Kultur

Der Basler Film soll endlich eine Hauptrolle erhalten

Fristet ein Schattendasein: Pascal Trächslin vom Basler Filmförderverein Balimage.Archiv/Nicole Nars-Zimmer

Fristet ein Schattendasein: Pascal Trächslin vom Basler Filmförderverein Balimage.Archiv/Nicole Nars-Zimmer

Das neue Basler Kulturleitbild sieht mehr Subventionen für Filmproduktionen vor – beide Basel kooperieren. Jetzt soll der Basler Film sein Mauerblümchen-Dasein hinter sich lassen und sein Happy End finden.

Kulturbudget Basel-Stadt 2012: 120 Millionen Franken. Theater Basel: 33,5 Millionen Franken. Öffentliche Kunstsammlung Basel/Kunstmuseum: 13,5 Millionen . Sinfonieorchester Basel: 14,5 Millionen. Audiovision- und Multimediakredit: 300000 Franken.

In der stolzen Kulturstadt Basel spielen Filme seit Jahrzehnten die schlechtbezahlteste Rolle. Zu den 300000 kommen 200000 Franken aus Baselland hinzu, aber fast soviel geht dem Film wieder ab: Fotografie und Videokunst werden aus demselben Topf gefördert. Zum Vergleich: Ein Dokumentarfilm kostet im Schnitt rund 500000 Franken, ein Spielfilm 1,5 bis 2 Millionen.

«0,25 Prozent des städtischen Kulturbudgets fliessen in den Film, das ist schon etwas peinlich», sagt Vadim Jendreyko, Regisseur so erfolgreicher, preisgekrönter Filme wie «Die Frau mit den fünf Elefanten» und die «Singende Stadt» (siehe Interview unten). Jendreyko wohnt in Basel, hier hat er 2002 auch seine Produktionsfirma Mira Film gegründet. Doch vor vier Jahren zügelte er deren Hauptsitz nach Zürich, wohin er nun zur Arbeit pendelt. Man kann es Jendreyko schwer verdenken: In Zürich stehen Filmemachern rund 18 Mal mehr kantonale Fördergelder zur Verfügung – die Filmstiftung vergibt neun Millionen für Projektentwicklung und Herstellungsförderung.

Lange haben Basler Filmemacher ihre Randexistenz zähneknirschend hingenommen. Basel ist nun mal die Stadt der Kunst, des Theaters und der Musik. Doch jetzt begehren sie auf. In den vergangenen Jahren waren gleich mehrere Basler Dokumentarfilme national und international erfolgreich; mit diesem Erfolg wächst das Selbstbewusstsein. Vor fünf Jahren gründeten einige Filmschaffende den Verein Balimage, um das öffentliche Bewusstsein für den Wert des regionalen Filmschaffens zu wecken. Das Festival Zoom samt Verleihung des Basler Filmpreises entstand. Relativ neu in Basel sind zudem das Gässli- und das Bildrausch-Festival.

Neues Filmfördermodell entsteht

Balimages Vorhaben, eine Filmstiftung auf die Beine zu stellen, scheiterte Anfang Jahr. Doch die grundsätzlichen Forderungen nach mehr Film-Fördermitteln sickern langsam aber sicher auch beim Kanton Basel-Stadt durch. Philippe Bischof, seit 2011 Leiter Kultur, sagt: «Der Film und crossmediale Angebote gehören zu einem Bereich, der sich derzeit interessant entwickelt. Es gibt gute Gründe, diesen stärker zu fördern.»

Die Entwicklung des neuen Kulturleitbilds, das voraussichtlich am Mittwoch im Grossen Rat diskutiert wird, widerspiegelt die wachsende Anerkennung des Mediums Film. Im Entwurf von 2010 sollte noch auf eine Aufstockung der Filmförderung verzichtet werden, das Potenzial des Films wurde als «mässig» beurteilt. Im 2011 verabschiedeten Leitbild heisst es: «Der Kanton Basel-Stadt ist bestrebt, gemeinsam mit dem Kanton Basel-Landschaft und der Christoph Merian Stiftung die wachsende Strahlkraft des Basler Filmschaffens durch eine verstärkte Förderung zu unterstützen.» Und in der Antwort auf eine Anfrage der grünliberalen Grossrätin Martina Bernasconi verspricht die Regierung, dass «ein Modell zum Ausbau der Basler Filmförderung und deren Finanzierung» entwickelt werden soll.

