Von Daniel Ballmer und Bojan Stula

Ruedi Staechelin, Sie besitzen als einer der wenigen Menschen auf der Welt mehrere Gemälde von Vincent van Gogh. Wie fühlt man sich dabei?

Ruedi Staechelin: Dieser Besitz ist in diesem Fall etwas Abstraktes. Die Van Goghs hängen im Kunstmuseum Basel als öffentliche Leihgaben. Faktisch gehört deshalb «Le jardin de Daubigny» mir nicht viel mehr als Ihnen. Das ist auch richtig so. Wichtige Kunstwerke sollen der Öffentlichkeit zugänglich sein. Auch rein rechtlich gehört das Bild nicht mir, sondern einem Trust nach New Yorker Recht, als Nachfolger der Familienstiftung meines Grossvaters Rudolf Staechelin.

Bestand bei Ihnen nie der Wunsch, Ihre Van Goghs bei sich zuhause im privaten Rahmen aufzuhängen?

Staechelin: In diesem Fall müsste sich mein ganzes Leben um van Gogh drehen, und das widerstrebt mir. Ich müsste mein Haus mit Alarmanlagen aufrüsten und könnte nie mehr die Gartentüre offen lassen, um was einkaufen zu gehen. Sowas will ich nicht. «Le jardin de Daubigny» kam kurz nach dem Tod meines Grossvaters 1946 als Depositum ins Basler Kunstmuseum. Schon als Kind habe ich das Bild im Museum betrachtet. Ich kenne es nicht anders.

Wie steht es mit finanziellen Verlockungen? Seit 1987 haben Van Goghs bei Versteigerungen bis zu 85 Millionen US-Dollar eingebracht. Wollten Sie nie einen verkaufen, um gross abzukassieren?

Staechelin: Nein, ich wüsste schlicht nicht, was ich als Privatmann mit 40 oder 50 Millionen anfangen sollte. Ich halte meinen jetzigen Lebensstandard für angemessen. Ich spiele gerne Schach und fahre Motorrad, habe aber keine extravaganten, kostspieligen Leidenschaften. Die reinen Geldwerte meiner Bilder sind nur Theorie, solange sie nicht verkauft werden. Deshalb interessieren sie mich weniger.

Sie könnten einen Van Gogh verkaufen, um damit die Kunstsammlung Ihres Grossvaters zu erweitern.

Staechelin: Wir haben in den 1980er-Jahren im Stiftungsrat der Staechelin'schen Familienstiftung diese Möglichkeit diskutiert. Doch zuletzt haben wir uns dagegen ausgesprochen. Ich habe mir zum Ziel gesetzt, die Sammlung meines Grossvaters so weit wie möglich zusammenzuhalten, selbst wenn leider schon Bilder aus wirtschaftlichen Gründen verkauft werden mussten. Ich bin mir keineswegs sicher, dass es mir gelänge, ebenso erfolgreich Kunst einzukaufen, wie dies mein Grossvater getan hat. Zudem fühle ich mich, was die Malerei angeht, viel eher in van Goghs Epoche zuhause, also im Impressionismus und Postimpressionismus, als in der Gegenwartskunst.

Laut Kunstmuseumsdirektor Bernhard Mendes Bürgi wäre es ohne Ihren «Jardin de Daubigny» nie zur Basler Van-Gogh-Ausstellung gekommen. Macht Sie das stolz?

Staechelin: Ja, ich empfinde einen gewissen Stolz, ohne dabei überheblich zu werden. Ich bin mir bewusst, dass die Kunstsammlung Staechelin nicht meine Leistung, sondern diejenige meines Grossvaters Rudolf war. Ich hatte einfach das Privileg, als Enkel hineingeboren zu werden.

Kurz vor dem Ausstellungsbeginn hat Weltwoche-Journalist Hanspeter Born für Aufregung gesorgt. In seinem neuen Buch stellt er die These auf, dass Ihr «Le jardin de Daubigny» gefälscht ist.

Staechelin: Mich ärgert die billige Art der Trittbrettfahrerei. Wenn Herr Born sein Buch zielgerichtet zur Ausstellungseröffnung in Basel publiziert, missbraucht er sämtliche Anstrengungen des Kunstmuseums. Er erzeugt eine Atmosphäre des Misstrauens, die man rund um die Ausstellung nicht haben will. Zudem werden alle Experten als Trottel dargestellt. Das ist fies.

Können Sie für die Echtheit garantieren?

Staechelin: Es gibt van Gogh betreffend zwei weltweit anerkannte Autoritäten. Das sind die Experten des Amsterdamer Van-Gogh-Museums einerseits, der deutsche Kunsthistoriker Roland Dorn und Professor Walter Feilchenfeldt andererseits. Beide Instanzen kommen zum Schluss, dass unser «Jardin» ebenso echt ist wie das Bild des Hiroshima Museum of Art. Die Herkunft beider Bilder kann bereits nachgewiesen werden, bevor sie in den Besitz Emile Schuffeneckers kamen, der von Born - ohne jeden Beleg - als grosser Fälscher dargestellt wird. Ich vertraue dem Urteil der Experten. Ich selber bin keiner. Die Qualität des Werks aber spricht für sich. Ich bin - als zugegebenermassen keinewegs neutraler Beobachter - von der Echtheit fest überzeugt.

