Keith Richards

Der Pirat der Rockmusik erzählt vom Leben und von Arschlöchern

«My Life» lautete zuerst der Titel seiner Memoiren. Dann strich Keith Richards, Gitarrist der Rolling Stones, das «mein». Er schreibt über Gift und Wahnsinn, Freunde und «Arschlöcher»

Mit Blick in dieses Gesicht muss man fragen: Ist der Jurassic-Park womöglich doch kein Märchen? Mindestens ein Dinosaurier des Rock 'n' Roll hat doch überlebt, ohne in eine agilere Spezies zu mutieren: Keith Richards, heute 66. Mit seinem Echsenleder um Mund und Nase kann der Rolling Stone an Halloween noch jeden Bürger schrecken (was nicht heisst, er trüge keine Maske). Grossmütter drohen ihren Enkeln, wenn die den Brei verweigern: «Sei brav, sonst hole ich den Richards!»

Ja - wer Keith Richards ist oder war, wissen selbst die Enkel: ein Mann, der Grosi zu ihrer Zeit in die Raserei getrieben hatte, bis sie
im Hallenstadion Konzertstühle zerschlug - die Gute-Nacht-Geschichte aus dem Schaukelstuhl der Alt-68er. Wichtiger aber: Der Lieblingspirat des Enkels, Jack Sparrow («Fluch der Karibik»), ahmt in Gestik und Wesen ganz den Stones-Gitarristen nach.

Ausdrücke, die er seinen Enkeln womöglich verbietet

Richards heute ist selber Grossvater; das Foto seiner Sippe ist das aktuellste einer Auswahl, die in seiner Autobiografie mitgeliefert wird: Opi mit Plüschflamingo im Kreis der Seinen. Einer grau, alle anderen adrett und blond. Davon lasse man sich freilich nicht täuschen: Im Buch redet Richards eine andere Sprache. Mit Ausdrücken, die er womöglich seinen Enkeln verbietet.

Richards gibt noch immer keine Ruhe, er will - wie er sagt - «gefährlich» bleiben, solange er die fünfsaitige Lebensgitarre halten kann. «It's only Rock 'n' Roll, but I like it» - dass Mick Jagger diesen Klassiker zuerst mit dem Lackaffen David Bowie eingespielt hatte, verzeiht Keith bis heute beiden nicht. Besser passte nie eine Maxime zu den Stones.

Keith Richards ist ein Überlebensmonster, ein verwüstet Unverwüstlicher. Die Ausnahme im Wahnsinn, dass Rock 'n' Roll immer jung erhalte. «The missing link» in der Kette Jim Morrison / Jimi Hendrix / Janis Joplin, weil er exakt den gleichen Weg hinabgetaumelt war, ohne ins Grab zu kippen wie sie alle. Der Lebendbeweis gegen alle derzeit grassierenden Hirtenbriefe der Gesundheitsapostel. Darüber kann er lachen. Und zwar so, schreibt einer im «Spiegel», der Richards jüngst lachen hörte, «als hätte jemand einen Betonmischer angeworfen».

Keith Richards, der Marlboro-Mann, der auch die Kehrseite aller Abenteuer abgeschmeckt hat, begleitet jeden geächteten Frostraucher vor die Tür: Man kann, zeigt sein Beispiel, trotz lebenslang zugeführtem Gift, plus Heroin plus Meskalin plus Merck-Kokain plus Amobarbital plus Tuinal plus Peyote plus Jack Daniel's plus ungeschützten Sex, man kann so alt aussehen, wie man niemals wird - und trotzdem beherzt das Pensionsalter überschreiten.

Schon als Kind schluckte er Tabletten gegen Menstruationsbeschwerden seiner Mutter. Er sei eben, erklärt er, während der deutschen Luftangriffe auf Dartford, seine Heimat, geboren worden und daher immun.

Hilfreicher war wohl, dass er selbst auf dem Sturz ins «Vollkoma» noch einen Kontrollregler einbaute. Nirgends ist er so präzis in seinen Erinnerungen - und seine Erinnerungen sind erstaunlich genau - wie dort, wo Richards wie ein Pharmazeut Vorträge über Drogen hält: «Ich achtete sehr sorgfältig darauf, wie viel ich nahm. Ich habe nie etwas eingeworfen, nur weil ich das High noch steigern wollte. Deshalb versauen es die meisten Leute.» Das klingt nicht wie eine Suchtempfehlung. Richards rät wiederholt explizit, die Hände davon zu lassen.

Das ist freilich erst die Hälfte dieses biografischen Wunders, die äussere Seite: Nach aller Selbstzerstörung, nach wochenlangen Delirien und ständigen Exzessen können Gerüst, Fleisch und Haut einen Menschen immer noch zusammenhalten.

Die andere Seite liegt innen und ist vielleicht noch verrückter: Aus Keith Richards' Kopf ist keine taube Nuss geworden. Sister Morphine und Bruder Grips - anscheinend waren das für einmal keine Gegenspieler.

