Kunst
Der Meister, der Zufall und die Treue

Das Kunstmuseum Winterthur zeigt mit «Streifen und Glas» den international gefragten Gerhard Richter. Der Weltstar der Malerei hält dem kleinen Haus die Treue, weil das Schweizer Museen sich schon früh für interessiert hat.

Sabine Altorfer
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Gerhard Richter gestern in seiner Ausstellung mit dem gläsernen «Kartenhaus» (links) und einem Bild aus der Serie «Strip». Walter Bieri/KEYSTONE

Gerhard Richter gestern in seiner Ausstellung mit dem gläsernen «Kartenhaus» (links) und einem Bild aus der Serie «Strip». Walter Bieri/KEYSTONE

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Pressetermin mit Gerhard Richter. Das wird ein Gedränge geben! Doch die Befürchtung ist unbegründet. Die grosse Journalistenmeute kommt nicht nach Winterthur, das Kunstmuseum dort ist für viele offensichtlich zu fern, zu klein. Das ist eine kapitale Fehleinschätzung – und wir danken dafür. (Auch im Wissen, dass es im Mai in der Fondation Beyeler bei der nächsten Richter Ausstellung anders wird).

Zu hoffen ist, dass das Publikum nicht derselben Fehleinschätzung erliegt. Denn Winterthur ist nah. Und vor allem: Die Ausstellung ist einzigartig. Sie entstand auf Richters Wunsch, nach den Retrospektiven in aller Welt neueste Arbeiten zu zeigen. Winterthur kam zum Zug, weil Museumsdirektor Dieter Schwarz seit der Ausstellung 1999 mit Arbeiten auf Papier einen guten Draht zum grossen deutschen Maler hat.

Von Elbe bis November

Zu sehen sind drei neue Werkserien – Lackbilder, Streifenbilder und räumliche Glasarbeiten. Wem nur neuere Arbeiten zu wenig scheinen: In einer zweiten Ausstellung zeigt das Museum seine exzellente Sammlung von Arbeiten auf Papier unter dem Titel «Von Elbe bis November». Diese reicht von 1957 bis heute. Mehr davon hätte wohl nur Dresden, die Geburtsstadt des Künstlers, im Gerhard Richter Archiv zu bieten.

Die Papierarbeiten im grafischen Kabinett eignen sich bestens als Einstieg oder Ausklang. Hier erleben wir den ganzen Richter. Die Linolschnitt-Serie «Elbe» von 1957, eines der wenigen Werke aus Richters DDR-Zeit, das noch fassbar ist, zeigt bereits Richters Experimentierlust mit Transparenz und gedeckter schwarzer Fläche, mit Fliessendem, Gespiegeltem, Verwischtem und seine verschlungenen Wege zwischen Figuration und Abstraktion. Porträts mit Bleistift, abstrakte Ölmalereien, graue Vermalungen oder fliessende Aquarelle legen beredt Zeugnis ab vom vielfältigen Nebeneinander an Techniken, Stilen und Themen im Gesamtwerk des Künstlers. Dass er dem Museum im Dezember 35 Blätter schenkte, ist Ausdruck und Resultat gegenseitiger Treue.

Gerhard Richter selber ist eher still, vermeidet grosse Worte. Freundlich, geduldig, manchmal erstaunt stellte er sich den Fragen. Zwei Worte waren am häufigsten zu hören: «Lust und Spass». Nur wenn er auf seine exorbitanten Preise bei Auktionen angesprochen wird fallen negative Worte. «Ich finde das eklig und pervers. Und doch bin ich ein wenig stolz, dass Leute für meine Bilder so viel zahlen.»

Zufall in Lack

Doch gehen wir zu den Werken. Das ist im Museum ein weiter Weg. Die Treppe hoch, durch die Sammlung. . . Doch es sind ja die Umwege, die nicht nur Richters Werk leiten, sondern uns überraschende Erkenntnisse vermitteln. In den klassizistischen Räumen gehen wir durch die Malerei-Geschichte des 20. Jahrhunderts. Dann hinunter in den Anbau: Im hellen White-Cube springen uns die leuchtenden Farben von Richters Lackbildern an und gleichzeitig verhindert die Glasskulptur in der Mitte des Raumes, alle Bilder gleichzeitig und scharf wahrzunehmen.

Wild und verschlungen fliessen und strudeln die knalligen Farben der Hinterglasmalereien. Ihre bewegten Oberflächen kontrastieren zur strengen Hängung. Spannend ist ihre Entstehung: Richter giesst Lackfarben auf Plexiglastafeln, bringt sie durch Kippen zum Laufen und verstärkt ihre Bewegung, ihr Fliessen mit Spachteln und Pinseln. Hier sind Zufall und künstlerischer Willen vereint. Glasplatten werden aufgelegt, die Farben und Strukturen abgeklatscht, fixiert. Heikel? «Nein! Es macht Spass zu sehen, wie jedes kleine Krümelchen abgebildet wird», erklärt Richter. Und auch, dass die Kleinformate, die auf einen roten Fleck, auf eine Kurve zentriert sind, Ausschnitte des ganzen Farbbades seien. Um die Bewegung, die Erscheinung besser zu erfassen, wurden die Bilder später auf zwei grosse Scheibenquadrate fixiert, die zusammengestossen ein Querformat ergeben. Landschaften, Gesteinsformationen, Wellen, Seestücke könnten es sein – Themen, die uns aus Richters Malereien vertraut sind.

Denn so vielfältig – inhaltlich wie technisch – Gerhard Richters immenses Werk aus 50 Schaffensjahren auch ist, es gibt doch Leitlinien wie das Erfassen von Erscheinungen, das Malerische, die Wahrnehmung und ihre Verschiebungen. Und den Zufall.

Auf Nebenwegen zu den Streifen

Aus Zufall und auf Umwegen entstand die Serie der «Strips»: Ein abstraktes Bild wurde geteilt und gespiegelt. Das mache Spass, fand Richter und wiederholte und wiederholte, bis 4096 feine Streifen vorlagen. Diese vertikalen Strips wurden wieder gespiegelt, bis die Erscheinung als horizontale Streifen vorlag. Welche Strips wie zu einem digitalen Print kombiniert werden, bestimmen der Zufall und der Künstler. Streng und doch kaum fassbar präsentieren sich die bis zu zehn Meter langen Streifenbilder.

Welt aus Glas

Mit den Glasscheiben im Raum führt uns der Künstler vor Augen, dass transparent nicht unsichtbar heisst. Durch die «12 Scheiben» in einer Reihe können wir das andere Ende des Saals nur noch im milchigen Nebel und in der von Richter geliebten Unschärfe wahrnehmen. Und beim «Kartenhaus» aus sieben schräg gestellten Scheiben, das just zur Ausstellung fertig wurde, werden nicht nur die Streifenbilder ringsum und die Besucher vervielfacht, halbiert, überblendet, sondern spiegelt sich sanft auch die Aussicht aus dem Fenster auf Winterthur. Kunst und Welt, Sicheres und Prekäres, Spiel und Ernst treffen zusammen. Das macht, um Gerhard Richters Worte zu benutzen: Lust und Spass.

Gerhard Richter Streifen und Glas. Kunstmuseum Winterthur, bis 21. April.