Wurden Sie von Herrn Born im Zuge seiner Recherchen kontaktiert?

Staechelin: Nein, nie. Es wäre ein Akt der Kinderstube gewesen, vor der Veröffentlichung eines solchen Buches mit dem Besitzer des betreffenden Bildes zu sprechen.

Werden Sie Borns Buch lesen?

Staechelin: Ich habe es bestellt.

Angenommen, der «Jardin» würde sich eines Tages tatsächlich als Fälschung herausstellen. Wie würden Sie reagieren?

Staechelin: Nochmals, ich masse mir nicht an, über die Echtheit des Bildes zu urteilen. Falls die Experten ein Bild nicht anerkennen würden, müsste ich dies akzeptieren. In jeder grossen Sammlung kommt eine Fälschung oder falsche Zuschreibung vor, so auch in der Sammlung meines Grossvaters. Ein Werk Daumiers, in den 50er- und 60er-Jahren noch im Kunstmuseum ausgestellt, ist still und leise verschwunden.

Verletzt Sie Borns Vorwurf persönlich?

Staechelin: Ich denke, dass ich persönlich mit dieser Geschichte ziemlich gelassen umgehen kann. Es wäre mir wesentlich unwohler, jetzt in der Haut von Herrn Born zu stecken, nachdem sein Buch so viele vernichtende Rezensionen erhalten hat. Es ist im Übrigen nicht das erste Mal, dass der «Jardin» infrage gestellt wird. Das geht schon auf die 1930er-Jahre zurück. Da in van Goghs Tagebüchern nur von einer Fassung die Rede ist, leitete man daraus ab, dass eine der beiden existierenden Versionen gefälscht sein muss. Doch dieser Streit mit den Besitzern der anderen Jardin-Fassung hat sich längst gelegt. Wir kooperieren sehr freundschaftlich mit dem Hiroshima Museum of Art, wo der andere «Jardin de Daubigny» hängt. 1986 in New York und 1990 in Amsterdam hingen beide Versionen in Ausstellungen nebeneinander. Gerade weil die Werke früher umstritten waren, wurden sie besonders genau geprüft.

Was für ein Bild haben Sie sich persönlich von der historischen Figur Vincent van Goghs gemacht?

Staechelin: Ich bin kein Van-Gogh-Experte, deshalb ist meine Meinung zu seiner Biographie irrelevant. Gewisse Dinge wird man ohnehin nie erfahren. Allgemein gilt heute, dass van Gogh nicht wahnsinnig war, aber immer wieder depressive Phasen durchlebte. Es ist offensichtlich, dass van Gogh ein schwieriges Leben hatte. Wenn man sich umbringt, hatte man Probleme, mit denen man nicht fertig wurde.

Welche wahre Bedeutung kommt Ihrer Meinung nach seinem Schaffen zu?

Staechelin: Die echte Bedeutung eines Malers lässt sich immer auch daraus erschliessen, wie stark dieser die nächste Malergeneration beeinflusst hat. Und hierbei hat van Gogh enorme Weichen gestellt. Die drei Wegbereiter der Moderne - van Gogh, Gauguin und Cézanne - haben jeder für sich neue Welten in der Malerei eröffnet.

Nicht einmal Picasso sorgt immer noch derart regelmässig für Schlagzeilen wie van Gogh. Können Sie sich diesen seit Jahrzehnten anhaltenden «Medienhype» erklären?

Staechelin: Dieser nimmt in der Tat immer wieder irrationale Züge an. Tatsache ist aber auch, dass van Goghs Kunst einfach gut ist und daher breite Kreise anspricht. Er ist ein Künstler, zu dem man auf jedem intellektuellen Niveau einen Zugang finden kann - egal, ob jung oder alt. Die Werke der Kubisten dagegen sind für den Mann von der Strasse vielleicht weniger verständlich und ansprechend.

Woher diese Wirkung?

Staechelin: Van Goghs Bilder wirken direkt aufs Gefühl und aufs Herz. Sie müssen nicht erst intellektuell aufgeschlüsselt werden wie etwa bei Mondrian. Deshalb spricht er auch Kinder an. Sein Farbauftrag ist so dick, dass es fast schon dreidimensionale Kunstwerke sind.

Sie selber gehören ja beinahe zum Inventar des Kunstmuseums. Werden Sie sich die Ausstellung trotzdem ansehen? Gibt es ein Bild, auf das Sie sich besonders freuen oder für sich entdecken wollen?

Staechelin: Ich werde die Ausstellung bestimmt mehrmals besuchen, wobei ich noch gar nicht weiss, welche Bilder hier hängen. Wahrscheinlich habe ich viele schon gesehen, da ich viele Ausstellungen, an die der «Jardin» ausgeliehen wurde, besucht habe. Andererseits sind auch Werke in Basel, die noch nie zusammen zu sehen waren. Ich freue mich enorm und gratuliere dem ganzen Kunstmuseum.