«Ich bin es länger müde Dein Betragen zu dulden ... Dein Misstrauen, Dein Tadeln meines Lebens, der Wahl meiner Freunde, Dein wegwerfendes Benehmen gegen mich, ... Dein deutlich ausgesprochener Widerwillen zu meiner Freude beizutragen, Deine Habsucht, Deine Launen, denen Du ohne Achtung gegen mich in meiner Gegenwart freien Lauf liessest, dies und noch vieles mehr das Dich mir durchaus bösartig erscheinen lässt, dies trennt uns, wenn nicht auf immer doch auf so lange als bis Du reuevoll und gebessert zu mir zurückkehrest, dann werde ich Dich gütig aufnehmen, bleibst Du wie Du bist so will ich Dich nie wiedersehen.»

Dies schrieb Johanna Schopenhauer am 16. Mai 1814 ihrem Sohn Arthur. Der war 26. Kaufmann hätte er werden sol-
len wie sein Vater. Er versuchte es auch, durchaus ernsthaft, besonders nachdem der Vater gestorben war. Der Mutter warf er vor, sie verschwende das Geld, das sein Vater erworben habe, nachdem sie sich entschlossen hatte, nochmals ein eigenes Leben zu führen. In Weimar führte sie einen literarischen Salon, in dem Goethe Stammgast war. Die Mutter hatte es immerhin gut gefunden, dass der Sohn doch ein Universitätsstudium ergreifen konnte. Das fühlte er als seine Berufung, nicht das Krämern und Handeln. Intelligenz und Fleiss können Arthur nicht abgesprochen werden, in kürzester Zeit erlernt er Sprachen, auch mit dem Studium geht es flott voran. Aber sein Charakter ist für
die Kaufmannswelt völlig ungeeignet. Für die Philosophenwelt allerdings auch. Er ist cholerisch, grob, völlig ohne Rücksicht und Taktgefühl. Einer Meinungsverschiedenheit geht er nur selten aus dem Weg. Dass sein Standpunkt der richtige ist, ist ihm jeweils völlig gewiss und klar. Den Diskussionsteilnehmern nicht immer. Auf jeden Fall brachte es Arthur Schopenhauer meist in kürzester Frist fertig, sämtliche wichtigen Leute, die ihm bei einer Stelle oder einer anderen Sache behilflich sein könnten, endgültig gegen sich aufzubringen.

Von Preussen und von Berlin hat Arthur Schopenhauer nie viel gehalten. Aber als es Zeit wurde, sich nach einem Brotberuf umzusehen, bot sich eben doch die Universität Berlin an. Besonders seit dort Preussens Starphilosoph Hegel die Szene beherrscht, hätten die philosophischen Studien an Rang gewonnen, erfährt er von einem Kollegen. Also bewirbt er sich, allerdings nicht ohne dem De-
kan gleich mitzuteilen, dass er seine Vorlesung zur gleichen Stunde wie Hegel anzusetzen wünsche. Das darf er, nur kommen nur ganz wenige Hörer. In den folgenden Semestern gar zu wenige. Schopenhauer sollte seine Vorlesung nur einmal halten.

Dass sich Schopenhauer mit Hegel anlegt, ist allerdings nicht nur auf sein übersteigertes Ego zurückzuführen. Philosophisch hat er inzwischen immerhin sein Hauptwerk zu Papier gebracht. Und was dort drinsteht, entspricht eben ganz und gar nicht dem, was Hegel vorträgt. Der Starphilosoph versucht zu zeigen, dass die Vernunft die Wirklichkeit immer mehr durchdringt, bis sie in der absoluten Idee zu sich selbst gelangt. In dieser Sternstunde des Denkens ist alles eins: Objekt und Subjekt, Ansich und Fürsich, Innen und Aussen.

Die Wirklichkeit ist vernünftig – dieser Kernsatz Hegels ist Arthur ein Gräuel. Um solche Märchen zu glauben, hat er zu viel von der Welt gesehen. Wenn es überhaupt ein Wesen gibt, das die Welt erschaffen hat, dann ist es alles Mögliche, aber sicher nicht vernünftig. Das Leiden allerorten schreit einer solchen Idee ins Gesicht. Arthur hat sich die Sache anders zurechtgelegt. Die Welt, alles, was da ist, ist uns nach gut kantscher Manier nur
in der Vorstellung zugänglich. Alles Wissen und alle Wissenschaft sind unablegbar menschlich: Wir sehen die Welt nicht so, wie sie ist, sondern so, wie unsere Erkenntnisorgane sie uns darstellen. Nur am eigenen Leib erfahren wir Unmittelbares. Und mit dieser Idee betritt Schopenhauer völliges Neuland. Die Bedürfnisse und Triebe, denen der Leib ausgeliefert ist, das ist es. Arthur nennt es den Willen. Ein Wille, der nur will, nicht weiss. Das ist es, was die ganze Welt durchherrscht.

Schopenhauer, Nietzsche und Wagner, sagt Thomas Mann, hätten den dunklen Untergrund aufgerührt und aus «Wille, Wahn und Weh» grosse Werke geschaffen. Schopenhauer ist aber nicht Nietzsche und Wagner. Er steht mit beiden Füssen in der Aufklärung, nicht im Irrationalismus, wie Georg Lukács behauptete. Der Mensch, sagt Arthur, ist das Wesen, das den Willen erkennen kann. Der Mensch weiss um diese Urkraft und kann deshalb mit ihr umgehen. Arthurs Werk kulminiert deshalb in der Ethik. Wie viel von der gängigen Moral hier stehen bleiben könnte, ist allerdings ungewiss. Aber der Name für die Menschen, die mit dem Willen umgehen können, ist eindeutig. Arthur nennt sie «Heilige». Nicht christliche, die Praxis der Willensverneinung hat er aus der indischen Philosophie. Natürlich können wir nicht alle Asketen, Gurus und Weltverneiner sein. Schopenhauer weiss das auch. Aber in dieser Richtung liegt irgendwie doch das Glück.