Keith Richards singt Slipping away

Keith Richards singt Slipping away

Immerhin gelang es Richards, sich nach Jahren des Nebels, nach Ruhm und Konzerttempo, chaotischer Ausschweifung und Gitarrenriffs wieder einigermassen an deren Ablauf zu erinnern, überhaupt ans Leben, dieses merkwürdige Auf und Ab zwischen Bühne und Backstage, etwas, das Mick Jagger vor fünfzehn Jahren noch misslungen war, als der seine Autobiografie schreiben wollte.

Richards schaffte es, auf 736 Buchseiten, wenngleich ihm bei der Niederschrift der Schriftsteller James Fox und etliche andere Weggefährten mit ihren Erinnerungen geholfen hatten. Bei den Passagen über Richards' Affäre mit dem deutschen Kommune-1-Bunny Uschi Obermaier deckt sich alles fast hermetisch genau mit Obermaiers eigenem Lebensbericht. Auch eine Acid-befeuerte Fahrt mit John Lennon brachte der Stone alleine nicht mehr auf die Reihe (übrigens Lennon auch nicht). Sie dachten, ein Chauffeur habe sie gefahren, aber offensichtlich sass einer von beiden am Steuer.

Solche Anekdoten finden sich ohne Ende in Richards' Biografie. Der Ton wirkt lässig, streckenweise auch gewollt nachlässig, nach Erinnerungsplauderei, liest sich also süffig. Einige Passagen hätte man getrost streichen und ein paar doofe Sprüche glätten können, zum Beispiel: «Erst mal muss du das Mistding, die Gitarre, richtig kennen lernen. Man muss mit der Gitarre ins Bett gehen. Wenn gerade kein Mädchen greifbar ist, gehst du mit ihr ins Bett. Sie hat sogar die richtige Form.»

Richards liefe auch ohne Raubein-Attitüde nie Gefahr, in den nölenden Ton von Salon-Piefkes zu verfallen, eine Gattung, die der Prolo zeitle-bens verabscheute - und darum am Ende auch Mick Jagger (abgesehen davon, dass beide hinter dem Rücken des anderen jeweils die Braut des anderen vögelten und beide die Freundin von Brian Jones, des früh unglücklich zu Tode gekommenen zweiten Bandleaders, dem sie mehrfach ganz übel mitspielten und den sie buchstäblich bis aufs Blut mobbten).

Gute Typen und «Arschlöcher»

Richards teilt die Leute, mit denen er Bekanntschaft machte, deutlich ein in gute Typen und «Arschlöcher». Letztere behandelt er kalt und hart, mit höchstens geringer Vorstellungskraft, warum sie sich mies aufführten, nicht einmal dort, wo ein «Arschloch» Selbstmord begeht. Das ist irritierend, sind doch Richards' Freundesporträts mit viel Empathie gezeichnet. Nicht zuletzt das Bild von Mick Jagger, auch wenn das in den letzten Tagen anders kolportiert worden war. Jaggers nachgesagter mickriger Schwanz ist ein gängiger Scherz unter Rockern.

Immerhin las Jagger dem Vernehmen nach die Fahnen, ehe das Buch in Druck ging. Er hatte kaum was zu beanstanden. Dass er und Bill Wyman, der Bassist, flach gelegte Groupies zählten wie Buchhalter, sei eine Indiskretion, die Jagger sicherlich «gewaltig stinke», schreibt Richards. Nicht mal das war offenbar Grund zur Streichung. Oder dann ist die Freundschaft der beiden wirklich nachhaltig belastet, so dass sie selbst nicht mehr miteinander reden, wo sie sich kränken.

Wozu also soll man die 736 Seiten lesen? Kann man was lernen? Nichts Neues. Und doch eine Menge. Zunächst einmal liefert es einen wohltuend uneitlen Blick hinter die Kulissen des Rock 'n' Roll der letzten vier Jahrzehnte. Bläst jede Aura fort und lehrt, wie dumm blinde Verehrung ist, auch wo Rocksongs uns im Mark berühren, wie «Wild Horses», das wohl beste Stück der Stones.

Es ist gut, zu wissen, dass einer selbst im pompösen, nur noch leeren Rock-Getriebe keine kalte Echse werden muss, auch wenn er danach aussieht, kein Zyniker. Es tut gut, nachzulesen, wie der Zufall mitmischt an der Entstehung zeitloser Stücke, wie zerstreut Kreativität sein muss, um dennoch höchst aufmerksam auf das Auftauchen des Songs zu warten. Als Richards bei «Wild Horses» nur noch grunzte, verstand allein Jagger, was sich da entwickelte. «Das ist das Tolle am Songschreiben», sagt Richards, «es geht nicht um Intellekt.»

Worum es indes geht, kann der Mann nicht sagen: «Es macht Klick» - das bleibt unbeholfen. Wer ins Geheimnis eindringen will, soll Bob Dylans Biografie lesen, die «Chronicles».

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