Die Mikrofone sind einsatzbereit, das Studiolicht an, erwartungsvoll beäugt das Publikum das Podest mit den vier Kritikern. In wenigen Sekunden wird der erste «Literaturclub» nach dem abrupten Abgang von Moderator Stefan Zweifel über die Bühne gehen. Wird es Entschuldigungen geben? Gar eine offizielle Richtigstellung nach dem falschen Zitat der Kritikerin Elke Heidenreich? Die Spannung steigt.

Plötzlich geht ein Rumoren durch die Reihen der Mitarbeiter: Die Worte «Heidenreich ... korrigieren ...», dringen einem ans Ohr. Eine Richtigstellung? Schon rückt ein Mitarbeiter der Maske Heidenreichs zerzaustem Haar mit Kamm und Haarspray zu Leibe. Richtigstellungen hinsichtlich des Auftretens von Elke Heidenreich gibt es an diesem Abend also lediglich von frisurtechnischer Seite.

Obwohl: Die Kritikerin selbst hat offenbar das Bedürfnis, sich zu den Vorfällen zu äussern. «Die Heidenreich kann nicht zitieren, und unschöne Haare hat sie auch noch», kommentiert sie die Verschönerungsaktion.

Keine offizielle Richtigstellung

Es war an diesem Abend nicht der einzige Hinweis auf den Eklat, der sich am falsch zitierten Philosophen Heidegger und einer anschliessenden Überreaktion der Konfliktparteien entzündete. Auch Gastmoderator Rainer Moritz versicherte anfänglich, sämtliche Zitate seien mehrfach geprüft und man werde sich diesmal nicht im Bücherweitwurf üben (Heidenreich hatte in der April-Sendung ihr Buch wütend auf den Tisch geworfen). Doch das wars auch schon.

Denn offiziell stand der Kurs des SRF von der ersten aufgezeichneten Sekunde an auf – Tagesgeschäft. Zu den Vorfällen der letzten Wochen sollten keine Kommentare abgegeben werden. Wie viel davon ist eine Frage der Haltung, wie viel common sense à la SRF?

Man könnte zu bedenken geben, dass in der Politsendung «Arena» die Parteien sich weit schärfere Munition und weit unschärfere Wahrheiten um die Ohren knallen, ohne dass das SRF jedes Mal zu einer Richtigstellung ansetzt.

Wenn mit Rainer Moritz ein deutscher Gastmoderator in die Bresche – oder viel mehr in die «zweifelhafte» Lücke – sprang, war das trotzdem symptomatisch. Der neutrale Aussenstehende von weit weg sollte die hitzigen Gemüter mit Sachlichkeit kühlen, sollte Verstrickungen mit Distanz entgegentreten, sprich: Dem Gras dabei helfen, über die Sache zu wachsen.

In dieser Rolle brillierte der gebürtige Heilbronner auch tatsächlich. Zudem gab er auf die viel diskutierte Frage, ob sich im «Literaturclub» der Moderator zugleich als Kritiker in die Runde einbringen soll, indirekt Antwort, wenn er sich ganz dem wohlwollenden Moderieren widmete. Gelassen hielt er die Gesprächsfäden in der Hand, liess dem Kritikertrio (mit Rüdiger Safranski, Elke Heidenreich und Hildegard Elisabeth Keller) Raum, griff Ansätze auf, strich Gedanken heraus oder legte mit Einwürfen zu den jeweiligen Ausgaben oder zur Rezeptions-Geschichte neue Fährten.

Club der alternden Kritiker

Dass er 1958 geboren ist und sich von Hildegard Keller als «alter Knabe» necken lassen musste, brachte zur Sprache, was ohnehin nicht zu übersehen war: In der gestrigen Konstellation war der «Literaturclub» zwar kein Club der toten Dichter, dafür ein Club der alternden Kritiker: Das Durchschnittsalter lag bei 63 Jahren. Nicht, dass sich das Publikum an ergrauten Haaren gestört hätte! Doch ein wenig angegraut – von edlem Grauschimmer bis hin zu dunkelgrauem Traditionalismus – waren zuweilen auch die Leser-Perspektiven. Etwa, wenn im Gespräch über Chimamanda Ngozi Adichies «Americanah» von Afrika als «dunklem Kontinent» gesprochen wurde und sogar der Ausdruck «Menschenfresser» fiel, oder sich in der Diskussion um Georgi Gospodinovs «Physik der Schwermut» zeigte, dass die Postmoderne noch nicht ganz bei allen angekommen ist.

Weniger als die kritische Brillanz Stefan Zweifels (die wurde durch jene von Safranski aufgewogen) fehlte der jungenhafte Aspekt, den der bisherige Moderator in die Runde gebracht hatte. Deshalb war man alterstechnisch gesehen erleichtert, als SRF-Literatur-Leiterin Esther Schneider im Anschluss an die Sendung erklärte, die Konstellation sei provisorisch, und Rainer Moritz’ Gastmoderation kein Testlauf für eine Festanstellung.

Das SRF werde während der Sommerpause nach einer geeigneten Person für die Moderationsstelle suchen. Und nein, man wisse noch keine konkreten Namen. Was hingegen feststehe, sei, dass der «Literaturclub» nach dem Eklat nicht umgepflügt und umstrukturiert werden wird. Doch je nachdem, wer die Moderationsstelle neu besetzen wird, könne das Auswirkungen auf die Kritikerrunde haben. «Es ist noch alles offen», so Schneider.

Offen gab man sich auch im Kritiker-Quartett. Nach anfänglich waltender Übervorsicht – hinter jedem Zitat konnte schliesslich das Verderben lauern – kamen die Damen und Herren Kritiker sichtlich in Fahrt. Zwar legten sie ihrem Alter gemäss keinen verbalen Samba aufs Parkett des Papiersaals. Doch zu einem beschwingten Walzer mit einigen Drehs und Kniffen reichte es allemal.