Am Ende steht man applaudierend an seinem Platz, hat schon ein paarmal die Rührung heruntergeschluckt und denkt darüber nach, seiner Katze zu Hause noch etwas mehr Respekt und Zuneigung entgegenzubringen. Einen solchen Gefühlsmix verursacht «Cats», das weltberühmte Musical von Andrew Lloyd Webber, das am Mittwochabend auf der Thuner Seebühne seine Premiere feierte.

Zwar ist die Rahmenhandlung ja nicht gerade gewaltig, doch die Musik, die ist es. Und was Kim Duddy, die Regisseurin und Choreografin, hier mit ihrer fast 50-köpfigen Show-Truppe auf die Bühne zaubert, hält einem Vergleich mit Broadway-Inszenierungen stand.

Klar eigentlich, dass die Amerikanerin mit dieser Inszenierung ein Meisterstück abliefert, begleitet «Cats» sie doch bereits seit 1986, als sie selbst für dieses Musical in New York vorsprach. Duddy inszenierte «Cats»-Produktionen in Europa und dieses Jahr vor der Natur-Kulisse der Thuner Seespiele. Interessant ist, wie und wo die Regisseurin dieses «Cats» verortet.

Ein vergammelter Rummelplatz

Das Ganze spielt auf einem heruntergekommenen Rummelplatz, nach der Apokalypse. Die Menschheit ist ausgestorben, die Katzen sind – mit ihren sieben Leben – noch da und haben das Gelände übernommen. Sie bewegen sich in einer Welt irgendwo zwischen «Mad Max» und «Planet der Affen». In dieser Endzeitstimmung verströmen aber die Vierbeiner eine gewaltige Menge an Energie und Lebenslust.

Der Katzenclan der Jellicle trifft sich auf dem heruntergekommenen Rummel und so langsam machen sich alle bereit für den alljährlich stattfindenden grossen Jellicle Ball. Vorher lernt man die verschiedenen Katzen und ihre Charaktere kennen: den alten Anführer Deuteronimus, die verfressene Jenny Fleckenreich, den Frauenheld Rum Tum Tugger, den Bösewicht Macavity, die wilden Mungojerrie und Rumpelteazer und natürlich die alte Glamourkatze Grizabella, die vom Clan ausgestossen wurde und nun zu ihren Leuten zurückkehren möchte. Jede dieser Katzen und noch einige mehr stellen sich mit ihrem eigenen, charakteristischen Lied vor und all diese Solos werden von der ganzen Schar sängerisch und tänzerisch begleitet.

Die Choreografie ist perfekt

Eine Riesenarbeit an Choreografie wurde hier geleistet, denn die grossen Schritte und kleinsten Gesten sitzen perfekt. Alle Tanzszenen – insbesondere die grosse Ballszene – sind mitreissend, schwungvoll, manchmal sexy und finden auf höchstem Level statt. Wo es gerade eben noch eine rasante Aktion gab, ist in der anderen Ecke gleich die Nächste mitzuverfolgen. Da wird gesprungen und gehüpft, herumgetollt oder lasziv geschmeichelt und geschlichen.

Und als Zugaben gibt eine eigentliche Artistik von Mr. Mistoffelees (Dmytro Karpenko), Tumbelbrutus (dem ehemaligen Kunstturner Lucas Fischer) und der jungen weissen Katze Victoria (Christina Zauner). Der Chorgesang steht in Thun wiederum unter der Leitung von Ben Vatter und ist gewohnt präzise und kraftvoll.

Sucht man nach Fehlern, könnte beim einen oder anderen Sologesang die Artikulation etwas deutlicher sein. Wer natürlich besonders erwähnt werden will, ist Kerstin Ibald, welche die eigentliche Hauptrolle des Stückes, die Grizabella, singt. Ihren Ohrwurm «Mondlicht» interpretiert sie so, wie man sich diesen Hit wünscht. Kraftvoll und doch zerbrechlich, mit einem Anflug von Verzweiflung, herzzerreissend, aber ohne Kitsch. Das geht unter die Haut.

Die Musik von Andrew Lloyd Webber kommt voll zur Geltung. Wie seit längerer Zeit sitzt und steht Iwan Wassilevski dem Orchester vor und führt dieses mit routinierter Sicherheit und in richtigem Tempo. Das Bühnenbild von Walter Vogelweider, die Kostüme von Monika Buttinger sowie das Maskenbild von Ronald Fahm machen diese Produktion unvergessen. Bei «Cats» war mein Blick seltener auf die Bergkulisse gerichtet als auch schon.

Weitere Aufführungen bis 24. 8. Versch. Daten. Infos: www.thunerseespiele.ch