Theater

Der Traum vom Lebkuchenhaus

Den Flüchtlingen ein Gesicht geben will das Theater «Junge Marie» in seinem «Hänsel und Gretel». Chris Iseli

Den Flüchtlingen ein Gesicht geben will das Theater «Junge Marie» in seinem «Hänsel und Gretel». Chris Iseli

Das Theater «Junge Marie» erzählt in «Hänsel und Gretel* – *Name von der Redaktion geändert» die gar nicht märchenhaften Geschichten geflüchteter Jugendlicher.

Aufbrechen, losziehen, flüchten – ins Ungewisse. So wie einst die beiden Geschwister Hänsel und Gretel aus der Not heraus von zu Hause fortgeschickt wurden, erging es einigen der rund 2700 unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden, die allein 2015 in der Schweiz ihr Asylgesuch einreichten. «Hänsel und Gretel* – *Name von der Redaktion geändert», die neue Produktion der «Jungen Marie», erzählt ihre Geschichten.

Über ein Jahr lang hat sich das Team der «Jungen Marie» mit dieser Thematik auseinandergesetzt, die zwar allgegenwärtig ist und doch selten zu Ende erzählt wird: Jugendliche flüchten und stranden in irgendwelchen Camps. Hier und dort gibts Ärger. Einheimische beschweren sich. Aber was machen die Flüchtlinge, wenn sie angekommen sind? Vor allem diejenigen, die ohne Eltern eingereist sind? Und wer sind sie?

Maja Bagat, Dramaturgin der «Jungen Marie», und ihr Team haben über das Netzwerk Asyl Aargau und die Tagesstruktur «Projekt UMA – Leben und Lernen» in Aarau unbegleitete minderjährige Asylsuchende (UMA) getroffen. Man hat gespielt und gekocht, sich langsam angenähert. Dann fragte die Theatertruppe, ob jemand seine Geschichte erzählen wolle.

Bagat und ihre Kollegen führten sieben Interviews, die nun als anonymisierte Grundlage für die Inszenierung dienen. Die Jugendlichen erzählten vom Aufbrechen, davon, das Zuhause zu verlassen, von den schwierigen Umständen auf der Flucht und vom Ankommen. Sie erzählten vom Warten. Von der Ungewissheit. Vor allem aber von Freude und Hoffnung.

Das Lebkuchenhaus

Das Grimmsche Märchen dient als Rahmengeschichte der Inszenierung. «Hänsel und Gretel stehen für die jungen Geflüchteten, die sich alleine auf den Weg zum Lebkuchenhaus machen» sagt Nik Friedli, Szenograph der «Jungen Marie». «Das Lebkuchenhaus dient als Sinnbild», erklärt Bagat.

«Es steht für die Bilder der Zielorte in den Köpfen der Flüchtlinge. Aber auch für die verschiedenen Perspektiven aufs Ankommen. Die Jugendlichen sind in erster Linie froh, angekommen zu sein.» So süss das Ankommen aber auch sein mag: Was bei Hänsel und Gretel die Hexe ist, ist hier das Warten. Nicht zu wissen, wann und wie es weitergeht. Trotzdem: Die Stimmung unter den Jugendlichen sei lebensbejahend, voller Hoffnung, Freude und Erleichterung – der Ärger beschränke sich auf jenen von normalen Teenagern, die mal keinen Bock hätten oder sich nicht mehr einkriegen würden vor Lachen. «Wir haben die Vorurteile. Wir sind die, die nörgeln» sagt Maja Bagat.

Die fünf jungen Schauspieler, die im Stück die Geschichten der gleichaltrigen Flüchtlinge erzählen, mussten sich intensiv mit dem Thema auseinandersetzen. Auch sie haben sich mit den Asylsuchenden getroffen. Die Inszenierung besteht aus kleinen Monologen, die Geschichten der Flucht, in den Worten der Geflüchteten. So bewegen sich die Schauspieler in einer Szene als Klumpen über die Bühne. Sie versuchen, sich von den anderen loszureissen, halten sich aber gegenseitig fest. «Teheran» ruft ein Mädchen, ein Junge versucht, sich an ihr vorbeizudrücken. «Türkei» sagt er.

Die Regisseure Caroline Ringeisen und Sebastian Kurth arbeiten mit wenig Requisiten, nüchternen Flächen und nicht genau reproduzierbaren Choreografien. Damit wollen sie die Ungewissheit und das Umherreichen der Flüchtlinge darstellen. Die Schauspieler sollen diese Ungewissheit fühlen, erzählt Ringeisen. «Das ist anspruchsvoll, aber es hilft ihnen, weil sie die Ungewissheit nicht selbst produzieren müssen» ergänzt Kurth. Es gibt keine starren Rollen. Alle sind Hänsel oder Gretel. Einzige Identifizierung: Das Alter des Flüchtlings, dessen Geschichte sie anonym erzählen.

Begegnungen schaffen

Der Märchentext dient als Wegweiser. Er leitet die Inszenierung, ist aber auch klar abgegrenzt. Wie die unterschiedlichen Leben der Schauspieler und der Flüchtlinge. Ihre Welten sind sich fremd, haben augenscheinlich nichts miteinander zu tun – Parallel-Welten. Und doch: Sie sind im selben Alter, haben ähnliche Bedürfnisse und vielleicht sogar dieselben Träume und Zukunftspläne. «Wir möchten Annäherung schaffen, Begegnungen und Anknüpfungspunkte» erklärt Rebecca Etter, zuständig für die Produktionsleitung und Vermittlung.

Gerade unter den Jugendlichen sei dies sehr wichtig. So arbeitet das Theater mit einer Partnerklasse der Alten Kantonsschule Aarau zusammen. Die Schülerinnen und Schüler setzen sich mit der Thematik und dem Stück auseinander – gemeinsam mit den Jugendlichen aus dem Netzwerk Asyl. «Wir möchten den Flüchtlingen ein Gesicht geben» sagt Nik Friedli, denn «das ist nicht einfach ein Haufen Eritreer!», betont Kurth. Man möchte sensibilisieren und da ansetzen, wo die Berichterstattung sonst aufhört: beim Ankommen.

«Hänsel und Gretel* – *Name von der Redaktion geändert» Premiere: 15. Februar, 20.15 Uhr, Vorstellungen: Sa, 18. Februar, 20.15; Zusatzvorstellung: So, 19. Februar, 17 Uhr, Tuchlaube.

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