«Es klingt mit jeder Formulierung etwas vielversprechender und konkreter», sagt Filmproduzent und Regisseur Frank Matter, Mitglied des Vereins Balimage. Auch Philippe Trächslin, Mitinitiant der Basler Filmstiftung und ebenfalls ein Vorstandsmitglied von Balimage, schöpft Hoffnung: «Der politische Wille, etwas zu bewegen, ist da. Wir sind auf einem guten Weg.» Sämtliche Filmemacher loben Bischof persönlich: «Der Film ist ihm wirklich ein Anliegen», stellen etwa Jendreyko und Trächslin fest. Und beide nehmen sich für vergangene Versäumnisse selbst an der Nase: «Wir sagen nicht: Der Kanton ist schuld. Unsere Zunft hat lange zu wenig für den Film lobbyiert.»

Die Kulturabteilungen beider Basel arbeiten nun im Austausch mit Filmemachern an einem neuen «tragkräftigen Modell», «das sowohl die Interessen der regionalen Filmschaffenden als auch die kulturpolitischen Vorstellungen der Basler Regierung vereinbaren lässt». Bischof will dabei analysieren, welches Potenzial der Film in der Region hat, kulturell und wirtschaftlich.

In Zürich und vielen deutschen Bundesländern muss gemäss Jendreyko jeder Förderfranken anderthalbfach in der Region ausgegeben werden – in Form von Personalkosten, Technik, Miete etc. Über die letzten fünf Jahre gerechnet habe dieser wirtschaftliche Effekt in Zürich sogar 400 Prozent betragen. Ausserdem profitieren die meisten regional geförderten Filme zusätzlich ein Mehrfaches von Fernseh- und Bundesgeldern à fonds perdu .

Die grosse Frage ist und bleibt: Woher das Geld nehmen? Kann der Kanton das Kulturbudget aufstocken? Kann er jemandem etwas wegnehmen? Letzteres wollen die Filmschaffenden nicht. Ursprünglich sollte die Filmstiftung neben Geldern vom Kanton und Lotteriefonds auch von Privaten gespeist werden. Die Christoph-Merian-Stiftung hatte bereits einen beträchtlichen Betrag zugesichert. Doch ansonsten steht dieses Public-Private-Partnership-Modell auf wackligen Füssen: Denn Sponsoren möchten in der Regel konkrete Projekte fördern, nicht Fördertöpfe, wie etwa Grossrätin Bernasconi feststellt. Für Bischof kommen solche Fragen zu früh: Man sei jetzt dran, alles «breit zu prüfen», bis kommenden Sommer soll ein Konzept stehen.

Sprachregionale Filmförderung

Jendreyko hätte einen «besseren» Vorschlag: eine überregionale Filmförderung für die ganze Deutschschweiz. Diese Idee propagiert der Basler Andres Brütsch, Mitinitiant der Zürcher Filmstiftung, gemäss eigenen Worten schon seit langem: «Es ist nicht sinnvoll, überall eine kleine Filmförderung zu haben», sagt er, «es kann nicht sein, dass jede Filmfirma in Zürich ein Büro aufmacht, um an die dortigen Gelder zu kommen. Das ist in niemandes Interesse.» Denn sogar wenn Basel auf eine Million oder anderthalb Millionen aufstockte, «ein Typ wie Vadim würde trotzdem in Zürich bleiben», sagt Brütsch. Eine überregionale Förderung, so wie sie in der Westschweiz gehandhabt werde, erhöhte nicht zuletzt die Qualität der Filme. «Eine sprachregionale Filmstiftung (analog der Fondation Romande) würde in der Praxis am meisten Sinn machen», findet auch Daniel Waser, Geschäftsleiter der Zürcher Filmstiftung. Doch weil das politisch nicht einfach realisierbar ist, sei ein verstärkte Basler Förderung ein guter erster Schritt.

Brütsch hält für Basel noch zwei Tipps bereit: Die Filmsparte brauche mehr Profil, man könnte sich zum Beispiel auf den bereits erfolgreichen Dokumentarfilm spezialisieren. Und ein charismatischer Kopf sollte her: «Einer wie Tino Krattiger, der herumrennt und die Leute begeistert.»

Pascal Trächslin und seine Kolleginnen und Kollegen von Balimage rennen schon seit fünf Jahren für die Sache des Films herum. Wenn wir weiterhin mit guten Filmen überzeugen und unsere Lobbyarbeit noch verbessern», sagt Trächslin, «wird dies zu einem Happy End führen.»

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