Alain Claude Sulzers «Basel» ist kein Wälzer, sondern ein schlankes Buch, das zur Entdeckungsreise durch den Stadtkanton lädt: Der Streifzug beginnt in Riehen, wo Sulzer aufwuchs, und zu dem er ein gespaltenes Verhältnis hat, und führt rein in die Stadt. Dabei kombiniert er auf elegante Weise persönliche Beobachtungen und Eindrücke mit historischen Fakten, empfiehlt Restaurants in Basel und enerviert sich über eines in Riehen. Als Bonvivant sieht er sich selber nicht, eher als distanzierten Betrachter, der jahrelang im Ausland lebte und vor 20 Jahren zurückkehrte. Wir treffen uns unweit seiner Kleinbasler Wohnung in der Damatti Bar, die 2017 eröffnet wurde und in dieser Neuauflage Erwähnung findet. Neuauflage? Richtig. Das Basel-Buch erschien erstmals vor fünf Jahren, war aber rasch vergriffen und nur noch in Antiquariaten erhältlich. Jetzt ist bei Schwabe ein Update erschienen.

An wen richtet sich Ihr Basel-Buch. An Deutsche? Sie schreiben oft Strassenbahn, nicht Drämmli …

Alain Claude Sulzer: Das erklärt sich dadurch, dass die Erstauflage im Rahmen einer Städteführer-Reihe des deutschen Verlags Hoffmann und Campe erschien. Ja, das Buch wendet sich vor allem an Leute, die Basel nicht kennen, seien dies Berliner, Zürcher oder Leute aus Binningen, wenn diese mal in die Stadt fahren …

Wenn Sie schon das Baselbiet erwähnen: Darüber verlieren Sie kaum ein Wort, dafür aber widmen Sie dem Sundgau ein ganzes Kapitel.

Das stimmt, das wurde mir von einigen Lesern schon bei der Erstausgabe vorgehalten. Das liegt daran, dass ich das Baselland kaum kenne. Es ist mir völlig fremd geblieben, ganz im Unterschied zum Elsass, wo ich seit 40 Jahren ein Haus habe. Ich kenne allerdings auch das Tessin nur flüchtig.

Vertraut sind Ihnen dafür viele Basler Eigenschaften, die Sie erwähnen, etwa den Basler Humor. Dieser habe oft Züge reinen Selbstzwecks. Wie meinen Sie das?

Ich kenne gewisse Leute, die diesen ironischen, relativ zynischen Humor noch pflegen. Er ist nah an der Beleidigung, aber wenn zwei Leute dieses Humorverständnis haben, gibt es einen Konsens. Es ist ein Spiel, bei dem man quasi seine Grossmutter für einen Witz verkauft.

Sie erwähnen auch den Dialekt des Daig, der heute nur noch als Persiflage vorkomme.

Ja, er verschwindet zunehmend.

Trauern Sie dem nach?

Nein, der verklärende, nostalgische Blick liegt mir fern.

Aber manches gefiel Ihnen früher besser: Im Buch dringt durch, dass Sie neuere Bauten oft scheusslich finden.

Das stimmt mehrheitlich, ja. Bis weit in die 70er-Jahre wurden viele schöne alte Häuser abgerissen und durch hässliche Neubauten ersetzt. Heute noch folgt auf einen Abriss selten etwas Schöneres. Deshalb habe ich mich auch für den Erhalt der alten Warteck-Häuser eingesetzt. Die waren ästhetisch zwar keineswegs vollkommen, aber all die Strassenkneipen belebten das Quartier. Das Publikum, das sich da traf, wird jetzt verdrängt, der Neubau dürfte kaum dieselben Leute ansprechen.

Sie sind nicht glücklich mit der Stadtentwicklung?

