Literatur

Der Dönerbuden-Index

Je mehr Dönerbuden, desto besser die Stadt: Abbas Khider hat eine neue Sichtweise aufs Thema Migration. Katja Hoffmann/laif

Je mehr Dönerbuden, desto besser die Stadt: Abbas Khider hat eine neue Sichtweise aufs Thema Migration. Katja Hoffmann/laif

«Ohrfeige», das neue Werk des irakischstämmigen Autors Abbas Khider, gibt ungewohnte Einblicke ins Leben eines Gestrandeten.

Kennen Sie den Dönerbudenindex? «Unter uns Asylanten gab es ein deutschlandweites Ranking, nach dem wir die Städte sortierten. (...) Der Dönerbudenindex besagte, ob viele Türken und andere Ausländer im jeweiligen Ort wohnten, und das wiederum war für uns alle ein wichtiger Anhaltspunkt, wie attraktiv eine Stadt war.» Das erzählt Karim Mensy, der Protagonist in Abbas Khiders Roman «Ohrfeige».

Karim ist ein irakischer Flüchtling, der um die Jahrtausendwende in Deutschland strandet. Eigentlich wollte er nach Frankreich, doch der Schleuser lässt ihn irgendwo in der bayerischen Provinz stehen. Nun durchläuft er die üblichen Stadien: Polizeiposten, Registrierung, Asylantenheim, Asylantrag, Verlegung. Schliesslich erhält Karim kurz vor den Terroranschlägen aufs World Trade Center eine zweijährige Aufenthaltserlaubnis.

Doch mit den Anschlägen wird alles anders. «Die Welt drehte durch», sagt Karim rückblickend. «Der ganze Irrsinn führte dazu, dass einige von uns fanatisch wurden. Ja, Frau Schulz, die bösen Muslime wurden jetzt tatsächlich böse.» Die Frau, der er das alles erzählt, sitzt ihm gefesselt gegenüber – es ist seine Sachbearbeiterin. «Für Sie war ich wohl Asylant 3873 oder so», sagt er zu ihr. Nun soll sie sich endlich seine ganze Geschichte anhören, ihn als Mensch wahrnehmen. Denn Karims Aufenthaltserlaubnis in Deutschland ist abgelaufen, wenn er in Europa bleiben will, muss er untertauchen oder sich in ein anderes Land schleusen lassen.

Abbas Khider ist selbst ein Flüchtling, im Jahr 2000 kam er nach Deutschland, studierte später und ist seit 2007 eingebürgert. Er schreibt auf Deutsch in einer einfachen, knappen Sprache. «Ohrfeige» ist sein viertes Buch, und das erste, das vor allem von Deutschland handelt. Vier Jahre habe er an diesem Roman gearbeitet, in jener Zeit erreichte die Flüchtlingskrise ihren Höhepunkt und Migrationsliteratur wurde populärer denn je. Doch es wäre falsch, Abbas Khider als Trittbrettfahrer zu bezeichnen, denn «Flucht, Exil, die Zerstörung der Person» seien sein literarisches Programm, wie er kürzlich dem Nachrichtenmagazin «Spiegel» sagte. Die deutsche Sprache ermögliche ihm dabei eine gewisse Distanz, die auch Heiterkeit zulasse.

«Nicht Burger, Bürger!»

«Ohrfeige» liest sich leicht und ermöglich trotzdem eine ungewohnte Sicht: Die Sicht eines neu angekommenen Asylbewerbers, der überfordert ist durch die komplizierten Behördengänge, die stete Angst davor, abgeschoben zu werden, und die Sprachschwierigkeiten. Missverständnisse, die einen zum Lachen bringen. Zum Beispiel, als Karim zum Arbeitsamt geht. «Ich könnte Ihnen eine Stelle bei Burger King vermitteln», sagt dort Herr Sepp, «Sie sind krankenversichert, verdienen etwas Geld und können langsam ein guter Bürger werden.» «Wie meinen Sie das, ein guter Burger werden?», fragt der Asylbewerber nach. «Nicht Burger, Bürger! Bürger. Bewohner des Landes. Bürger. Mit Umlaut. Also Staatsbürger. Deutscher. Bei Burger King.»

Abbas Khider Ohrfeige Hanser, 220 S. 28.90 Fr.

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