Édouard Louis

Der politischste Literat Frankreichs

Édouard Louis: «Für gewisse Kategorien von Menschen hat die Politik einen verfrühten Tod vorgesehen.»Ed Alcock/M.Y.O.P./laif

Édouard Louis: «Für gewisse Kategorien von Menschen hat die Politik einen verfrühten Tod vorgesehen.»Ed Alcock/M.Y.O.P./laif

Im dritten autobiografischen Buch von Édouard Louis wird Politik zu einer Frage von Leben und Tod.

Michel Houellebecq habe die Provinz entdeckt, in seinem neuen Roman gebe er den abgehängten Bauern auf dem Land eine Stimme, er habe die Proteste der «gilets jaunes» vorweggenommen liest man da und dort im aktuellen Getöse um Frankreichs Enfant terrible. Doch das stimmt nicht. Wenn es einen zeitgenössischen Autor gibt, der die Probleme der französischen Provinz in seiner Literatur zum Thema macht, dann ist er es: Édouard Louis – zusammen mit seinem früheren Lehrer und heutigen Freund und Mitstreiter Didier Eribon und dessen Buch «Retour à Reims» von 2010.

Édouard Louis hatte 2014 sein autobiografisches Debüt «Das Ende von Eddy» veröffentlicht. Das Buch ist eine Milieustudie. Präzise zeichnet der Autor darin nach, wie seine Jugend ein täglicher Kampf ums Überleben war. Homosexuell und von frühester Kindheit an mit weiblichen Zügen, schlingerte er als Kind zwischen Anpassung und Abscheu – bis er seine Rettung in der Versetzung auf eine weiterführende Schule und später den Weg nach Paris fand. Heute gehört der 26-Jährige zusammen mit seinen Freunden Didier Eribon und Geoffroy de Lagasnerie zu den führenden Linksintellektuellen Frankreichs.

Sprache ist Gewalt

Schlug das Debüt von Louis vor allem wegen seines Themas ein, so war sein Zweitling literarisch eine Wucht. «Im Herzen der Gewalt» ist wiederum autobiografisch. Louis erzählt darin von einem Flirt, der in eine Vergewaltigung umschlägt. Er tut das zumeist indirekt, indem er sein traumatisches Erlebnis von anderen Leuten in deren eigenen Worten und Denkkategorien nacherzählen lässt. Eine neutrale Herkunftsbezeichnung wird dabei beispielsweise zu «maghrebinischem Typus», gleichbedeutend mit «Schurke» oder «Krimineller». So fächert Louis auf, wie in der Sprache die Gewalt des rassistischen und sozialen Ausschlusses angelegt ist.

Es ist ein ähnliches Verfahren wie jenes, das die französische Ausnahmeschriftstellerin Annie Ernaux an den Tag legt. In ihrem ebenfalls autobiografischen Buch «Erinnerung eines Mädchens» rekonstruiert die Autorin die Erfahrungswelt der 18-Jährigen, die sie selbst fünfzig Jahre zuvor gewesen war. Die Prägungen durch ihre Herkunft, ihr Umfeld, ihre Freundinnen und ihren Lesestoff hatten das Mädchen von damals in eine Katastrophe schlittern lassen. Ein Erlebnis, von dem sie in ihrer literarischen Tiefenanalyse schreibt, sie zögere noch immer, von einer Vergewaltigung zu sprechen.

Es ist das Milieu, das die Entfaltungsmöglichkeiten des Individuums bestimmt. Das ist der zentrale Gedanke des grossen französischen Soziologen Pierre Bourdieu (1930–2002), über den Édouard Louis ein Buch geschrieben hat. Es ist auch der Gedanke, der Louis’ eigenes Schreiben antreibt. «Das Studium war der einzige Weg, der mir erlauben würde, mich nicht nur räumlich von meiner Vergangenheit zu entfernen, sondern auch sozial, also vollständig», hatte er in seinem zweiten Roman von 2017 geschrieben. Genau dort setzt sein neues Buch ein.

«Wer hat meinen Vater umgebracht» ist wie ein Theaterstück aufgezogen. Die Regieanweisung beschreibt einen grossen leeren Raum, in dem Vater und Sohn mit einigen Meter Abstand zu einander stehen. Der eigentliche Text ist ein Dialog zwischen den beiden, wobei einzig der Sohn spricht, der proletarische Vater ist durch seine Lebensprägung weitgehend verstummt.

Ruf nach Revolution

Gerade mal über fünfzig ist der Vater, aber er sein Körper ist ein Wrack. Für diesen Zustand macht Louis Gesellschaft und Politik verantwortlich: «Du gehörst zu jener Kategorie von Menschen, für die die Politik einen verfrühten Tod vorgesehen hat», schreibt er im Buch. Es geht nicht nur um das Ideal der Männlichkeit, das den Vater und andere Männer dazu verleitet hatte, gegen die Schule zu rebellieren und so die Möglichkeit eines gesellschaftlichen Aufstiegs zu sabotieren. Es geht auch um feinsinnige Seiten, die der Sohn am Vater entdeckt und die dieser wegen gesellschaftlicher Erwartungen nicht ausleben konnte – gesellschaftliche Verdikte bewirkten, «dass gewisse Lebensentwürfe, gewisse Erfahrungen, gewisse Träume unerreichbar sind», schreibt er. Vor allem aber geht es um den körperlichen Zustand, für dessen Verschlechterung nach einem schweren Arbeitsunfall der Sohn eine ganze Reihe von französischen Präsidenten verantwortlich macht: die Streichung der Rückerstattung von Medikamenten unter Jacques Chirac, den Zwang zu Arbeitsintegration unter Nicolas Sarkozy, die Möglichkeit der Verpflichtung zu Überstunden unter François Hollande bis zur Senkung der Wohnungsbeihilfe um fünf Euro unter Emmanuel Macron. «Für die Herrschenden ist die Politik weitgehend eine ästhetische Frage. Für uns ist sie eine Frage von Leben und Tod», sagt der Sohn. Zuletzt lässt Louis den Vater doch noch ein Stimme finden. Dieser sagt: «Ich glaube, was es bräuchte, das ist eine ordentliche Revolution.»

Eine Revolution ist auch, was Édouard Louis anstrebt. Mit Geoffroy de Lagasnerie hat er ein politisches Manifest verfasst und eine Bewegung begründet. Gemeinsam versuchen die beiden den Protest der «gilets jaunes» für ihre politischen Ziele zu gewinnen: für den Klassenkampf und für eine neue Linke.

Édouard Louis: «Wer hat meinen Vater umgebracht», S. Fischer, 80 Seiten

Lesung: 7. 2., 20 Uhr, Kaufleuten, Zürich.

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