Theater Basel

Der Frieden ist faul geworden

Schorsch Kamerun zeigt am Theater Basel seine begehbare Installation «Spuren der Verirrten».

Es ist alles bereit für eine Party im Foyer des Theater Basel. Zumindest signalisieren das die weissen Zelte, die dort stehen. Das Publikum wartet auf Einlass, bestückt mit Kopfhörern. Die Band oben auf dem Balkon sendet schon erste Klänge und Wortfetzen. Auf dem Videoscreen ist die Tramhaltestelle an der Theaterstrasse zu sehen.

«Meine Name ist Thomas Sehl. Ich bin vom Abenddienst.» Schorsch Kamerun stellt sich mit bürgerlichem Namen vor und lädt uns in seine Installation. Auf Einladung des Theater Basel hat er sich Peter Handkes Theatertext «Spuren der Verirrten» vorgenommen.

Der deutsche Autor lässt darin seine Figuren einzeln oder paarweise auf einem Platz auf- und abtreten. Oder eben umherirren. Sie suchen nach einer Sprache für ihre Situation. Ihre Dialoge sind kleine, absurde Miniaturen, die immer wieder ins Leere laufen.

Kamerun hat aus Handkes präzis durchkomponierter Collage Texte extrahiert und diese neu zusammengesetzt. Gesprochen werden sie von zwei Paaren, Mitgliedern des Basler Ensembles. Gesungen von Kamerun selbst. Er spielt in diesem Kosmos den Spielmacher, Regisseur und den Sänger. Eine Rolle, die er auch in seiner berühmten Hamburger Post-Punk-Band Goldene Zitronen ausfüllt.

Sein Sprechgesang kündet vom Frieden, der faul geworden ist, weil er nicht mehr geübt wird. Von den alten Grenzen, die wieder hochgezogen werden. Davon, dass er immer wegwill von uns, und dass ebendies sein Leben viel zu schnell macht.

Kamerun komprimiert Handkes Texte zu repetitiven Textschlaufen, die im Verbund mit dem minimalistischen Sound eine melancholische Sogwirkung entfalten. Die Bedeutung der Worte löst sich in Atmosphäre auf, und um diese geht es ihm wohl auch.

Rätselhaftigkeit als Programm

Das Verirrtsein ist an diesem Abend Programm. Mit der Collage aus Texten und Songs im Ohr ist das Publikum aufgefordert, das Foyer zu begehen. Es folgt dabei einem Geschehen, das explizit rätselhaft bleibt.

Die Schauspieler nehmen Positionen ein, verschwinden wieder, sind über die Screens auf dem Platz draussen sichtbar. Schüler der Fachhochschule Nordwestschweiz, als schräge Truppe in unterschiedlichste Kostüme gewandet, vermessen den Platz, markieren Spuren, ziehen als Prozession mit Zitronenbäumen oder auch mit einem riesigen Exemplar dieser Zitrusfrucht an uns vorbei.

Den Zuschauern ist es frei gestellt, ihnen zu folgen, sich auf die Treppe zu setzen, der Band auf dem Balkon zuzusehen, oder rund um den Partyplatz zu schlendern. Dass sie selbst Herumirrende werden, ist mitgemeint. Kamerun lädt zwischendurch an die «Nichtsvoneinanderwissenwollen-Bar», wo es den «Orientierungslos-Drink» gibt.

Aber Party steigt in diesem Party-Setting keine. Mitglieder der Ballettschule des Theaters erinnern mit einer Schwanensee-Einlage daran, dass in diesem Haus der bildungsbürgerliche Kanon einst ein Angebot zur Identitätsfindung war. Heute sind auch diese Schwäne Umherirrende. Die Sopranistin Kristina Stanek beschwört mit ihrem Gesang nochmals die Macht der Kunst.

Kameruns Collage vermengt solche Höhepunkte mit Leerstellen, die durchaus die Geduld strapazieren. Zusammengehalten wird dieses Happening durch Handkes Sprache. Am Ende destilliert das Ensemble aus dem Schluss des Buches einige Minuten dialogisches Theater und unsere Rolle wird wieder klar: Wir sind Zuschauer. Etwas verwirrt zwar, aber doch applaudierend.

Spuren der Verirrten nur bis 20. November. Theater Basel.

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