Literatur
Der verlegene Verleger, der mit Preisen überhäuft wird

Matthias Burki überflügelt mit seinem kleinen «Der gesunde Menschenversand» manchen Grossverlag. Was ist sein Erfolgsgeheimnis?

Susanna Petrin
Drucken
Teilen
Matthias Burki, Verleger «Der gesunde Menschenversand»

Matthias Burki, Verleger «Der gesunde Menschenversand»

Keystone

Am Anfang des Perrons steht ein Mann etwas vornübergebeugt. Sechstagebart, schulterlanges Haar, graubraune Kleidung. Er raucht, wirft beim gegenseitigen Erkennen die Zigarette aber zu Boden, wie um niemanden zu belästigen. So steht er wahrscheinlich immer wieder am Luzerner Bahnhof, wenn er jemanden abholt. Eine Autorin oder einen Autor, heute eine Journalistin.

Schweizer Autoren früh entdeckt

Matthias Burki, der verlegene Verleger; er hat in den letzten Jahren im Einmannbetrieb mit dem komischen Namen «Der gesunde Menschenversand» mehr grosse Schweizer Autoren frühzeitig entdeckt und herausgebracht als so manche traditionsreiche und sowieso reichere Verlagshäuser. Pedro Lenz, Michael Fehr, Guy Krneta, Matto Kämpf, Rolf Hermann – unter anderen. Es ist nun die Ironie seines Schicksals, dass gerade er, der Glamour und Rampenlicht am wenigsten gesucht hat, ständig an Preisverleihungen eingeladen wird. Guy Krneta hat ihm allein in den letzten neun Monaten drei Preisverleihungen eingebrockt: Nomination für den Schweiz Buchpreis, eidgenössischer Literaturpreis, Literaturpreis des Kantons Bern. Nora Gomringer, deren neuer Textband im August auch beim Menschenversand erscheinen wird, hat soeben den Bachmannpreis gewonnen. Michael Fehr gilt vielen als Genie.

All diese Autoren seien grossartig, sagt Burki, trotzdem seien diese Preise auch Zufall. Andere, ebenfalls sehr gute Autoren, seien bisher unbemerkter geblieben. «The points are not the point, the point is poetry» zitiert er ein Motto der Poetry Slam-Szene, das auch Nora Gomringer an der eigenen Preisverleihung zitierte. Man macht es nicht für den Preis, «aber der Preis hilft». Er freue sich für seine Autoren über jede Anerkennung – und natürlich auch über mehr verkaufte Bücher.

Mittlerweile sitzen wir in seinem Büro, ein ehemaliger Käsekeller, am einfachsten via Warenlift zugänglich. Auch sein Arbeitsplatz: Ein grosses Understatement. Matthias Burki hat starken, guten Kaffee gebraut. Von untrüglichem Gespür für gute Literatur, von einer guten Nase würde er niemals sprechen. Eher von Intuition. «Es muss mir einfach gefallen.» Viel mehr als das könne er nicht sagen zu seinen Kriterien. Bei der «Edition Spoken Script» stünden ihm zwei Mitherausgeber bei der Auswahl zur Seite: der Germanist Daniel Rothenbühler und die Regisseurin Ursina Greuel.

Spoken Word, Texte für die Bühne, sind seine Spezialität. Diese Nische, die heute längst keine mehr ist, hat er vor rund 20 Jahren entdeckt; hat Poetry Slams und Mundartliteratur-Lesungen mitveranstaltet, literarische Gruppen wie «Bern ist überall» begleitet, Kontakte und Freundschaften mit den Autoren gepflegt. Vor 17 Jahren gründete er, damals noch mit Yves Thomi, den Verlag «Der gesunde Menschenversand». Am Anfang war es ein Hobby, daneben schrieb er für das Luzerner Kulturmagazin und beendete sein Ethnologiestudium.

Er habe nie Verleger werden wollen, das habe sich «irgendwie so ergeben, ganz anti-glamourös»: «Wir wollten ein Buch herausgeben und haben gemerkt, dass es dafür eine ISBN-Nummer braucht. Und für eine ISBN-Nummer braucht es einen Verlag. Mir kam dieser Name in den Sinn, Yves Thomi fand ihn nicht besonders gut, aber es fiel ihm auf die Schnelle kein besserer ein.»

Schon viele wollten ihm seither das «t» in den Menschenversand eintrichtern. Einmal habe ihn eine Frau angerufen, um ihn darauf aufmerksam zu machen, dass sein Verlag im Telefonbuch falsch eingetragen sei. Bis zum Schluss konnte er ihr das Wortspiel nicht begreiflich machen. Doch gerade auch der Ärger, die Irritation, Korrektoren, die wohlmeinend verschlimmbessern – all das trage dazu bei, dass sein Verlag im Gedächtnis haften bleibe. Perfektes Marketing, eigentlich.

Matthias Burki, der nie Verleger werden wollte, gab schon als Teenager eine Schülerzeitung heraus. Als Student folgte «Das Heft, das seinen langen Namen ändern wollte». Es verlor mit jeder Ausgabe ein Wort im Titel. Nach neun Ausgaben war es also damit zu Ende. Und eine Angestellte der Nationalbibliothek beschwerte sich bei Burki über die Schwierigkeit, ein solches Magazin, das jedes Mal etwas anders heisst, zu katalogisieren. Er solle doch bitte an sie denken, wenn er wieder so etwas mache. «So trifft Kunst auf Bürokratie», lernte Burki früh: «Schon ganz am Anfang sollte man an die Katalogisierung der Nationalbibliothek denken.»

Sprache wichtiger als Inhalt

Das Absurde war ihm schon immer näher als das Praktische, Konkrete. «Beckett, Eugen Gomringen, Ionesco, Jandl – so Sachen haben mir schon als Gymnasiast am besten gefallen. Im Nachhinein sehe ich die Verbindungen zu den Leuten, die ich heute gern habe.» Die Sprache ist ihm wichtiger als der Inhalt. «Am Ende interessiert es mich weniger, wenn irgendeine Geschichte erzählt wird.» Ihn interessiert das Experiment mit der Sprache.

Bei der Verleihung des Schweizer Buchpreises im vergangenen Herbst war Matthias Burki der Verleger mit den dunkelsten Augenringen. Mittlerweile hat er 100 Titel auf Lager, jährlich kommen etwa zehn neue hinzu; jedes Mal ein neues Projekt samt Administration und Marketing. Viel, zu viel für einen allein. Ob er sich nicht eine Mitarbeiterin leisten könne? Nein, sagte er noch letzten Herbst. Ja, sagt er jetzt: Ab August wird «Zürich liest»-Festivalleiterin Tamaris Meyer ihm mit einer 50-Prozent-Stelle zur Seite stehen.

Denn er müsse inzwischen Sachen ablehnen, die gut sind. «Das beschäftigt mich fast am meisten.»

Aktuelle Nachrichten