Fall Gurlitt

Der Kampf ums Gurlitt-Erbe eskaliert: War der alte Mann unzurechnungsfähig?

Der medienscheue Cornelius Gurlitt verlässt seine Wohnung in München im November 2013.

Der medienscheue Cornelius Gurlitt verlässt seine Wohnung in München im November 2013.

Gilt das Testament von Cornelius Gurlitt zugunsten des Kunstmuseums Bern überhaupt – oder war Gurlitt unzurechnungsfähig? Klagen die uneinigen Nachkommen den letzten Willen an? Und was heisst das für Bern?

Der Countdown läuft. Die Spannung steigt – und nun ist passiert, womit niemand mehr gerechnet hat: Der Kampf um das Gurlitt-Erbe ist entbrannt. Familienangehörige, allen voran die Cousine Uta Werner (86), wollen das Testament von Cornelius Gurlitt anfechten – vielleicht.

Uta Werner und ihr Anwalt Wolfgang Seybold zweifeln daran, dass Cornelius Gurlitt noch zurechnungsfähig war, als er Anfang 2014 sein Testament verfasste. Sie gaben deshalb ein Gutachten in Auftrag. Gurlitt habe an «paranoiden Wahnideen» gelitten, heisst es in der Zusammenfassung, die der «Nordwestschweiz» vom Anwalt zugestellt wurde. Gurlitts «Freiheit der Willensbildung» sei aufgehoben gewesen, schreibt der Psychiater und Jurist Helmut Hausner. Er diagnostiziert eine «leichtgradige Demenz, eine Schizoide Persönlichkeitsstörung und eine Wahnhafte Störung».

Diese Ferndiagnose stösst nicht überall auf Zustimmung. Die «Welt» zitiert Gurlitts ehemaligen Anwalt Hannes Hartung. «Hier soll Cornelius Gurlitt posthum ins Irrenhaus gesteckt werden. Abgesehen davon, dass ein solches Gutachten juristisch nicht tragfähig werden dürfte, halte ich es für unwürdig und respektlos gegenüber dem Verstorbenen.»

Über das Gutachten wird ein Gericht erst urteilen, wenn Klage eingereicht ist. Das ist noch nicht geschehen, wie das Anwaltsbüro Seybold der «Nordwestschweiz» gestern bestätigte.

Die Familie ist gespalten

Die Familie ist sich nicht einig, wie gestern bekannt wurde: Dietrich Gurlitt (95), Uta Werners Bruder, schrieb an Museumsdirektor Matthias Frehner: «Mit den Versuchen einiger Verwandter, den Geisteszustand von Cornelius anzuzweifeln, habe ich nichts zu tun.» Und weiter: «Wie bereits im Mai erklärt, hoffe ich, Sie geben eine positive Entscheidung bezüglich des Cornelius-Gurlitt-Erbes bekannt.» Das Kunstmuseum Bern bestätigte den Empfang des Mails. Kommentieren wollte es Frehner aber nicht.

Das Kunstmuseum Bern, von Gurlitt als Alleinerbe eingesetzt, muss bis Anfang Dezember entscheiden. Sollte es die Erbschaft ausschlagen, ginge sie an Dietrich Gurlitt und seine Schwester Uta Werner. Der Entscheid des Stiftungsrates falle am 26. November, wurde versprochen. Und was sagt er zu einer allfälligen Testamentsanfechtung? «Wir haben die ‹Neuigkeiten› zur Kenntnis genommen und werden sie selbstverständlich in unsere Überlegungen einbeziehen, sie aber nicht kommentieren», lässt Christoph Schäublin, Präsident des Stiftungsrates, ausrichten.

Das sei unnötige, undemokratische Geheimniskrämerei, werfen Kritiker, etwa in der «NZZ», dem Museum vor. Schliesslich sei das Kunstmuseum Bern ein öffentliches Museum und die Öffentlichkeit werde mitzahlen. Ein Leser der «Berner Zeitung» meinte gar: «Warum sollen wir für nicht helvetische Kunst Geld ausgeben?» Immerhin: Kanton, Stadt und Gönnervereine des Museums sind im 13-köpfigen Stiftungsrat vertreten.

Kritik an Bern

Vieles, was in den letzten Wochen und Monaten kritisiert wurde, ist bei nüchterner Betrachtung nachvollziehbar. Etwa dass die Entscheidung Zeit braucht. Es gilt, eine Sammlung von 1600 Bildern erst mal zu sichten. Ist sie so wertvoll und für ein Museum so interessant, wie gerne gesagt wird? Wer erforscht die Herkunft der Bilder? 492 Werke sind als mögliche Raubkunst im Lost-Art-Portal platziert.

Das Museum bekommt auch Ratschläge: Es soll die Provenienzforschung der Gurlitt-Sammlung übernehmen und Raubkunst grosszügig zurückgeben. So könne sich die Schweiz Lorbeeren und Reputation holen. Andere Experten sehen es genau umgekehrt: Hände weg! Da kann man sich nur die Finger verbrennen.

Was die Sache schwierig macht: Es geht nicht nur um juristische, sondern eben auch um moralische Standpunkte. Hinter dem Wort Raubkunst verbergen sich Verbrechen, Ungerechtigkeit, Unmenschlichkeit. Daran erinnert die Begründung von Uta Werner, warum sie sich überhaupt eine Klage überlege. Die Reaktionen nach der Bekanntgabe des Testaments hätten sie verletzt. Dass Kulturstaatsministerin Monika Grütters und Gurlitt-Task-Force-Leiterin Ingeborg Berggreen-Merkel und Politiker vom «Glücksfall Bern» sprachen, heisse für sie, die Familie könne mit dem Erbe nicht verantwortungsvoll umgehen. Dabei habe doch gerade ihre Familie unter den Repressalien der Nazis gelitten, da ihre Mutter (die Schwägerin von Kunsthändler Hildebrand Gurlitt) Jüdin war.

Kritik an der Schweiz

Eigentlich sei schon alles entschieden, konnte man kürzlich in der «Welt» lesen. Es sei ein «Kuhhandel». Das Berner Museum erhalte nur die Werke, die einwandfrei seien und «die Deutschen erledigen – merci vielmal! – die kostspielige Provenienzforschung».

Dann moniert die «Welt» weiter, Anlass zur Selbstkritik sehe man in der Schweiz nicht. «Obwohl die Übernahme der Gurlitt-Sammlung ein guter Anlass wäre, sich der eigenen Vergangenheit zu stellen, schliesslich war die Schweiz seit dem Ende der Dreissigerjahre Umschlagplatz für die ‹entartete Kunst›, die aus deutschen Museen verbannt und von den Nazis konfisziert wurde.» Und die «FAZ» zitiert – genüsslich scheint es – Uta Werners Anwalt Wolfgang Seybold mit dem kernigen Satz: «Warum will die Bundesregierung die Bilder unbedingt wie kontaminierten Atommüll in der Schweiz lagern?»

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1