Buch Bühne Kunst

Dichte Gedanken und gute Dialoge an der 1.-August-Party mit einer Wahlschweizerin

Ernsthaft jetzt oder ironisch gemeint? 1.-August-Dekor in der Schweiz.

Ernsthaft jetzt oder ironisch gemeint? 1.-August-Dekor in der Schweiz.

An der Party einer Deutschen in Zürich kommt es zu interessanten Einsichten. «Während wir feiern» von Ulrike Ulrichs ist ein kluger Roman.

Ein bisschen Angst macht es ihr doch, dass sie später, vielleicht kurz vor dem Feuerwerk, das Guggisberglied singen wird – in ihrer eigenen, politisch ak­tuellen Version. Die deutsche, in Zürich lebende Sängerin Alexa, Hauptfigur in Ulrike Ulrichs neuem Roman «Während wir feiern», hat aus kritischer Liebe zur Wahlheimat Schweiz sogar den Einbürgerungsantrag ­gestellt. Kein Zufall also, dass sie ihre jährliche grosse Dachparty zum Geburtstag immer am 1.August feiert.

An diesem Tag, der den Erzählrahmen des Buches abgibt, läuft schon morgens manches nicht rund. Dass der schöne Brad (von meterhohen Plakaten der UBS herunterlächelnd) sich selbst zur Party einlädt, lässt Alexas Seitensprung vor drei Jahren schmerzen wie einen Dorn – schliesslich ist sie in glücklicher Liebe mit Adrian. Und muss Evelyne, die beste Freundin, ausgerechnet heute ihre Dreijährige mitbringen, die Alexa deutlicher als alles andere vorführt, dass es kein Zurück gibt in die alte gemeinsame Unbeschwertheit – vor dem Kind?

Lesend Einblicke in die verschiedenen Köpfe

«Während wir feiern» ist neben allem anderen auch ein kluges Buch übers Älterwerden: nicht als Nostalgie, nicht als Melancholie, sondern als nüchternes Resümieren, mit wie viel gelebtem Leben man umgehen muss, wenn man nicht mehr dreissig ist. Mit wie vielen Entscheidungen und deren Konsequenzen.

Das gilt an diesem ereignisreichen Nationalfeiertag ganz besonders für Zoltan, Alexas besten und politisch engagierten Freund, der dem akut von Ausschaffung bedrohten, in seiner Heimat wegen Homosexualität verfolgten jungen Tunesier Kamal zunächst die Unterbringung bei sich verweigert. Als Zoltan, glücklich mit Martina verheiratet, um Alexas Mansarde anfragt, gesteht er ihr, dass er sich zu seiner eigenen Verstörung in Kamal verliebt hat.

Ulrike Ulrich gibt ihnen allen Stimmen. Die Perspektiven wechseln von einem Erzählabschnitt zum nächsten. Man schaut lesend in viele Köpfe, muss dem rasanten Erzählen mit wachem Orientierungssinn begegnen: In wessen Kopf hört man gerade mit? Denn nicht immer entspricht das laut ausgesprochene Ja dem innerlich Gefühlten und Gedachten. In diesem Tanz der Stimmen aber dürfen wir mithören; einem Tanz der persönlichen Schicksale und Verbindungen, der politischen Haltungen.

Schweizer Kreuz zwischen Ernsthaftigkeit und Ironie

Es ist ein Tanz nicht zuletzt der vielen Fragen, die sich um das zentrale Thema Schweiz verdichten: Was bedeutet es, Schweizerin zu sein? Oder werden zu wollen, wie Alexa? Warum hat sie die Party, bis hin zu den gekochten Eiern mit Kreuz, mit Nationalsymbolen dekoriert? Das sei ernst und ironisch zugleich, antwortet sie auf die Frage der Schriftstellerin, die alles ganz genau wissen will.

Den meisten von ihnen ist es ernst mit der politischen Frage – wie Adrian, der sich beim Mittagessen mit Kollegen in der Klinik gern raushalten würde, aber als einer feststellt, dass es die Durchsetzungs-Initiative nicht gäbe, «wenn Sommaruga versucht hätte, die Ausschaffungs-Initiative entsprechend dem Volkswillen durchzusetzen», doch antwortet: «Auf jeden Fall gäbe es die Durchsetzungs-Initiative nicht… wenn die SVP nicht eine völkerrechtsverletzende, verfassungswidrige und innerhalb von geltenden Verträgen nicht umsetzbare Initiative nach der anderen lancieren würde.»

Ulrike Ulrichs Schreibe ist wie Jonglierkunst

«Während wir feiern» ist voller guter Dialoge und dichter Gedanken, die sich in den sehr unterschiedlichen Tonlagen der Figuren mal schnippisch und oft liebevoll anhören, meist schlagfertig, voller Wortwitz, oft cool und im Fall des gewohnheitsmässig zwischen Englisch und Deutsch denkenden UBS-Brad auch ein bisschen zum Abwinken. Es ist ein Buch der vielen guten Einfälle, der Zufälle auch: Dass Adrians Sohn Robert am Letten mit Freunden abhängt, wo auch Kamal seine schlimmste Verzweiflung erlebt; dass es in einer später eskalierenden Situation sein Vater Adrian ist, der als Arzt im Krankenhaus die Lage überschaut, das könnte es auch im Leben geben.

Und dieser Roman schafft es ja, das ewig unbegreifliche Nebeneinander des Verschiedenen zu fassen, das wir Leben nennen. Es sind viele Geschichten, die sich überkreuzen, viele Bälle, die Ulrike Ulrich gleichzeitig in der Luft hält.

Und tatsächlich fällt kein einziger runter. So locker und lustig es in vielen Dialogen zugeht, – und an einem Partytag ja zugehen soll – spätestens mit Kamal wird klar, wo die Grenze von lustig verläuft. Und Ulrike Ulrich verzichtet darauf, es sich leicht zu machen mit diesem Strang ihres Textes. Martina, Zoltans Frau, bringt es auf den Punkt: Ist es denn nicht immer so, dass wir «neben dem Unglück der anderen feiern»?

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