielen verhandeln. Um die Ergebnisse der Beobachtungen zu verdeutlichen, haben die beiden die Spiele künstlerisch verformt und mit den Schülern einstudiert.

Das Musiktheater «Jakob von Gunten» wagt ebenfalls Neues. Die in Aarau wohnende Komponistin und Regisseurin Astrid Schlaefli hebt die klassische Trennung von Darstellern und Publikum auf. Beide vermischen sich im Laufe der Inszenierung. Damit nutzt sie den im Vergleich zu einem Theaterhaus ungestalteten Raum in der Alten Reithalle.

Ausdrucksmittel Tanz und Musik

Auch hinsichtlich der Form ist «Jakob von Gunten» eine ungewöhnliche Inszenierung. Astrid Schläfli bedient sich nicht dem Ausdrucksmittel der Sprache, um den Roman von Robert Walser zu erzählen, sondern kommuniziert mit Tönen und Körpern. An diese Form lehnt sich auch «Die Geschichte eines Nachtpianisten» an, die in der Reithalle endet, zuerst aber an verschiedenen Stationen in der Altstadt von Aarau Halt macht. Ein einsamer Pianist komponiert hier inspiriert von der Seele einer Verstorbenen. Jeder Teil der Komposition dient dazu, ein anderes Schicksal einer verstorbenen Person musikalisch zu gestalten. Tänzer übersetzen das textlich und musikalisch Erzählte ins Visuelle.

Für Sprechtheater ist die Alte Reithalle aufgrund ihrer Akustik heute noch nicht geeignet. Dafür erhält die Musik eine umso grössere Bedeutung. Das wilde Treiben der Kinder in «Play Back» wird begleitet von Livemusik, die Christoph Brünggel eigens komponiert hat. Auch das Licht wird teilweise ungewöhnlich eingesetzt. Mit der Musik, dem Tanz und den Lichtverhältnissen möchten die neuen Organisatoren ganzheitliche sinnliche Erlebnisse bieten. Die «Sommersaison in der Alten Reithalle» startet kommenden Donnerstag mit der Premiere von «Play Back».