Ein Zwischenstock, im Herzen der Stadt. Zweieinhalb Zimmer, in Untermiete beim Reisebüro Globetrotter. Wo denn die «Redaktionsräumlichkeiten» seien, habe einmal ein deutscher Journalist ungläubig gefragt, erzählt Daniel Puntas Bernet. Seine Redaktion ist dezentral organisiert, die Mitarbeitenden arbeiten von Zürich und Luzern aus, bei Konferenzen schalten sich zwei Redaktionsmitglieder per Skype aus Deutschland zu, die Texte kommen aus der ganzen Welt.

Sechsmal pro Jahr erscheint das Magazin «Reportagen», mit sechs bis acht Lesestücken. Ein Zufluchtsort für die Königsdisziplin des Journalismus, die im Lauf der Nullerjahre zunehmend aus klassischen Printmedien wegrationalisiert wurde. Als die erste Ausgabe 2011 in Umlauf kam, wurde das neue Magazin mit Skepsis beäugt. Inzwischen hat es nicht nur Preise, sondern auch an Boden gewonnen. Nun sollen die Geschichten vom Blatt auf die Bühne: Daniel Puntas Bernt übernimmt die Gesprächsreihe, die vor zwei Jahren als «Literaturgespräche im Schweizerhof» initiiert wurde. Er setzt sie unter dem Label «ReaLit» fort und legt den Fokus auf seine Kernkompetenz, auf wahre Geschichten.

Traumjob Reporter

Anlässe hat Puntas Bernet seit der Gründung des Magazins organisiert. Anfangs waren es Gespräche im kleinen Rahmen. Im Publikum sassen meist Journalisten, die aus erster Hand vom «Making-of» der Reportage erfahren wollten. Bald folgten Abende unter dem Titel «Reportagen Live» im Zürcher Kaufleuten. Allein diesen Frühling veranstaltet er zusätzlich zur Reihe im Schweizerhof drei Abende im Kaufleuten Zürich, einen Anlass im Landesmuseum, in Bern drei weitere beim Lesefest Aprillen. Und jüngst lud er zu einer «Reportavola» – eine Tavolata mit Erzählhäppchen zwischen den Gängen. Ein Macher.

Sein Traumjob sei der des Reporters, sagt Puntas Bernet, der unter anderem als Devisenhändler, Weinbauer und Pizzaiolo gearbeitet hat, aber auch von 2004 bis 2011 als Hintergrund- und Wirtschaftsredaktor bei der «NZZ am Sonntag». Jetzt sei er immerhin Chefredaktor von «Reportagen», aber eigentlich sei er vor allem Verkäufer. Er lacht. Zumindest jedoch verkauft er die Geschichten, denen er sich mit Leib und Seele verschrieben hat. Packend müssen diese sein. Und im Kleinen von der grossen Welt erzählen.

Wie das, führt der 52-Jährige am liebsten mit Beispielen aus seinem Fundus vor. Etwa die Reportage über einen Metallbauschlosser, der in Indien eine Maschine zur Herstellung von Monatsbinden erfunden habe. «Warum sitzt du nicht schon im Flugzeug?», habe er gleich gefragt, als er diesen Vorschlag hörte. Das ganze Weltgeschehen stecke in dieser Geschichte drin: Es gehe um neue Märkte, Unternehmertum, kulturelles Wissen und um einen Schlosser, also einen Mensch wie Du und ich. Das Wunderbare am Reporterberuf sei ja die «licence to ask», betont Puntas Bernet. Man könne überall hingehen und nachfragen. «So gesehen, bin ich egoistisch.»

Schon als Kind habe er im Fernsehen die Sendung «Aktenzeichen XY» sich anders und lieber angeschaut als den «Tatort». «Das Wissen, dass etwas wahr ist, erhöht die Bedeutung». Zwar hat er später Literatur studiert. Doch die Faszination für wahre Geschichten ist geblieben. Eine gute Reportage verbindet beides: die Faktentreue der journalistischen Recherche und die erzählerischen Mittel der Literatur – den Plot, die Dramaturgie, die Zeichnung der Charaktere, die Sprache.

Dennoch: Die Texte in seinem Magazin müssten absolut wahr sein. «Mit zehn Leuten reden, zehn Sätze sammeln und diese in einem Charakter verdichten, geht nicht.»

Digital Natives zeigen Interesse

Liegt es am findigen Marketing oder trifft er einfach einen Nerv der Zeit? Eine Umfrage unter den Lesern seines Magazins führte im vergangenen Jahr erstaunliche 40 Prozent Abonnenten unter 35 Jahren zutage. Digital Natives also, die sich offenbar einen Kontrapunkt zum Grundrauschen von News-strom und Bilderflut wünschen.

Doch auch in der Medienszene spricht man wieder häufiger von «Lesestoff» und «storytelling». Und was sagen die Verkaufszahlen? Das zu Beginn gesetzte Ziel von 15  000 Abonnenten ist mit derzeit 9 000 Abos noch nicht erreicht, das Magazin stützt sich noch immer auf Investoren. Doch Puntas Bernet rechnet mit einer schwarzen Null in diesem Jahr. Und seit dem vergangenen Sommer hat der umtriebige Netzwerker ein neues Projekt aufgegleist: ein globales Netz von Magazinen mit ähnlichem Profil. Um Reportagen auszutauschen oder gar gemeinsam aufzugleisen. «Eine Art Panama Papers en Miniature», sagt Puntas Bernet und scherzt: «Aber das dürfen Sie nicht schreiben.»