Rundgang

Der Verein der Flaneure bringt das Theater vor die Haustür

Die Organisatorinnen Anouk Gyssler und Maja Bagat auf der Schwelle zum Erfolg.

Die Organisatorinnen Anouk Gyssler und Maja Bagat auf der Schwelle zum Erfolg.

Im Matthäus-Quartier in Basel starten die Schauspieler vom Verein der Flaneure den theatralen Rundgang am Erasmusplatz. Das Publikum wird zum Einbruch in Hinterhöfe und Privatwohnungen eingeladen.

Fürs genussvolle Umherstreifen, Wandern und Wandeln bleibt heute wenig Zeit. Das ist ein altbekanntes Phänomen. Seit Grossstädte wie Pilze aus dem Boden und Flugzeuge in den Himmel schiessen, befindet sich der moderne Mensch ständig auf der Überholspur. Wer dann noch Musse findet, durch Gassen, die Innenstadt oder am Rheinufer zu schlendern, ist ein reicher Mann oder wie damals im 19. Jahrhundert ein geschniegelter Dandy, der seine Schildkröte zur Promenade ausführte. Heute, im 21. Jahrhundert, setzen sich zwei junge Frauen fürs Promenieren ein und gründen zu diesem Zweck den Verein der Flaneure. Ihr Wappen trägt das Symbol der Gemächlichkeit — die Schildkröte. Allerdings geht es ihnen nicht um einen Stammtisch für verkehrskonzeptuelle Massnahmen zur Entschleunigung, sondern um einen theatralen Spaziergang.

Ausverkaufte Premiere

Im Flur der Wohnung türmen sich bunte Turnschuhe. Aus dem Wohnzimmer dringt aufgeregter Stimmenwirrwarr. Dort sitzen drei Schauspieler auf dem Sofa und am Tisch verteilt und halten Manuskripte in der Hand. Sie bereiten die bevorstehende Nachmittagsprobe vor. Aus der Küche trägt Dramaturgin Maja Bagat einen Krug mit Wasser ins Zimmer und stolpert beinahe über die Turnschuhe. Die Privatwohnung der Dramaturgin ist momentan das Hauptquartier der Theatermacherinnen Maja Bagat und Anouk Gyssler.

In der Wohnung herrscht Hochbetrieb. In einer Woche läuft am 3. Juni die Premiere an. Die Vorstellung ist bereits ausverkauft. Das kitzelt Norwin Tharayils Lampenfieber, der Schauspieler sei jetzt schon etwas nervös, teilt er in einem kurzen Gespräch mit.

Reizwort Einbruch

Es ist das erste Mal, dass der Verein der Flaneure in dieser Form existiert: Vier erfahrene Schauspieler, eine Szenografin sowie eine Klangtüftlerin sind am Projekt beteiligt. Die Konzept- und Produktionsleitung sowie Dramaturgie- und Regieaufgaben teilen sich die Vereinsgründerinnen Gyssler und Bagat.

Im Winter haben die Flaneure eine öffentliche Textausschreibung zum Thema Einbruch — sie nennen es liebevoll Reizwort — lanciert. 25 Texte haben sie erhalten und davon sechs für ihren Rundgang durch die Strassen, Gassen und Innenhöfe des Matthäus-Quartiers gewählt. Dabei vermischen sich urbanes und reales Leben mit fiktiven Geschichten. Die Texte behandeln in unterschiedlicher Form und Inhalt das Reizwort. Auch die Urheber der Schriften kommen aus unterschiedlichen Sparten, sind Autoren, Erwachsenenbildner und Grafiker.

Wieso Einbruch? «Das Wort deckt ein spannendes und breites Deutungsfeld ab und wirkt nicht so platt wie das Thema Liebe», antwortet die Dramaturgin Bagat. Die semantische Vielfalt reicht von stillen Einbrechern und einbrechendem Euro-Kurs bis zu Kälte-Einbrüchen oder Realitäts- und Schicksalseinbrüchen. Sogar die Zuschauer werden freiwillig auf diesem Rundgang zu Einbrechern, wenn sie fremdes Privatgelände betreten. Das gemächliche Schritttempo des Flanierens ist ihre Methode, um das Wahrnehmungsvermögen zu steigern.

Die Tücken der Strasse

Die Germanistin, Historikerin und angehende Theaterpädagogin Anouk Gyssler ist eine vielerfahrene Spaziergängerin. In Aarau, wo sie auch Bagat kennenlernte, organisiert sie seit zehn Jahren einen theatralen Rundgang, der seit seiner ersten Ausgabe erfolgreich gewachsen ist. Die Tücken der Strassen sind ihr wohlbekannt: Hemmungslose Passanten pfuschen gerne in die Szenen, manchmal versperren Autos den Weg, oder strömender Regen erschwert das genüssliche Schlendern.

Die Strasse als Bühne ist ein reizvolles Überraschungspaket, dessen Zufälligkeit manchmal fruchtbare Verbindungen birgt. Es kann zum Beispiel vorkommen, dass aus einem offenen Fenster Fetzen eines Streitgesprächs dringen, während eine Schauspielerin von sozialen Einbrüchen erzählt.

Für den Rundgang haben sich Bagat und Gyssler ein besonderes Ticketsystem ausgedacht. Es gibt ab 20 Franken preisaufwärts Kategorien mit den Titeln Voyeur, Charmeur, Flaneur und Connaisseur. Wer sich für letztere Kategorie entscheidet, spaziert als Flaneurmäzen durch die Strassen von Matthäus.

Die Premiere ist ausverkauft. Weitere Vorführungsdaten: 04./05./06./07. Juni jeweils um 19.30 Uhr bei jeder Witterung. Treffpunkt: Telefonkabine am Erasmusplatz 17.

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