Schauspielhaus Zürich
Der Reichen seltsame Tänze

Sebastian Nübling überträgt Luis Buñuels Film «Der diskrete Charme der Bourgeoisie»!in ein Paartanztheater. Der Mehrwert zum Original bewegt sich allerdings im Minus.

Susanna Petrin
Drucken
Teilen
Und sie tanzen unermüdlich einen Bossa nova: Die reichen Menschen in «Der diskrete Charme der Bourgeoisie».

Und sie tanzen unermüdlich einen Bossa nova: Die reichen Menschen in «Der diskrete Charme der Bourgeoisie».

Toni Suter / T+T Fotografie

Sechs Menschen verbringen ein aristokratisches Leben mit gepflegtem Wenigtun. Sie laden sich zum Diner ein, unterhalten sich über die korrekte Art, einen trockenen Martini zu trinken, betrügen sich ein wenig, handeln mit Kokain, haben die Pistole griffbereit in der Suppenschüssel aus Porzellan und entrüsten sich an Partys über die Kriminalitätsstatistik anderer Länder. Ihre Privilegien nehmen sie mit grösstem Selbstverständnis hin, ihr Leben hinterfragen sie nie. Sie sind ohne Mitgefühl, ohne Gewissen, ohne Demut sowieso.

Luis Buñuel führt uns diese Gesellschaft in seinem Filmklassiker von 1972, «Der diskrete Charme der Bourgeoisie», mit viel Witz, Eleganz und Bosheit vor. Ihre Dekadenz, ihre Doppelmoral, ihre Oberflächlichkeit. Buñuel tut dies nicht als Moralist, sondern als exzellenter Beobachter. Und als Satiriker: Die süsse Sinnlosigkeit dieses bürgerlichen Daseins wird ständig getrübt, ihr liebster Zeitvertreib, das gemeinsame Essen, stets aufs Neue verhindert – aus zunehmend absurden Gründen. Wäre Christoph Marthaler ein Filmemacher, würden seine Filme wohl so daherkommen.

Unermüdlicher Bossa nova

Nun hat sich Theaterregisseur Sebastian Nübling des Stoffes angenommen. Am Donnerstag war Premiere im Schauspielhaus Zürich. Den Leerlauf der Bourgeoisie übersetzt er mithilfe der Choreografin Tabea Martin in ein stetiges Getänzel zum Rhythmus des Bossa nova. Die sechs Protagonisten sprechen ihre Sätze auf einer Showbühne (Muriel Gerstner) mit kreisenden Armen, wackelnden Hüften und winkenden Hintern. Das ist vor allem zu Beginn lustig (viel komisches Bewegungstalent zeigt Anne Ratte-Polle).

Die Handlung und die Dialoge entnehmen der Regisseur und die Dramaturgin Katja Hagedorn zu weiten Strecken dem Film. Nur steht das spröde Dienstmädchen (Susanne-Marie Wrage) für mehrere Filmcharaktere der Unterschicht und darf zudem eine moralische Mahnrede zur allmächtig gewordenen Macht des Marktes führen.

Mit der Zeit reicht die Idee des unermüdlichen Herumtanzens nicht mehr, um unser Interesse zu halten. Wer den Film schon kennt, beginnt sich nach einer halben Stunde leicht zu langweilen – wer ihn nicht kennt, etwas später. Immerhin, für die Kenner bietet Nübling einen besonders schönen Gag: Fischt der Filmbischof dem Paar, das sich zum Beischlaf in die Büsche geschlagen hatte, noch einen Grashalm aus dem Haar, so findet der Theater-Bischof (Jörg Schröder) im Haar des Mannes eine Glasträne aus den Kronleuchtern des Theaters. Die Erregten hatten sich zuvor an diesen Lüstern vorbei in einer vertikalen 69er-Nummer – Anne Ratte-Polles lange Beine ragen in die Höhe – stöhnend zum Ausgang geschlichen.

Wir sind diese Bourgeoisie

«Global betrachtet ist Westeuropa die Bourgeoisie: Wir sind extrem wohlhabend und gut abgesichert. Wir geniessen einen sehr hohen Lebensstandard und finanzieren diesen auf Kosten anderer», wird Nübling im Programmheft zitiert. Er fügt hinzu: «Wir sind alle Teil dieser Bourgeoisie.» Umso bedauerlicher ist es, dass es seiner Inszenierung nicht gelingt, uns zu treffen, wo es weh tut – wenigstens ein bisschen.

Solche Parodien auf das Bürgertum kann ein Marthaler böser, ein Herbert Fritsch überdrehter. In einer Welt, in der jede Ungerechtigkeit für alle immer transparent ist, in der wir zwangsläufig in Schuld verstrickt sind, bräuchte es neue Tricks, um uns zu erschrecken – wenigstens kurz.

www.schauspielhaus.ch

Aktuelle Nachrichten