Als Schriftsteller bloss «im Gespräch» zu sein, war Hermann Burger zu wenig. «Im Gespräch zu sein, stelle ich mir etwa so vor, dass man in einer Badewanne voller Schaum und ohne Wasser sitzt», schrieb er als 30-Jähriger in einem Essay im «Aargauer Tagblatt». Statt eines solchen «Schaumbads des Kulturgeflüsters» wünschte er sich, dass durch das Buch ein Dialog zwischen Leser und Autor entstehe.

Mehr Dialog zu Burgers Werken wünschen sich auch seine heutigen Fürsprecher. Doch die meisten von Burgers Werken sind seit Jahren nicht mehr greifbar. Nichts weniger als ein Skandal sei das, findet der Literaturwissenschafter Thomas Strässle, und alle geben ihm recht. Als das Museum Strauhof 2009 Burger zum 20. Todestag eine Ausstellung widmete, forderten auch die Medien Neuauflagen der Werke.

Mit der soeben erschienenen Werkausgabe ist nun die Kirche wieder im Dorf. Den Anstoss gab Strässle, als er 2011 an der Vernissage von Klaus Merz’ Werkausgabe in die Runde warf, es gebe noch einen Aargauer Schriftsteller, der schon lange auf seine wohlverdiente Werkausgabe warte. Die Bemerkung war wohlkalkuliert, waren doch nicht nur die Aargauer Literaten, sondern auch die kantonalen Kulturförderer im Saal. Strässles Anregung stiess auf Gehör, und da mit Simon Zumsteg und Nagel & Kimche ein Herausgeber und ein Verlag in den Startlöchern standen, fehlte nur noch das Geld.

Keine Neuauflagen aus Frankfurt

Dass Hermann Burger ein Schriftsteller höchsten Ranges ist, darüber herrscht Konsens katholischen Ausmasses. Der einflussreiche Kritiker Marcel Reich-Ranicki hatte Burger mit Lob geradezu überhäuft. In der akademischen Literaturwissenschaft hat Burger zwar keine grosse, aber kontinuierliche Resonanz – zumindest seit der Jahrtausendwende. «Es ist ein kleiner, eingeschworener Kreis, der regelmässig Artikel zu Burger publiziert», sagt Zumsteg. Frühere Beiträge hätten Burgers Werk vorwiegend biografisch gedeutet. Mittlerweile drehe sich die Forschung vermehrt um die literarische Behandlung von Motiven wie Tod und Suizid, Magie oder das Rauchen. Der Herausgeber der Werkausgabe hat 2011 selber eine umfangreiche Dissertation zu Burgers Poetologie veröffentlicht.

Während die Forscher Bibliotheksausgaben und Archive zur Hand haben, blieb den übrigen Lesern der Zugang zu Burgers Werk verwehrt. Seit seinem Tod 1989 wurden die bestehenden Auflagen seiner Romane, Erzählungen und Gedichtbände nach und nach ausverkauft und nicht wieder aufgelegt. Eine Ausnahme bildeten der Roman «Schilten», den der Verlag S. Fischer mehrfach neu auflegte, und die letzten Romane «Brunsleben» und «Menzenmang», die Suhrkamp herausbrachte. Bis zur Jahrtausendwende liessen die beiden grossen Frankfurter Verlage alle Auflagen auslaufen. Im Fall von S. Fischer dürfte dabei eine Rolle gespielt haben, dass sich Burger 1988 mit grossem medialem Gepolter von seinem langjährigen Verleger getrennt hatte. Im letzten Jahrzehnt waren die meisten Werke Burgers im Buchhandel nicht erhältlich und konnten bestenfalls in Antiquariaten aufgestöbert werden.

Ein Hauptgrund für diese Vernachlässigung liegt freilich zunächst in Burgers Verstummen. Der Schriftsteller hatte zeit seines Lebens nicht nur mit Büchern, sondern auch mit allerlei Aktionen und Selbstinszenierungen für Schlagzeilen gesorgt. Nachdem Burger seinen Namen nicht mehr ins Gespräch bringen konnte, haben sich die deutschen Verlage wohl keine grossen Absatzchancen des Schweizer Schriftstellers mehr ausgerechnet. Handkehrum ist es der Bekanntheit abträglich, wenn das Werk nicht erhältlich ist. Ein Teufelskreis also.

Den Ausbruch aus diesem Teufelskreis schafft nun die achtbändige Werkausgabe von Nagel & Kimche, die nicht nur die Romane, sondern auch die Gedichte, Erzählungen und Essays wieder verfügbar macht. Ohne die stattliche Drittmittelspritze von 120 000 Franken wäre diese allerdings undenkbar gewesen, sagt der Verlagsleiter von Nagel & Kimche, Dirk Vaihinger. Sein Verlag mache mit der Ausgabe auch so keinen Gewinn, selbst wenn die ganze Auflage von 1000 Stück verkauft würde. Die ganze Auflage zu verkaufen, ist für Vaihinger ohnehin nicht wünschenswert: «Unsere Absicht ist ja, Burger wieder verfügbar zu machen.» Und eine zweite Auflage wäre noch viel riskanter als die erste.

Ohne Verfalldatum

Wird jetzt Burger also das grosse Revival erfahren? Die Ausgabe von «Schilten» von Nagel & Kimche von 2009 ging durch mehrere Auflagen und zeigt, dass es durchaus eine Nachfrage nach Burgers Romanen gibt. Vaihinger ist denn auch verhalten optimistisch. «Burger ist ein Writer’s Writer. Unter zeitgenössischen Schriftstellern ist er hoch angesehen», sagt er. So hätten in jüngster Zeit etwa die Büchner-Preisträgerin Sybille Lewitscharoff und der Auflagenmillionär Daniel Kehlmann («Die Vermessung der Welt») ihre Bewunderung für Burger zu erkennen gegeben. «Das normale Lesepublikum hingegen», differenziert Vaihinger, «ist mehr auf Neuheiten fixiert.» Trotzdem glaubt er an ein Comeback von Burger. Sein Wert werde sich wieder steigern.

Auch Burger-Spezialist Zumsteg ist überzeugt, dass «sein» Autor Zukunft hat. Für ihn sind Burgers Themen zeitlos. «Solange es Lehrer gibt und solange gestorben wird, behalten Burgers Werke Aktualität», sagt er. Strässle, der den ersten Impuls zur Werkausgabe gab, hat eine noch gewagtere These: «Im Rückblick auf die Schweizer Literatur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird man Burgers ‹Schilten› neben Frischs ‹Gantenbein› zu den bedeutendsten Romanen der Epoche zählen.»

Damit Burger eine Wirkung und Leserschaft hat und Leser in einen Dialog mit ihm treten können, muss seine Rezeption jedoch gepflegt werden. Er müsste dem Publikum ständig im Gedächtnis gehalten und vermittelt werden, sagt Strässle, so wie dies bei Walser, Frisch und Dürrenmatt der Fall sei. «Dazu bräuchte es wohl eine Hermann-Burger-Stiftung.» Man müsste die Marke Burger also mit dem «Schaumbad des Kulturgeflüsters» einseifen, um das Interesse der Leser am Zwiegespräch mit Burgers Werk wachzuhalten. In dieser Sache wäre nun mit der achtbändigen Werkausgabe ein wesentlicher Schritt getan.