Annekatrin Liebisch

Nur eine morsche Holztür trennt Teddy Daniels (Leonardo DiCaprio) noch von der Wahrheit. Er zittert. So sehr, dass er das Gewehr in seinen feuchten Händen kaum noch halten kann. Doch er muss durch diese Tür. Hinter ihr liegen die Antworten auf all seine Fragen. Die Erklärungen für all die seltsamen Dinge, die Daniels in den vergangenen Tagen auf dieser Insel der Verdammten sah. Und die wahren Gründe dafür, warum er selbst Shutter Island nicht mehr verlassen darf.

Man muss den Thriller von Dennis Lehane nicht gelesen haben, um schon bei der Ankunft auf der Insel zu wissen, dass hier etwas nicht stimmt. Mit donnernden Cellos kündigt Regisseur Martin Scorsese an, dass Hauptdarsteller Leonardo DiCaprio bald in Schwierigkeiten stecken wird. Und das Publikum auch. Denn es dauert nicht lang, bis sich jeder die Frage stellt, wem man in dieser Geschichte überhaupt noch trauen kann.

Um das Verschwinden einer Patientin zu klären, wird US-Marshall Daniels 1954 nach Shutter Island beordert: ein Gefängnis, in dem geisteskranke Schwerstverbrecher untergebracht und behandelt werden. Mörder, die in ihrer eigenen Welt leben. «Normal», erklärt eine Krankenschwester, «macht keinen besonders grossen Teil unseres Alltags aus.» Auf mysteriöse Weise entwischte die dreifache Kindsmörderin Rachel Solando (Emily Mortimer) aus dieser von Wasser, Felsen und Elektrozäunen umgebenen Festung. Es ist nun an Daniels und seinem neuen Partner Chuck Aule (Mark Ruffalo), die Entflohene zu finden.

Doch während Daniels unter den wachsamen Augen des Klinikleiters Cawley (Ben Kingsley) die Pfleger und Insassen von Shutter Island verhört, wird klar, dass auch der Ermittler nicht frei von Dämonen ist: Mehr als seine häufigen Migräneanfälle plagen ihn die Bilder, die sich während seiner Soldatenzeit bei der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau bei ihm einbrannten. Viel schlimmer noch nagt an ihm jedoch die Erinnerung an seine Frau (Michelle Williams), die ums Leben kam, als ein Pyromane namens Andrew Laeddis ihr Haus in Brand steckte. Und genau ihn glaubt Daniels auf Shutter Island finden zu können.

Zentimeter für Zentimeter entziehen Scorsese und sein vortrefflich gewähltes Ensemble dem Publikum den Boden unter den Füssen, bis es keine andere Wahl mehr hat, als der Spur zu folgen, die Drehbuchautor Laeta Kalogridis auslegte. Dass es sich dabei um eine falsche Fährte handelt, die durch einen langen dunklen Tunnel führen wird, steht schon auf den Wegweisern. Doch wo sollte man auch entlanggehen, wenn um einen herum nur Gestrüpp und Abgründe sind? Mit zahlreichen Rückblenden vernebelt Scorsese den Pfad so stark, dass man gezwungen wird, stehen zu bleiben: Durch diese Einschübe, in Erinnerungen und Träume verpackt, wird ein Einblick in die Gefühlswelt der Hauptfigur gewährt.

Und doch bringen sie einen keinen Schritt weiter: Die an sich spannende, dicht erzählte Handlung gerät dadurch kurzfristig ins Stocken. Die Finsternis der hervorragend eingefangenen Umgebung verhindert zwar, dass jemals ein Gefühl von Sicherheit aufkommt - aber die ungünstig gelegenen Atempausen geben dem Publikum Gelegenheit, auf dem Weg den Schrecken zu verlieren und sich langsam an die Dunkelheit zu gewöhnen. Und am Ende des Ganges eine morsche Holztür zu erkennen.

Shutter Island (USA 2010) 138Min. Regie: Martin Scorsese. Mit: Leonardo Di Caprio, Ben Kingsley, Michelle Williams, Mark Ruffalo u.a.