Da wird meiner Ansicht nach vieles falsch gemacht. Der Centralbahnplatz am Bahnhof ist doch eine Katastrophe, weshalb ich im Buch allen davon abrate, auf diesem Weg anzukommen. Die Umgestaltung begreife ich bis heute nicht. Auch bedauerlich finde ich, wie der Messeplatz konzipiert ist. Die Aussage dort ist: Hier ist die Stadt zu Ende. Ist sie aber nicht.

Auch das Theater, von Ihnen inhaltlich geschätzt, ist Ihnen visuell ein Dorn im Auge.

Ja. Ich habe als junger Mensch noch das alte Stadttheater erlebt. Ein nostalgischer Bau, dem trauere ich wirklich nach. Jetzt steht da dieser hässliche Betonklotz. Und ein paar Schritte entfernt das Schauspielhaus, wie eine Notlösung asymmetrisch an den Klosterberg gezwängt. Dass die Stühle unbequem sind, passt bestens.

Gibt es auch Neubauten, die Ihnen gefallen?

Ja, natürlich. Die Fondation Beyeler zum Beispiel. Da stimmt einfach alles.

Den Novartis-Campus vergleichen Sie mit dem Tal der Könige. Wie kommen Sie dazu?

Es ist wie ein Architekturmuseum, zu dem man gar keinen Zugang hat, wenn man nicht dort arbeitet. Ausnahmen sind die Führungen, die an den Wochenenden stattfinden. Dann wirkt der Campus allerdings ausgestorben, wie eine tote Stadt. Ich finde das irgendwie absurd. Und stelle mir vor, wie das wäre, wenn jetzt der Kaiserstuhl explodieren und unsere Stadt wie einst Pompeji unter Schutt und Asche begraben würde. Würde man dereinst diese Architekturdenkmäler ausgraben, hätte man immerhin ein Who is Who modernen Bauens. Aber was hat man jetzt davon? Kaum jemand kennt diese Bauten. Interessant, wie die Bauten von Roche und Novartis für zwei verschiedene Firmenkulturen stehen. Die eine sichtbar, der Stadt zugewandt, die andere auf sich selbst bezogen, abgeschottet.

Wie international die Stadt geworden ist, kommt fast zu kurz.

Jetzt, wo Sie es sagen: Ja, das stimmt. Wenn ich mal in die «Fischerstube» gehe, dann sitzen da mehrheitlich englischsprachige Gäste. Diese Entwicklung bleibt unerwähnt – wie auch anderes, das für andere von Bedeutung ist, zu dem ich aber einfach keinen persönlichen Bezug habe: zum FC Basel zum Beispiel. Auch Lokale wie das Atlantis oder die Rio Bar fehlen, schlicht aus dem Grund, weil ich mich kaum je da aufgehalten habe. Etwas nicht zu erwähnen, ist aber beileibe kein Urteil! Es ist kein umfassendes, sondern subjektives Bild von Basel.

Sie schreiben, dass die Mediterranisierung des Rheins den Migranten zu verdanken ist.

Ich erkläre mir das so, ja. Wer seine Wurzeln nicht in Basel hat, erobert sich die Stadt über den Wassern. Vor Jahrzehnten trafen sich die Italiener am Bahnhof, heute trifft man sich am Rhein.

Und im Winter an der Fasnacht, die ja neuerdings Weltkulturerbe ist. Sie schwärmen im entsprechenden Kapitel insbesondere von der Maskerade.

Ja. Ich habe früher selber Piccolo gespielt und dieses Eintauchen in eine andere Welt selber erlebt, diese Konzentration auf sich selber. Die Larve ist ein Resonanzraum, nicht nur angenehm, aber das Erlebnis darunter unvergleichlich. Deshalb schreibe ich auch, dass die Maske zwar das Blickfeld einschränkt, sich dabei der Blick, den man nach innen richtet, aber weitet.

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Alain Claude Sulzer «Basel».
Mit 14 Illustrationen von Hannes Nüsseler.
152 Seiten, gebunden. Schwabe Verlag, Basel.