Ferdinand Gehr (1896–1996) hat viel darangesetzt, die biblische Erzählung mit der Moderne zu vermählen. Sein Wunsch, den Geheimnissen des Glaubens in der Malerei gerecht zu werden, war gross. Und stiess, gerade in der Kirche, nicht nur auf Gegenliebe. Kreuzwegbilder sollten es sein an den Wänden wie seit je, und in den Chor gehöre «ein schönes Kreuz, dazu gebühren der Muttergottes und dem hl. Bruder Klaus ein Ehrenplatz».

Der Bilderstreit, den die Ausmalung der Kirche Bruderklaus im innerschweizerischen Oberwil entfachte, mag heute erstaunen, ebenso die bischöfliche Weigerung, 1954 die Antoniuskirche in Wettingen mit ihrer abstrakten Ausmalung des Chorraums einzuweihen. Der innerkirchliche und mediale Aufschrei war ein Symptom der Sorge: dass eine neue Bildsprache dem Sakralraum jenen Respekt rauben könnte, der die Gemeinde als Hüterin der Tradition zusammenhielt.

Dabei war dem Künstler nichts so fern wie die Aufruhr an genau jenem Ort, der ihm selber heilig war. Sein Schaffen war darauf ausgerichtet, so nahe wie möglich «an eine Aufhellung des Seelischen» heranzukommen, auch und vor allem im Dienst an den Kirchgängerinnen und Kirchgängern.

Späte Kanonisierung

Ferdinand Gehrs Anerkennung als Erfinder einer modernen sakralen Malerei kommt spät. Fast sieht es aus, als hätte ihn seine Arbeit am religiösen oder, wie er selber formulierte, am «bekennenden» Bild mit dem Verdacht belegt, dass er gar nicht zeitgemäss sein könne. Die katholische Kirche war ungeeignet, sein Schaffen in den kunstwissenschaftlichen Kanon des 20. Jahrhunderts aufzunehmen.

Wurden seine vereinfachten Gesten von Kirchgemeinden als kindisch verteufelt, herrschte in der Fachwelt, die anderswo sowohl die Anlehnung an primitive Bilder wie die Abstraktion zu feiern bereit war, Skepsis gegenüber der religiösen Aura. Ferdinand Gehr fand Verbündete unter den Architekten des modernen Bauens und Fürsprecher auch in der Kunstwissenschaft; der Naivitätsverdacht gegenüber dem einstigen Stickereizeichner, die Befangenheit gegenüber seiner Kirchenkunst blieb.

Dabei wehrte und wehrt sich Ferdinand Gehrs Malerei bis heute: dagegen, dass die Moderne den religiösen Raum aufgibt. Dass das Vertrauen in christliche Werte zu einer nüchternen Religionskunde erodiert und die Malerei in den Kirchen erschlafft. Seinem Monumentalstil sind Begriffe wie «Gnade», «Hoffnung», «Gemeinschaft» nahe.

Geschult an der Romanik und an der italienischen Vorrenaissance eines Giotto, leben seine Figuren in der Vereinzelung: Wo sie Schulter an Schulter zu einem Chor aufschliessen, sind sie auf den Raum orientiert. Nicht im Gespräch gehen die Frauen und Männer Verbindungen ein, sondern weil sie gemeinsam bezogen sind auf das, was sich in der Liturgie ereignet.

Das Paradies erfinden

In Olten kann man, Jahrzehnte danach, dem Künstler beim Entwerfen zusehen: Bilder, die über den Kunsthandel in Privatbesitz gelangten, sind ausgelegt neben Studien und Entwürfen für seine öffentlichen Aufträge. Locker skizzierend, versammelt der Maler die Heiligen um Gottes Thron. Sein gewässerter Strich testet die entspannte Aufrichtigkeit der menschlichen Figur.

Auf Fernsicht angelegt, gibt er dem Fresko der heiligen Agnes ein blaues Gesicht, einen schwarzen Nimbus und ein rotes Kreuz auf gelbem Grund. Beharrlich entwirft der junge, der reife, der alternde Maler sein Paradies: Mädchen tanzen wie Blumen im Gras, Mensch, Natur, Kultur existieren friedlich nebeneinander und bilden Muster aus, die sich im Kleinen wie im Grossen behaupten.

Gehr hat den Himmel wörtlich genommen und Kirchendecken mit Gestirnen versehen. In der Taufkapelle von St. Martin in St. Gallen-Bruggen, realisiert 1936, schweben Kinder im Schutz von körperlosen Engeln durchs Universum. Das ist keine zaghafte Deutung theologischer Vorgaben. Das ist ein freies Spiel mit den Möglichkeiten figurativer Kunst an einem Ort, der die Grenzen des Darstellbaren anerkennt.

In die Begleitpublikation ist viel Recherche eingeflossen: Es ist ein Bilderbuch, das in grosszügigen Raumaufnahmen Ferdinand Gehrs Wirken dokumentiert. Und ein Angebot, den «Sonderfall Gehr» entlang biografischer Anhaltspunkte sowie kunst- und architekturwissenschaftlicher Analysen vertiefter kennen zu lernen.

Weil seine Kunst im Buch so konsequent auf Räume bezogen bleibt, glückt eine Anerkennung, die er zu Lebzeiten nur teilweise gefunden hatte – zunächst bei denen, die auf die sinnstiftende Verbindung zwischen der nachmittelalterlichen Architektur und neuer Malerei vertrauten.

Ferdinand Gehr – Bauen an der Kunst Kunstmuseum Olten, bis 26. Februar. Publikation: Ferdinand Gehr – Die Öffentlichen Aufträge | Scheidegger & Spiess 2016, 224 S., Fr. 49.–.