Der deutsche Schlager ist das Aschenputtel des Feuilletons. Ein Stiefkind, das im Kohlekeller vor dem Besuch versteckt wird, während die schönen Schwestern Literatur, Klassik, Theater und Kunst – und sogar der jüngere Bruder Pop – dem Besucher gerne vorgeführt werden. Diese Geringschätzung hat Tradition.

Theodor Adorno, der deutsche Papst der Kulturtheorie, hat den Schlager 1964 zur Persona non grata geschrieben: «Schlager beliefern die zwischen Betrieb und Reproduktion der Arbeitskraft Eingespannten mit Ersatz für Gefühle», so sein Verdikt. Weniger gestelzt gesagt: Die vom Kapitalismus gebeutelten Menschen werden mit unechten Gefühlen eingelullt. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass der mündige, freie Mensch nie auf die Idee käme, Udo Jürgens zu hören. Seine Wahl würde auf Musik fallen, die «echte» Gefühle befördert.

Und so kam es, dass der Schlager bis heute als Opium für das tumbe Volk verschrien ist. Fürsprecher hatte und hat er wenige, abgesehen vom Publikum, das in seine Arenen strömt. Einzig Kurt Tucholsky widersprach den Kulturkritikern seiner Zeit und schrieb: «Lieder lügen nicht.» Und Gottfried Benn spottete über die Theoretiker: «Ein Schlager von Rang ist mehr 1950 als 500 Seiten Kulturtheorie.»

Fussball, Sex und Schlager

Die BuchBasel gilt nicht gerade als Hort der seichten Unterhaltung. Zum Auftakt des Literaturfestivals, dessen Hauptprogramm vom 9. bis 11. November über die Bühne gehen wird, haben die Verantwortlichen aber einen Mann geladen, der sich mit Untiefen und Randzonen der Kulturindustrie beschäftigt.

Rainer Moritz kümmert sich als Leiter des Literaturhauses in Hamburg hauptberuflich zwar um Bücher, die den schönen Künsten zugerechnet werden dürfen. Seine Leidenschaft lässt ihn jedoch seit Jahren über die Ränder des Literaturbetriebs blicken. Als ehemaliger Schiedsrichter schreibt er über Fussball, und zwar nicht erst, seit dies auch im Feuilleton Mode ist. Er hat die schlechtesten Sexszenen der Weltliteratur gesammelt – und er ist passionierter Schlagerkenner.

Vom Meeresschlager zum Kopfweh

Am Donnerstag stattete Moritz für die BuchBasel der Oberen Fabrik in Sissach einen Besuch ab. Im Gepäck sein Buch mit dem profanen Titel «Schlager», erschienen in der Reihe «100 Seiten», immerhin ein Kind des renommierten Reclam Verlags. «Ein Verlag, der uns ja die ganze Jugend hindurch gequält hat», witzelte Moritz zu Beginn der Veranstaltung.
Witz, Ironie und elegante Sprache sind denn auch die Waffen, die er gegen Schlager-Ignoranten ins Feld führt. Wie alle Schriftsteller arbeite auch er mit dem Schreiben nichts anderes als Jugendtraumata ab

Schon als Knabe habe er unaufgefordert Bill Ramseys «Pigalle» in einer Bäckerei gesungen. Als Jugendlicher machte er sich selbst zum Sonderling. Während die Klassenkameraden mit möglichst progressivem Sound ihr Rebellen-Image pflegten, beschäftigte er sich mit Nana Mouskouri, Karel Gott oder Connie Francis.

Aus seiner Passion hat Moritz ein Spezialgebiet gemacht. Kundig führte er von den Meeresschlagern der Fünfziger zu den Schmachtfetzen, Südsee- und Italienträumen der Sechziger- bis in die Siebzigerjahre, als auch ernste Themen im Schlager auftauchten: Conny Kramers goldener Schuss etwa oder der Unfalltod, den die Aargauerin Monica Morell besang: «Ich fange nie mehr was an einem Sonntag an.»
Genau solche Zeilen haben es Moritz angetan: «Im Roman haben wir 400 Seiten Platz. Der Schlager hat nur drei Minuten für die ganze Story.»

Wie sich der Schlager den Strömungen der Zeit anpasste, insbesondere wie sich das Frauenbild zaghaft änderte, spiesste Moritz genüsslich an träfen Beispielen auf. Meeresschlager hiess für die Frau: Sie wartet, bis der Mann wieder nach Hause kommt, bis «Ein Schiff kommen wird», oder sie gibt ihm «Weisse Rosen aus Athen» mit auf die Reise in die Ferne. Erst in den frühen Siebzigern wird der Frau etwas Erotik zugestanden. Sie darf dann ins «Bett im Kornfeld», der «Knopf an seiner Bluse» sein oder «unter seine Decke kommen».

Endlich dann, anfangs Neunziger, als der Schlager durch die neue Deutsche Welle längst verdrängt ist, wehrt sich die Frau gegen die männliche Bevormundung mit der besten aller Liebestöterzeilen: «Heut Abend hab ich Kopfweh».

Leuchtende Augen

Entsprechend seinem Untersuchungsgegenstand liess es Moritz natürlich nicht bloss bei Worten bewenden. Neben den Einspielungen ab Band stand da sogar ein Sänger auf der Bühne.

Der Baselbieter Dani Kalt hatte sich bereit erklärt, die wichtigsten Lieder auf diesem Schlagerexkurs live zu singen. Das tat er gut, und siehe da: Das zugegebenermassen nicht gerade in Massen herbeigeströmte, literaturinteressierte Publikum sang sogleich mit. «Wenn auf Capri, die rote Sonne ...»: Lachende Gesichter, leuchtende Augen – den Adorno vergessen. Nicht aber das Lied, den Ort, und die Person, die damit verknüpft sind.

Schlagerlieder sind Anker in unserer Erinnerung. Sie stammen für meine Generation aus der Zeit, als die Samstagabendshows im Farbfernsehen noch Familienpflichtprogramm waren. Heute ist das anders. Heute sitzt jeder vor seinem eigenen Bildschirm. Der Schlager aber lebt weiter. Experte Moritz sagt, Ende Achtziger hätte niemand darauf gewettet, dass es je wieder ein Schlagerphänomen wie Helene Fischer geben würde. Heute können wir darauf wetten, dass in 30 Jahren alle mitsingen werden, wenn es heisst «Atemlos...».